Gesellschaft

Von der Freiheit der späten Jahre

Von der Freiheit der späten Jahre

Von Altersproblemen ist überall die Rede. Aber gibt es denn im Alter nichts als nur Probleme? Gibt es nicht auch Vorzüge?

 

Altersprobleme? Wir finden sie ausführlich beschrieben z. B. im Lexikon der Psychologie auf Wissenschaft online: „Verfall des Körpers, Krankheiten, Nachlassen der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, Einschränkung der körperlichen Mobilität, Begrenzung der Beziehungen und der Aktivitäten, wachsende Abhängigkeit, abnehmende Lebenszeit und Zukunftsperspektiven, Identitätsverlust durch Berufsaufgabe, Verlusterlebnisse durch den Tod anderer, Einsicht in die Unvermeidbarkeit des eigenen Todes etc. …“

Aber gibt es denn   n u r  Probleme? Und keine Vorzüge? Noch nicht einmal einen …? Aber ja doch! Beispiel gefällig? Man muss im Alter nicht mehr unbedingt wollen, was man nicht mehr will. Es befreit einem von so manchen Verpflichtungen, mit denen wir gross geworden sind, die wir uns im Laufe der Jahre selbst auferlegt haben oder die andere, wie selbstverständlich einfach von uns erwarteten.

Es macht uns unabhängig von so manchen Konventionen, Sitten und strengen „Gesetzen“, die uns jahrelang mehr oder weniger dazu gezwungen haben, sich nach ihnen zu richten. Es macht uns frei von Moden und Konventionen, die uns schon immer nur lästig waren, - und vor allem von den so unerbittlichen Geboten des Ehrgeizes: besser – reicher – cleverer – klüger – fähiger - grösser – mächtiger – attraktiver zu werden usw. Endlich antworten dürfen wie Colombin (Peter Bichsel lässt grüssen): „Ich will nichts [mehr] werden, ich bin schon etwas …“

Wie schön …

Wir müssen nicht mehr punkten und prahlen mit unseren Talenten und Fähigkeiten, unseren Kräften und Tüchtigkeiten, unserem Wissen, unserer Bildung. Wozu denn? Jetzt müssen wir doch endlich nicht mehr andere überbieten, überrunden, übertreffen. Anderen nicht mehr imponieren wollen mit dem, was wir haben; abrufen, aufsagen und vorzeigen können. Wir brauchen nicht mehr der Freundin oder dem Kollegen weismachen, dass wir dieses oder jenes gesehen, gehört, besucht oder gelesen haben, - einzig nur, um Eindruck zu schinden, um bewundert zu werden; um „besser“ dazustehen als sie.

Jetzt können wir ohne Umschweife zugeben, dass wir Urs Fades Buch <Als hätte die Stille Türen> nur bis zu dem Satz „Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum“ (so oder so ähnlich) gelesen haben; dass das neueste literarische Werk von Peter Handke noch immer nicht ausgepackt ist; uns der Name Pascal Bruckner nichts sagt; wir erst seit Kurzem wissen, dass Klitschko kein russischer Politiker und der Autor Kehlmann nur langweilig ist; die Neuinszenierung einer Verdi-Oper uns zum Gähnen brachte, die Predigt des Bischofs zum Einschlafen.

Natürlich kaufen wir Bücher oder leihen sie aus, um sie zu lesen; gehen wir in Museen, ins Theater, ins Kino, in Konzerte, in Kirchen, Volkshochschulen usw. Doch müssen wir jetzt unbedingt und weiter so wie noch vor Jahren à jour sein, nur um mitreden können? Um anderen, unseren Kindern, Freunden, Nachbarn zu verstehen geben, dass wir immer noch auf dem Laufenden sind, - vor allem im Vergleich mit Schwager Hubertus oder Frau Schwarzstein in Zimmer 206.

Muss das sein? Muss keineswegs mehr sein.

Und weiter: die <Lindenstrasse> am Sonntagabend in der ARD? Na klar! Lieber Luzern gegen Basel als die Dichterlesung mit Moritz Rinke. Orgelkonzert in der Apostelkirche oder der Jassabend? Blöde Frage! Gala und Frau mit Herz? Warum nicht!? Video auf YouTube und ein Rätselheft? Was dagegen!? Die Gruppe „Green Day“, aber auch „SF bi de Lüt?“ Aber Hallo!

Und wenn wir schon dabei sind, dann so weiter: Ban Ki Moon, Brandmüller, Gabetta, Joop? Gehry, Habermas, Leuthard? Kent Nagano, Monika Hauser, Dragan Aleksic, Susan Neiman?

Kenne ich nicht, weiss ich nicht, sagt mir nichts, gefällt mir nicht. Oder auch so: Vergessen, gemieden, gestrichen. Weggeblieben, weggelegt, weggehört, weggezappt.

Zugegeben: Es braucht seine Zeit, bis man – nach all den Jahren unter so viel Druck und Zwang, Buckeleien und Gängeleien - mit einem Male die Lust an der späten Freiheit erst behutsam in sich selbst entdeckt, dann zu schätzen beginnt und schliesslich so frei ist, sich zu erlauben, sie hemmungslos zu geniessen.

Altersprobleme, um endlich zu diesem Stichwort zurückzukommen, nichts als nur Probleme? Und keine Vorzüge? Sicher, allzu viele gibt es nicht. Einen habe ich versucht zu beschreiben: die Freiheit der späten Jahre.

Weitere Vorzüge gibt es ganz bestimmt. Natürlich. Sicher. Gerade eben wusste ich noch einen weiteren. Einen Zweiten … Doch dummerweise fällt er mir im Augenblick nicht mehr ein. Wirklich, zu dumm …!

 

Kommentare

Bild des Benutzers Brigitte Poltera

Nach der Chance für einen Neuanfang gibt es neue Verpflichtungen

Ich habe mir vor dreizehn Jahren überlegt, wie es wohl wäre, wenn ich wegzöge, irgendwohin ins Ausland, Partner, Familie und Bekanntenkreis hinter mir liesse und einen Neuanfang wagte. Darin lag für mich etwas Betörendes. Nach reiflicher Überlegung schien mit der Verlust im Vergleich zum Gewinn der absoluten Freiheit zu gross. Die Chance der Pensionierung lag für mich in einer Neuorientierung, die Suche nach neuen Aktivitäten, in welchem Partner, Familie, Freunde und die neuen Tätigkeiten ihren Platz finden. Das ergab mit den Jahren neue, spannende Verpflichtungen, mit der Zeit so viele, dass sie auch im Alter wieder überdacht, neu gewertet und allenfalls verändert werden müssen. Denn - wann ist man alt, und ab wann gelten Vorstellungen über die Freiheit bis zum Lebensende?
Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Von der Freiheit, von Zängen befreit zu sein

Ein Leben lang kämpfte er um die Freiheit, Freiheit in Beruf, Umfeld, Ehe und Freizeit Freiheit, die er meinte, Freiheit, um die er weinte. Und jetzt hat er sie: Die Freiheit, alles zu sagen, die Freiheit, alles zu wagen, die Freiheit die Zeit zu verschwenden die Freiheit sein Leben selbst zu beenden. Und was hilft’s ihm? Die Freiheit hat ihn vereinsamt, da ist keiner mehr, der ihn vereinnahmt Er hat sich in seinem Bau verkraucht: und wird schlicht nicht mehr gebraucht! Aber da wartet Freund Hein Doch, einer, von dem er nichts wüsste Der hat ihn noch auf seiner Liste Und bist Du als Senior endlich wieder auf Trab: - Dann hakt er Dich ab! Bernhard 16.08.09
Bild des Benutzers Margrit Ulli

Von der Freiheit der späten Jahre.

Lieber Herr Schupp, Bravo! Sehr gut geschrieben!! - Und wenn man in einer Gemeinschaft lebt, muss man trotzdem auch Rücksicht nehmen; aber auch Zeit für sich selbst darf ebenso dabei sein. Das mache ich. Herzlichen Gruss, Sr. Margrit Ulli.
Sr. Margrit Ulli

Freiheit nur im Alter?

Warum erst im Alter? Ich habe mein ganzes Leben lang meine eigenen Massstäbe gesetzt und mich nicht die Bohne um Mode und Konventionen gekümmert. Allerdings setzte ich mir relativ hohe ethische und arbeitsmoralische Massstäbe. Solange ich Rücksicht auf meine Mitmenschen und die Umwelt nahm, wurde meine freiheitliche Einstellung auch akzeptiert. ("Na, ja, Ex-Hippie halt") - Was ich seit meiner Pensionierung geniesse, ist die freie Zeiteinteilung, ein Luxus ;) ;)
Bild des Benutzers Roberto Binswanger

voll wahr!

Voll wahr! Ich bestimme, was mich interessiert, was mir wichtig ist, was mir schnuppe ist. Und schnuppe ist mir auch, was andere über mich, meine Lebenseinstellung, meine Präferenzen denken. Ich setze meine eigenen Massstäbe, nehme keine Rücksicht auf Konventionen, Moden, Meinungen anderer. Rücksicht nehme ich aber auf andere, auf die Natur und natürlich auch mich selbst. Letzteres heisst, dass ich rücksichtsvoll und mein fortgeschrittenes Alter berücksichtigend mit mir umgehe.