Von ihren welschen Eltern hat die Baslerin Yvette Wermeille Albisser den Charme geerbt. An ihrem Arbeitsplatz vor dem Computer befragt, was sie vermissen werde, wenn sie im Herbst in Pension gehe, platzt sie heiter heraus: «Natürlich den täglichen Bürotratsch!» Ihre Lockerheit der nahenden Pensionierung gegenüber verdankt sie nicht zuletzt dem eineinhalbtägigen Seminar, das die Arbeitgeberin Coop ihren reifen Mitarbeitenden anbietet.
Am 12. und 13. Mai drehte sich im Coop-Bildungszentrum in Muttenz alles ums Thema Pensionierung. Eingeladen – auf freiwilliger Basis – waren Mitarbeitende der Jahrgänge 1947 bis 1949. Dreiundvierzig Personen packten die Gelegenheit beim Schopf. Auch Lebenspartner und -partnerin waren willkommen. In Vorträgen und Diskussionen ging es um alle Belange der Pensionierung. AHV, Pensionskasse, Rentenberechnung, Aspekte der Gesundheit, Erb- und Eherecht und sogar die Patientenverfügung waren Themen. «Auch wenn man in diesem Lebensabschnitt den Tod gern verdrängt», gibt Yvette Wermeille zu bedenken, «ist es gerade für eine Patchwork-Familie sehr wichtig, aktuelle Testamente zu haben. Mein Mann hat drei, ich zwei Kinder. Da muss einiges geregelt sein.»
Es geht nicht nur ums Finanzielle
Aufs Tapet kamen in Muttenz auch soziale Belange. Sie spielen im Rentenalter oft eine noch wesentlichere Rolle als das Finanzielle Wird man sich in der grossen neuen Freiheit wirklich frei fühlen? Frei wovon, frei wofür? Wie schafft man sich ein tragfähiges Netzwerk aus netten Menschen? «Coop macht das wirklich sehr gut mit diesem Seminar», sagt Yvette Wermeille. «Es ist ein sehr stimulierendes Bildungszentrum, und die Referenten und unsere Personalleiterin sind kompetente Leute.»
Mitarbeitende von Coop können sich schon ab 58 Jahren frühpensionieren lassen. Eine grosszügige Übergangsrente macht es möglich. Auch Yvette Wermeille nutzt die Chance. «Wenn ich Ende September den letzten Arbeitstag habe, bin ich genau 61,8 Jahre alt.» Das Alter in dieser Kommagenauigkeit ist ihre «déformation professionelle», denn sie abeitet – inzwischen mit reduziertem Pensum von 80 Prozent – bei der CPV/CAP, der Pensionskasse der Coop-Gruppe. In Form einer Invalidenversicherung schon vor hundert Jahren gegründet, ist diese heute mit 50 000 Versicherten eine der grössten Kassen. «Was im Seminar über die Renten berichtet wurde», sagt Yvette Wermeille, «war mir natürlich bekannt, aber es hat mich sehr interessiert, was die andern wissen wollten. Es gehört ja zu den Aufgaben der CPV/CAP, dass wir die Coop- Mitarbeitenden das ganze Jahr über von Rentenfragen bis Wohneigentum gut beraten.»
Sie freue sich sehr auf die Pensionierung, sagt Yvette Wermeille. «Aber ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. In den dritten Lebensabschnitt einzutreten, läuft nicht ganz emotionslos ab.» Auf ihrem Bürostuhl wirkt die 61-Jährige wie ein unruhiges Schulmädchen, während sie sich die nahenden Möglichkeiten auszumalen beginnt.
Viel Zukunft tut sich vor ihr auf. Angst, dass sie in ein Loch fallen könnte, hat sie nicht, aber sie glaubt, wie im Seminar empfohlen, dass man sich eine neue Tagesstruktur aneignen sollte. Das eilt aber noch nicht. In der ersten Zeit wird ausgiebig ausgeschlafen und vieles dem Zufall überlassen. «Nach dem Frühstück die Zeitung lesen, ja, die ganze Zeitung. Und ich werde sicher jeden Tag spörtlen. » Jogging und Krafttraining stehen schon heute viermal pro Woche auf dem Programm.
Ihr Mann ist jünger, er wird noch ein paar Jahre arbeiten. Dass man sich gegenseitig auf die Füsse tritt und sich einengen könnte, ist in nächster Zeit also nicht zu befürchten, «aber die Abgrenzung und die eigenen Freiräume sind schon wichtig. Das wurde im Seminarebenfalls angesprochen.» Da weder Sohn noch Tochter Absichten zeigen, sie zur Grossmutter zu machen, «droht» ihr vorerst kein Babysitting. «Ich kann einfach spontan wegreisen nach Paris», freut sich die Bilingue, «meine Tochter arbeitet dort als Grafikerin, oder ich besuche Freundinnen in Deutschland.» Und die kleine Ferienwohnung im Wallis wird seltener verwaist sein. Nichts wie hin zum Skifahren und Schneeschuhlaufen, sobald das Wetter und die Schneeverhältnisse stimmen.
Die Frühpensionierung hat ihren Preis
Vor dem Bildschirm, der seit sieben Jahren ihr Arbeitsplatz ist, kommt die Sachbearbeiterin ins Schwärmen: «Ich möchte wieder mehr fotografieren, vielleicht einen Fotokurs besuchen.» Stapel alter Aufnahmen und im Computer gespeicherte Bilder warten darauf, geordnet zu werden. «Oder ich mache einen Kochkurs. Indisch oder thailändisch?» Wieder öfter Gäste zu haben – darauf freut sie sich ganz besonders.
Yvette Wermeille gewährt interessante Einblicke: «Wir haben beim Haushalten eine funktionierende Arbeitsteilung.» Mit fifty-fifty werde es jedoch bald vorbei sein. «Es gehört zu unserem Abkommen, dass ich nach der Pensionierung wieder mehr übernehme und meinen Mann entlaste.» Neue Absprachen erfordert auch das Finanzielle. Die Frühpensionierung hat ihren Preis. «Bis ich AHV-berechtigt bin, werden wir klar mit Einschränkungen leben müssen.» Wo wird das Paar sparen? «Das müssen wir noch aushandeln», sagt die Baslerin und lacht verschmitzt.
«Ich hatte mein ganzes Leben nie genug Zeit», erzählt Yvette Wermeille Albisser. Eine Auszeit hatte sie nie, und grosse Reisen waren aus finanziellen Gründen nicht möglich. «Seit dem 16. Lebensjahr arbeite ich», erzählt sie und atmet hörbar aus. Auch als die Kinder, die sie lange allein hatte, klein waren, arbeitete sie stets ein gewisses Pensum. «In der ersten Zeit nach der Pensionierung will ich darum einfach gar nichts müssen», erklärt sie. «Möglich, dass mich etwas ‹agumpet›, eine neue Aufgabe, ein neues Hobby, aber vorerst will ich rein gar nichts planen. Einfach einmal gebührend die Blumen pflegen können, endlich Zeit haben, einen Schrank aufzuräumen. Und lesen!» Schon in den ersten Tagen werde sie in die Bibliothek gehen. Sie mag historische Krimis, «die einem vermitteln, wie damals gelebt wurde».
Beim Schlussapéro mit ihren Kolleginnen und Kollegen – Yvette Wermeille ahnt es bereits – wird man sich gegenseitig gerührt versprechen, miteinander in Kontakt zu bleiben. Aber sie macht sich da keine allzu grossen Illusionen. «Eine Zeit lang wird das wohl klappen, doch dann holt jeden und jede die eigene Welt wieder ein.» Und die Welt einer frisch Pensionierten ist besonders weit.
Und Sie?
Wie haben Sie damals die Zeit der Pensionierung erlebt? Haben Sie es sich anders vorgestellt, als es dann tatsächlich war? Was war schöner, was schwieriger als erwartet? Wovon möchten Sie abraten, welche Tipps können Sie geben? Mailen Sie uns Ihre wertvollen Erfahrungen: info@zeitlupe.ch
bildlegende: Yvette Wermeille Albisser freut sich auf ihre Pensionierung. Und über die vielen wertvollen Informationen, die ihr der Pensionierungskurs von Coop vermittelt hat.
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Fortschrittlich
«Halt – was heisst hier alt?» Mit einem Vortrag unter diesem Titel begann das Coop-Seminar 2009 für angehende Pensionierte des Grossverteilers. In weiteren Referaten und Diskussionen ging es um Gewinn und Verlust in der Pension. Beleuchtet wurde im eineinhalbtägigen Seminar von der neuenTagesstruktur über finanzielle und Gesundheitsfragen bis hin zum Ehe- und Erbrecht und dem sozialen Beziehungsnetz ein breites Band von Themen. Die Coop-Gruppe offeriert ihren älteren Arbeitnehmenden dieses Seminar kostenlos und während der Arbeitszeit. Wer in einer Firma arbeitet, die diesen fortschrittlichen Service nicht bietet, kann auf privater Basis ein ähnliches Seminar bei AvantAge buchen. Daten und Kursorte unter www.avantage.ch AvantAge ist eine Serviceleistung von Pro Senectute.
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coop seminar-pensionierung
als ehemaliger coop angestellter kann ich dieses seminar nur empfehlen,die betreuung und vepflegung war hervoragend.im erstenmoment lacht ich innerlich weil es ja noch lange bis zur pensionierung geht , aber im nachhinein muss ich sagen dass es der richtige zeitpunkt war.auch die behandelten themen waren gut ausgewählt.gruss ein ehemahliger.