Alfiero Canapini wartet am Check-In-Schalter im Römer Flughafen Fiumicino. Nach vier Stunden kommt er dran. Die Alitalia-Angestellte sagt ihm, dass er nicht fliegen könne; sein Platz sei vergeben. Overbooking. Er hatte vor vier Monaten gebucht und bezahlt. Statt auf den Bosporus blickt er jetzt aus einem billigen Plattenhotel am Flughafen auf den Tower von Fiumicino.
Auf der neuen Umfahrungsautobahn bei Mestre - im Hinterland von Venedig - stauen sich die Autos auf 30 Kilometern. 160 000 Reisende sind fünf Stunden lang blockiert. Das war am letzten Samstag.
Italien befindet sich - wie jedes Jahr im August - im Ausnahmezustand. 24 Millionen Italiener sind zurzeit unterwegs, zehn Prozent mehr als im letzten Jahr. Dazu kommen Hunderttausende von Touristen. Sie, die Ausländer staunen und nerven sich. Die Italiener nehmen es gelassen. Sie kennen das jährliche Schauspiel. Das Chaos im August hat fast schon Kult-Charakter. Eigentlich lieben sie diese Massenflucht an die Strände.
Federball auf der Autobahn
Die wichtigste Autobahn Italiens, die Autostrada del Sole, führt zwischen Bologna und Florenz über den Apennin. In einem der vielen Tunnels kurz vor dem Pass stossen vier Lastwagen zusammen. Es bildet sich ein Stau von 16 Kilometern. Die Italiener verlassen ihre Autos, schwatzen angeregt und legen auf den Autodächern Karten. Kinder spielen Federball. Jean-Luc Godard drehte vor 33 Jahren einen Film mit solchen Szenen: „Week End". Wir hielten das für übertrieben.
Doch auch Italiener geraten in Rage. Die riesige Tirrenia-Fähre mit dem Namen „Toscana" ist auf dem Weg von Sizilien nach Sardinien. Da erleidet sie einen Motorschaden. Wie meist in solchen Fällen in Italien: Man erfährt nicht, was los ist. 24 Stunden lang sind 500 Touristen bei brütender Hitze an Bord blockiert, unter ihnen schwangere Frauen und alte Menschen. Da kommt es zum Aufstand. Das war am letzten Wochenende.
Oder: Mario Pasquini kommt von den Ferien zurück und landet in Fiumicino. Er wartet auf den Koffer: zwei Stunden, drei Stunden, dreieinhalb Stunden. Dann dreht sich plötzlich das Rollband - mit seinem Koffer. Andern geht es ebenso. Die Polizei greift ein, um die Reisenden zu beruhigen. Selbst Manager schleppen jetzt Koffer.
80 Kilometer Baustelle
Das Land kollabiert, wie jedes Jahr im August. Wer nach Syrakus auf Sizilien will, oder ins herrliche Sila-Gebirge in Kalabrien, oder nach Amendolara am ionischen Meer, nimmt die Autobahn zwischen Salerno und Reggio di Calabria. Dort gibt es zurzeit eine 80 Kilometer lange Baustelle: „Weltrekord", prahlen die Zeitungen. Am letzten Wochenende musste die Autobahn für Stunden geschlossen werden. Der Verkehr brach zusammen, und er wird auch dieses und nächstes Wochenende zusammenbrechen.
Denn bis zum 16. August ist im Belpaese der Teufel los: auf den Strassen, an den Stränden, in den Restaurants. Millionen kämpfen sich durch die Staus und strömen an die Meere. Tutti al mare. Die Fabriken stehen still, alle Ämter sind geschlossen, die meisten Geschäfte sind zu, die Kinos: „chiuso per ferie", wer eine offene Reparaturgarage findet, hat Glück. Um ein Brot oder einen Liter Milch zu kaufen, braucht es oft abenteuerliche Umwege. In Mailand mussten Lebensmittelgeschäfte aufgefordert werden, nicht zu schliessen - damit die Daheimgebliebenen nicht gerade verhungern. „Mailand - offen im August", heisst die Aktion. In der riesigen Millionenstadt sind jetzt immerhin tausend Geschäfte geöffnet.
78 Prozent sind in den Ferien
Die ersten Fabriken im Norden schliessen schon Mitte Juli. Dann, am 1. August, beginnt der Massenexodus. Höhepunkt ist der 15. August: der Ferragosto. Dann sind 78 Prozent der 5- bis 65-jährigen Italiener in den Ferien. Früher galt die Regel: Wer an Ferragosto nicht im Meer badet, ist kein Italiener. Heute zieht es auch viele in die Berge oder ins Ausland.
Der 15. August ist in Italien ein magischer Tag. „Ferragosto" geht auf den lateinischen Ausdruck „Feriae Augusti" zurück: die Ferien des Augustus, des ersten römischen Kaisers. Der 15. August gilt als der heisseste Tag des Jahres, als Wendepunkt; dann geht es bergab. Augustus bestimmte, dass dieser Tag arbeitsfrei sei, und zwar für alle, auch für die Sklaven. Die Wohlhabenden, die Padroni, dankten an diesem Tag den Untergebenen, übermittelten ihnen ihre guten Wünsche und gaben ihnen ein Geschenk. Der 15. August bedeutete auch das Ende der mühsamen Erntezeit.
Ferragosto ist auch der Tag der geistigen und seelischen Reinigung. Feuer wird angezündet, um das Böse von sich zu wenden. Man trägt Fackeln über die Strände ins reinigende Wasser. Noch werden ab und zu solche Bräuche gepflegt. Um Mitternacht nimmt man im Meer ein Bad. Überall wird Feuerwerk gezündet.
Noch heute werden Prozessionen gefeiert, vor allem - zum Auftakt des Ferragosto - am 13. August. Dann ehrt man Diana, die Göttin der Fruchtbarkeit. Überall finden auch Pferderennen statt, das berühmteste ist am 16. August der Palio in Siena. Doch Ferragosto wurde im Laufe der Jahre immer mehr kommerzialisiert. Die meisten Italiener feiern heute Ferragosto, indem sie sich ein gutes Essen und einen guten Wein gönnen. Die Kirche hat den vorchristlichen Ferragosto-Brauch usurpiert und auf den gleichen Tag „Maria Himmelfahrt" angesetzt.
Umsatzeinbussen von 25 Prozent
Doch die Wirtschaftskrise wirkt sich auch auf den Ferragosto aus. Früher fand man an diesem Tag kein Hotelbett am Meer, keinen Platz im Restaurant: „Tutto esaurito" - alles ausgebucht. Heute ist das anders. In der Toscana, der wichtigsten italienischen Touristenregion, sind die Hotelbetten zurzeit nur zu 55 Prozent besetzt. „Eine Katastrophe", sagt ein Hotelier in der toskanischen Maremma. Im Durchschnitt verringern sich die Umsätze der Hoteliers um 15 bis 20 Prozent. Die teuren Hotels leiden etwas weniger als die günstigen. Zwar haben viele Hotels die Preise um rund acht Prozent gesenkt, doch der Erfolg bleibt aus. Auch den Restaurants geht es nicht gut. Der Besitzer des Edelrestaurants „La Grotta" in Montepulciano spricht von einem 25-prozentigen Umsatzrückgang.
Wegen der Krise wollen zwar die Italiener nicht auf die Ferragosto-Ferien verzichten - aber sie machen billiger Ferien. Gefragt sind vor allem die riesigen All-inclusive-Touristenkomplexe im Süden, wo das Leben um 16 Prozent billiger ist als im Norden. Zwölf Tage gehen im Durchschnitt die Italiener in die Ferien. Immer mehr sieht man auch auf den italienischen Strassen Wohnmobile mit italienischen Kennzeichen. Für 200 Euro kann man solche Caravans mieten und die ganze Familie in die Ferien führen. Um drei Prozent zugenommen hat auch die Zahl der Italiener, die im billigen Ausland Ferien machen.
Italien ohne Amerikaner
Die Umsatzrückgänge liegen auch an den fehlenden Ausländern. Die Franzosen allerdings kommen häufiger. Glaubt man der Zeitung „Il Giorno", so sei dies ein Carla Bruni-Effekt. Stolz erklärt die Zeitung, dass die Franzosen eben die toskanische Küche liebten. Einen Beitrag leistete auch ein Buch, das auf den französischen Hitlisten steht: „Nuits d'été en Toscane" von Esther Freud.
Ein anderes Buch jedoch trägt keine Früchte mehr: „Under the Tuscan Sun", von Frances Mayes, ein Bestseller in Amerika, den selbst Bill Clinton verschlang. Die Autorin beschreibt auf sehr amerikanische Art, wie sie in Cortona ein Haus gekauft hat. Das Buch erreichte ein Millionenpublikum, ein Film wurde gedreht, und zehntausende Amerikaner pilgerten deswegen in die Toscana. Das war einmal. Heute kommen die Amerikaner nicht mehr - zu teuer, zu unsicher. Auch die Japaner bleiben aus. Treu geblieben sind die Nordländer, auch die Schweizer.
12 Euro für ein Bier
Doch es ist nicht nur die Krise, die den Italienern Umsatzrückgänge bringt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt in Italien oft gar nicht mehr. Die italienische Tourismus-Branche ist fett und faul geworden. Jahrelang lebte die Zunft in Saus und Braus, ohne sich anzustrengen. Oft ist der Service heute miserabel, oft sind die Preise jenseits des Absurden. Nur weil das Kolosseum in der gleichen Stadt steht, kann man heute nicht mehr 12 Euro für ein Bier verlangen. Kellner und Kellnerinnen sind oft unfreundlich, widerwillig, unprofessionell. „Der Kunde ist König" hiess es einmal. In Italien ist der Kellner und Restaurant-Besitzer König und den Kunden gibt es nur beim Bezahlen.
In Montepulciano, wo der tiefrote Vino nobile di Montepulciano wächst, will sich jemand in einer Bar am Corso einen guten Wein leisten: ein Glas für neun Euro. Die junge Kellnerin bringt den Wein in einem Plastikbecher. Protest. „Bitte bringen sie für einen 9 Euro-Wein ein richtiges Glas." Antwort: „Non c'è l‘ho" - es gibt keines - und weg ist sie.
Der liebe Gott in der sixtinischen Kapelle
Trotz Verkehrskollaps, trotz dürftigem Service und übersetzen Preisen, trotz dem Chaos in schmutzigen Zügen, auf Autobahnen und auf Flughäfen: Die Faszination Italien bleibt bestehen. Das Land ist so herrlich, dass man viel Unangenehmes vergisst. Die Thermen des Caracalla sind so hinreissend, dass man die verkochten Penne für 25 Euro ad acta legt. Die Costiera Amalfitana, das wunderbare neapolitanische Chaos, die Sila-Nationalpärke, die weiche Landschaft im Val d'Orcia, die Ruinen von Pompei, das Schloss von Urbino, die weisse Stadt von Ostuni, die thyrrenischen, ionischen und adriatischen Strände, Lecce, Modena, Elba, Capri, Giglio - und tausend Dinge mehr. Alles ist so faszinierend anziehend, dass man bei schlechtem Service noch ein Auge zudrückt. Noch. Die Italiener täten gut daran, etwas selbstkritisch zu werden. Sonst hilft ihnen auch der liebe Gott in der sixtinischen Kapelle nicht mehr.
„Ich benütze keine öffentlichen Toiletten"
Die neuen Oligarchen kümmert all das wenig. Italien wird immer mehr zum Paradies jener, die bisher kaum gekommen sind: den ganz Reichen aus dem Osten und den arabischen Ländern.
Im Grand Hotel Principe di Piemonte in Viareggio steigt eine Tochter des saudischen Königs ab. Sie mietet gleich zwölf Zimmer. Dann unternimmt sie einen Ausflug ins nahe Forte dei Marmi, einen der exklusivsten Flecken Italiens. Dort speist sie in einem Luxusrestaurant. Schliesslich muss sie auf die Toilette. Für 15 Minuten mietet sie eine Suite im nahen Luxushotel: „Ich benütze keine öffentlichen Toiletten." So geschehen letzte Woche.
Scheich Al Waleed steigt im Four Seasons in Florenz ab. Er wird von Bürgermeister Matteo Renzi empfangen. Dann will er in Ruhe einen Film anschauen. Da mietet er gleich das ganze Kino Odeon. Er will nicht gestört werden von Pommes Chips-kauenden Nachbarn. Anschliessend mietet er 20 Velos und fährt mit seiner Familie durch die Stadt. So berichtet es die Zeitung „La Nazione".
Lev Blavatnik, ein Russe, gehört zu den 50 reichsten Menschen der Welt. Da mietet er gleich das gesamte 5-Stern-„super lusso"-Hotel Grand Hotel Villa San Michele in Florenz. Seine Frau liebt den Gesang von Andrea Bocelli. Der blinde Sänger wird eingeflogen und singt für die Gattin zum Geburtstag.
Oder, ebenfalls in Forte dei Marmi: Ein sehr reicher Russe speist mit Freunden in einem exquisiten Restaurant. Es wird spät. Dann fährt er mit einem Mega-Zylinder-Auto los und will schlafen gehen. Auf dem Weg kollidiert er mit einem Moped, das von einem Einwohner von Forte dei Marmi gelenkt wird. Der Moped-Fahrer bleibt unverletzt, am Scooter entsteht kleiner Sachschaden. Der Moped-Fahrer will die Polizei rufen. Der Russe antwortet, er habe keine Zeit, auf die Polizei zu warten. Er drückt dem Moped-Fahrer 4‘000 Euro in die Hand und braust davon.
Heiner Hug
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Die beste Art, sich zu wehren, ist sich nicht angleichen. (Marc Aurel)
Ohren können das Gute hören, Augen das Schöne sehen, wenn das Hirn dies zulässt
danke Heiner Hugi