Umwelt

Fliegende Edelsteine

Fliegende Edelsteine

  Libellen sorgen mit ihren Flugkünsten, ihrer Farbenpracht und der eleganten Erscheinung an manchem Teich für Abwechslung und Freude. Sie sind überaus geschickte Luftjäger und erbeuten andere Insekten.  

 

An einem sonnigen Sommertag herrscht rege Aktivität über dem Gartenteich. Grosse  Libellen mit abgeplattetem blauem Körper patrouillieren über dem Wasser und verteidigen ihr Territorium gegen Konkurrenten. Manchmal kommt es zu kurzen Luftkämpfen, wenn zwei Männchen dieser Libellenart aufeinandertreffen. Nahe beim Ufer lässt sich zudem ein Weibchen des Plattbauchs beobachten, das seine Eier mit wippenden Bewegungen ganz einfach  über dem Wasser abwirft. Es hat eine goldbraune Körperfärbung und unterscheidet sichdamit deutlich vom blauen Männchen. 

Derweil sucht eine farbenprächtige Königslibelle  knapp über dem Wasser nach einer  geeigneten  Stelle, wo sie ihre Eier ablegen könnte. Findet das Weibchen der Grossen  Königslibelle ein Schwimmpflanzenblatt, so setzt es sich darauf und hält den Legestachel ins Wasser. Mit heftigen Flügelschlägen zeugt es daraufhin genügend Gegendruck, um  den Legestachel in Pflanzenteile unter dem  Wasserspiegel einzustechen. 

Zwischen der Ufervegetation schweben grazile, leuchtend blaue Azurjungfern. Viele von  ihnen befinden sich mit dem etwas unscheinbarer gefärbten Weibchen im Tandemflug,  indem sie dieses im Kopfbereich umklammert  halten. Das Männchen fliegt vorn, das Weibchen  hinten, und so suchen die Paare dieser  zarten Kleinlibellen einen geeigneten Platz zur Eiablage. Manchmal kann man mitverfolgen, wie sich ein solches Pärchen niedersetzt – das  Weibchen krümmt dabei den Hinterleib zur  Eiablage, und das Männchen ragt von seinem  Kopf aus steil in die Höhe. Letzteres sorgt durch diese «Bewachung» ganz einfach dafür, dass sich kein weiteres Männchen mit seiner  Partnerin paaren und die Eier befruchten kann. Mit etwas Glück lassen sich zwei Kleinlibellen auch bei der eigentlichen Paarung beobachten. Dazu bilden sie ein sogenanntes ,  Paarungsrad indem das Weibchen seinen Hinterleib zum unteren Vorderkörper des Männchens  hinkrümmt, um die Spermien zu empfangen. 

Die Libellen gehören zu den ältesten flugfähigen  Insekten der Erde und haben sich in ihrem Grundbauplan über Jahrmillionen hinweg kaum verändert. Es gibt zwei Verwandtschaftsgruppen dieser urtümlichen Insekten, die als Grosslibellen und Kleinlibellen bezeichnet werden und sich in mancher Hinsicht klar  voneinander unterscheiden. Kleinlibellen sind  besonders zierlich gebaut und halten ihre Flügel  beim Ruhen über dem Rücken zusammengelegt. Ihre grossen Augen liegen weit auseinander, was dem Kopf ein hammerartiges  Aussehen verleiht. Grosslibellen dagegen halten  ihre Flügel im Ruhezustand seitlich ausgestreckt, und ihre Augen sind so gross, dass sie fast den gesamten Kopf einnehmen, wodurch dieser eher kugelig wirkt. 

Die riesigen Komplexaugen, die aus Tausenden  von Einzelaugen zusammengesetzt sind, verraten, dass Libellen ausgeprägte Augentiere sind. Sie zählen zu den am besten sehenden  Insekten und sollen auch Farben wahrnehmen können. Dank ihrer voluminösen Augen haben sie eine gute Rundumsicht, und sie können  ihren  Kopf bis 90 Grad drehen, um noch weiter  nach hinten zu blicken. Nähert man sich vorsichtig einer ruhenden Grosslibelle von hinten, so kann man manchmal sehen, wie sie plötzlich  ruckartig den Kopf bewegt und die sich  nähernde Gestalt anschaut. Auch das zeitliche  Auflösungsvermögen der Libellenaugen ist sehr  ausgeprägt, denn als gewandte und wendige Luftjäger müssen die Tiere rasche Bewegungsfolgen  erfassen können.

Ihre beeindruckenden Flugkünste haben die Libellen dem Aufbau ihrer mächtigen Flugmuskulatur zu verdanken. Diese erlaubt es ihnen,  die beiden Flügelpaare unabhängig voneinander zu schwingen. Dadurch sind sehr präzise  Flugmanöver möglich. Libellen können abrupte Wendungen im Flug machen, aus voller Geschwindigkeit heraus abbremsen und scheinbar  in der Luft stehen bleiben, senkrecht  hochsteigen oder ausdem Stillstand rasend  schnell beschleunigen. Manche Arten beherrschen sogar den Rückwärtsflug, was im Insektenreich  einmalig ist. Wie bei einem Helikopter  dient der lange Hinterleib der Libelle im Flug  als eine Art Stabilisator. Besonders ausdauernd  und schnell fliegen die etwas kräftiger gebauten Grosslibellen. Sie können stundenlang in der  Luft bleiben und erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 40 Kilometern pro Stunde. 

Mit grossem Geschick jagen die Luftjäger nach anderen, meist weniger wendigen Fluginsekten. Diese greifen sie häufig von unten her kommend an und überwältigen sie durch einen  festen Zugriff mit ihren Beinen. Diese sind mit  kleinen Dornen versehen, die das Festhalten erleichtern, und setzen sehr weit vorne am Körper  an. So ist es Libellen möglich, mit ihren sechs Beinen eine Art Fangkorb zu bilden, aus dem sich die Beute kaum mehr befreien kann. Kleinere Beuteinsekten wie Fliegen oder  Mücken werden meist noch im Flug verspeist.  Hat sie einen grösseren Falter erwischt, setzt  sich die Libelle eher zum Fressen nieder. 

Überwältigt werden verschiedene Insekten bis ungefähr zur eigenen Körpergrösse, wobei  auch andere Libellen nicht verschmäht werden.  Natürlich haben die Libellen ihrerseits  Feinde, etwa den Baumfalken oder andere  Vögel,  die in der Luft nach Insekten haschen. Sie sind gegenüber Beutegreifern praktisch wehrlos und tun auch dem Menschen nichts. Entgegen einer verbreiteten Legende tragen Libellen  nämlich keinen Stachel und können  deshalb nicht stechen. Trotzdem wurden die schönen Insekten früher als «Augenstecher» oder «Teufelsnadeln» bezeichnet. 

Ein feuchter Start ins Leben 

Ihr Leben beginnen die Libellen als unscheinbare Larven im Wasser, wo sie aus dem Ei  geschlüpft sind. Als Lauerjäger warten sie im Schlamm oder zwischen Wasserpflanzen versteckt auf kleinere Beutetiere. Nähert sich ein  kleines Wasserinsekt oder eine Kaulquappe, so lässt die Libellenlarve ihre mit spitzen Endhaken  versehene Fangmaske (eigentlich die  umgebildete Unterlippe) blitzschnell hervorschiessen und ergreift das Beutetier. 

Einige Larven von Kleinlibellen sind bereits  nach wenigen Monaten ausgewachsen und begeben sich zum Schlüpfen an Land, während  die Larven anderer Arten bis fünf Jahre im Wasser verbringen. Schlupfbereite Larven klettern  an einem Pflanzenstängel ein Stück weit an die  Luft empor. Langsam befreit sich das vollständig  entwickelte Insekt aus der am Rücken aufbrechenden  Larvenhaut. Dann dauert es einige  Stunden, bis Flügel und Körper ausgehärtet sind und das Tier zum Jungfernflug starten kann. 

Es ist schön, wenn sich viele farbenprächtige  Libellen am naturnahen Gartenteich einfinden. Doch tun dies nur relativ wenige der  65 in der Schweiz heimischen Libellenarten. Weitere Arten mit teils ganz bestimmten Lebensraumansprüchen  besiedeln kleine Bäche,  unverbaute Flüsse, natürliche Seeufer, Moore, Sümpfe, Flachgewässer oder Quellriede. Etliche von ihnen sind wegen des Verschwindens ihrer Lebensräume sehr gefährdet. 


Bild: redaktion zeitlupe.ch