Gesundheit

Wie Bürokratie den Menschen schadet

Wie Bürokratie den Menschen schadet

Verordnete Bürokratie und mangelndes Verantwortungsbewusstsein seitens der Krankenkassen und der Politik stehen einer angemessenen Betreuung von Menschen mit Demenz im Weg. Die Zeitschrift Perspektiven deckt in ihrer neuen Ausgabe Missstände auf.  

Menschen mit Demenz leiden zunehmend unter schlechten politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Die aufwendige, für das Wohl der Patienten sehr wichtige Betreuung, wird von den Krankenkassen nicht unterstützt. Aktivierungsangebote wie Ausflüge, Unterhaltung oder validierende Gespräche gehen zu Lasten der Patienten oder der Institution. Das Ruhigstellen mit Medikamenten ist eine leider noch zu oft praktizierte Alternative zur angemessenen Betreuung und Aktivierung. Diese ethisch höchst fragwürdige Methode hingegen wird von den Krankenkassen finanziert.

Falsche Anreize

Doch auch jene Leistungen, die von den Krankenkassen übernommen werden, müssen von den Institutionen teuer „erkauft“ werden: Jede verwendete Einlage, jede Salbe, jedes Verbandszeug oder Medikament muss dokumentiert werden. Verbraucht der Bewohner mehr davon, bieten sich der Institution drei Möglichkeiten: Entweder sie beantragt (mit grossem Zeitaufwand) eine Erhöhung der Beiträge, sie verzichtet auf die Beiträge und trägt die Kosten selber. Oder sie lässt den Bewohner mit nassen Hosen herumlaufen.

Überregionale Institutionen wie die Sonnweid, die dank ihrer Grösse (gleich mehr Bewegungsfreiheit und fachliche Kompetenz) Menschen mit Demenz eine höhere Lebensqualität ermöglichen, erhalten keine Zuschüsse mehr vom Bund und den Kantonen. Die Politik hat sich ihrer Verantwortung entledigt, indem sie sie nach unten delegierte. Langzeitpflege liegt heute in der Kompetenz der Gemeinden. Besonders kleine Gemeinden sind mit dieser Aufgabe überfordert. Vielerorts entstehen neue Abteilungen für Menschen mit Demenz. Leider handelt es sich zu oft um Renommierbauten, die weder Bewegungsfreiheit bieten noch mit fachlicher Kompetenz gefüllt werden können.

Weniger Zeit für die Menschen

Formulare ausfüllen und archivieren, Statistiken führen und weiterleiten an Krankenkassen und Ämter, aufwendige Qualitätssysteme unterhalten: In den
vergangenen Jahren ist der administrative Aufwand in der Langzeitpflege stets
grösser geworden. Den Mitarbeitenden in Pflege und Betreuung wird diese Form von Bürokratie von der Politik und den Krankenkassen verordnet. Für die eigentliche Aufgabe, der Betreuung und Pflege der Menschen, die ihnen anvertraut wurden, bleibt daher immer weniger Zeit.

„Die Betreuung von Menschen mit Demenz braucht einen grosszügigen Ansatz, braucht eine andere Dimension des Denkens“, schreibt der Sonnweid-Leiter Michael Schmieder im Editorial der Zeitschrift Perspektiven. „In diesem Denken geht es um mehr als formale Kriterien, da geht es um Zuwendung, die nur in Systemen entstehen kann, die sehr genau hinschauen, wer wie pflegt und betreut. Es geht um das Menschenbild des Einzelnen und das der Organisation. Und es geht darum, Raum zu geben, damit Beziehung gelebt werden kann.“

Interview mit Gesundheitsdirektor

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Perspektiven berichten neben Schmieder verschiedene Mitarbeitende und Kaderleute der Sonnweid über den teilweise unsinnigen administrativen Aufwand, der ihnen von Behörden und Krankenkassen verordnet wird. Die andere Seite kommt auch zu Wort: In einem Interview erklärt Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger die Gesundheitspolitik und das Pflege- und Betreuungsverständnis im Kanton Zürich. Die Zeitschrift Perspektiven kann bei der Sonnweid bezogen oder von der Website heruntergeladen werden.

www.sonnweid.ch, perspektiven@sonnweid.ch

(Text Martin Mühlegg, deutlich.ch)