Schon in San Simeon am Pacific hätten wir leicht noch manche Tage an der Küste verbringen können, um den Wellen zu lauschen, den Flug der Pelikane zu verfolgen, Steine und Schwemmholz zu sammeln. Der Entscheid, zunächst ins Landesinnere zu reisen, geriet ins Wanken, wir haben versucht, den Aufbruch aufzuschieben, es ist aber kein Platz mehr frei gewesen fürs Wochenende.
Im Sequoia National Park dann, unserer ersten Station in der
Sierra, hat's uns gleich am ersten Ort, dem Hume Lake, gepackt. Der liebliche
Bergsee, von Wald umgeben, mit Gelegenheit zum Baden und Kanufahren ist uns
schnell heimisch geworden. Kindheitserinnerungen an den Silsersee und die
Lenzerheide sind aufgetaucht. Wir haben uns von dieser Idylle richtig
losreissen müssen, um in den spektakulären andern Teil des Parkes
weiterzuziehen. Dort sind wir auch keineswegs enttäuscht worden. Die Giganten
der Sequoias, die bizarren Felsgebilde,
Aussichtspunkte mit einmaliger Fer
nsicht, haben uns sogleich begeistert
und zu anstrengenden hikes herausgefordert. Jeder Tag hat einen andern
Höhepunkt gebracht. Das hat uns aber nicht daran gehindert, ab und zu mit etwas
Wehmut an den Hume Lake zurück zu denken.
Ähnlich haben wir dann auch den vielgepriesenen Yosemite-Park erlebt. Der Tag im Valley, dem touristischen Zentrum des weitläufigen Parks, ist uns vollauf genug gewesen. Wir sind zu den verschiedenen Fixpunkten wie Visitorcenter, Museum, Lodge geradelt und haben uns einen Überblick verschafft. Wir sind auf endlosen Treppen mit zahllosen Menschen hinauf gestiegen zum Vernal- und zum Nevada-Fall, haben den Blick ins tosende Wasser genossen und uns gefreut, dass wir diesen anstrengenden Weg leicht geschafft haben. Ja, es ist eindrücklich gewesen und hat sich ohne Zweifel gelohnt, wir möchten diese Faszination nicht missen. Wie glücklich sind wir aber gewesen, dass wir am nächsten Tag auf Toulumne Meadows, am wilden Fluss durch die weite Alpwiese, Platz gefunden haben. Stunden haben wir dort am Flussufer verbracht, die schillernden Spiegelungen bewundert und versucht, die Farbenpracht mit Fotoapparat und Pinsel einzufangen. Meist sind wir dabei für uns allein geblieben und mit den wenigen andern, die wir angetroffen haben, ist es leicht gewesen, ins anregende Gespräch zu kommen. Nichts Spektakuläres, gewiss, aber eben ein Ort, wo wir verweilen könnten, ein Ort, zu dem es uns wieder hinzieht. Vielleicht auf dem Rückweg im Herbst? Warum eigentlich nicht?
Die Fahrt durch Nevada gegen Osten dann. Endlose Weite, Strassen, die sich am Horizont verlieren, wo du glaubst nie anzukommen. Fremd, aufregend, herausfordernd. Meile um Meile durch ödes Land mit wenig Vegetation, keine Menschenseele nirgends. Und dann, nach einem Tankstop am Verkehrsknotenpunkt im Niemandsland, sind wir eingefahren in den Cathedral Gorge State Park, eine Oase ohne gleichen. Einer der gepflegtesten Campgrounds, den wir je erlebt haben. Frisch gerechter Kiesboden, ein schattenspendendes Dach, tadelloser Tisch und Feuerstelle - und eine Aussicht auf das Rund der roten Felsformationen im frühen Abendlicht. Welche Überraschung, hier einen solchen Ort zum Atemholen zu finden. Mit so wenigen Besuchern, dass ein ankommendes Paar sich von uns versichern liess, dass auch wir die Nacht über bleiben würden, weil sie nicht allein in der Einsamkeit sein möchten.
Zion National Park, von vielen, die wir angetroffen haben, in allen Tönen gelobt. Entsprechend unsere Erwartungen. Da sind wir auf ein perfekt organisiertes touristisches Eldorado gestossen. Komfortabler RV-Park vor den Eingang zur Schlucht, Erschliessung durch gratis Shuttles direkt vor der Türe bis zuhinterst in den Canyon. Dort dann nach kurzer Strecke auf sicherem Trail die ultimative Herausforderung. Zum Glück haben wir uns vorbereitet: Schuhe für ins Wasser gekauft und Stöcke gemietet, denn jetzt gilt es ernst.
Erst waten wir durch den Fluss. Nach wenigen hundert Metern schliessen sich die Bergflanken links und rechts, die schmale Rinne wird tiefer, das Wasser reicht uns bis zum Nabel. Viele sind mit uns unterwegs, das spornt zum Wagnis an, wir gehen durch. Noch unzählige Flussdurchquerungen folgen, mal tiefer, mal reissender, mal mit weichem Grund mal über spitze Steine. Umkehren? Nein, jede Flussbiegung verspricht neue Eindrücke. Erst nach zwei Stunden mit kurzer Rast treten wir den Rückweg an. Wer immer uns begegnet und um Auskunft fragt, erhält zur Antwort, es sei absolut lohnend und nicht halb so schlimm.
Zion, ein Ort fürs Abenteuer - aber einmal ist genug, wir
sehnen uns nicht nach Wiederkehr.
Dass bei Rückgabe der Stöcke unsere wohlbehaltene Rückkehr aus dem Canyon festgehalten wird, zeigt, dass wir eine echte Herausforderung heil überstanden haben.
Und jetzt, am letzten Abend im Bryce Canyon, scheint mir, dass hier beides zusammenfalle. Welch unglaublich faszinierende Landschaft. Ein einmaliges Märchenreich der Natur. Ob du von oben hinunterblickst oder hinabsteigst in diesen Zaubergarten, du verstummst und hältst den Atem an. Zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter haben wir das schon erlebt. Letztes mal, im Mai 2005, bei Schneefall, und heute unter der Rauchglocke eines fernen Waldbrandes. Einmalig, was die Natur uns hier bietet - und gleichzeitig meine tiefe Sehnsucht nach Wiederholung. Da möchte ich immer wieder hin, da taucht er unmissverständlich auf, der Wunsch nach ewiger Wiederkehr. Kein Wunder, haben schon die Navajos hier ihre Geister verehrt. Auch für mich ist hier ein Ort, wo stilles Verweilen und mutiges Wagnis sich treffen, ein heiliger Ort für wahr.
Weitere Folgen
1. Aufbruch zur grossen Reise: USA und Kanada
2. Mit Fragen die Reise beginnen
4. Sequoia Nationalpark: Zwischen Zeit und Ewigkeit
6. Orte zum Verweilen und Orte fürs Abenteuer
7. Waldsterben – ein Wort wird Wirklichkeit
8. Switzerland of America und Little America
9. Im Land der Shoshone-Bannock
10. Horizonte
11. Strandgut
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