„Jedermann wird sie antreffen, die Kreuze; jedermann hat sie zu tragen. Mir kommt es vor, als stünden an meinem Weg besonders viele Kreuze, als wären sie besonders schwer. Ich wollte ich könnte sie leicht tragen; aber ich bin schwach. Ich habe Angst, eines Tages könnte mich ein Kreuz erdrücken – es würde kein Leiden sein, viel mehr Erlösung. Das ist das Komische: Angst und Verlangen zugleich. Oft frage ich mich, ob ich krank sei, vielleicht? Sicher! Burn out, oder Schwermut? Eigentlich kenne ich diesen Zustand sehr genau, ich kann ihn sogar analysieren, verfolgen, bekämpfen. Ich kenne die Ursachen und auch die Prophylaxe“.
„Das ist schwer zu verstehen, ich meine: Dich zu verstehen; wo Du doch weisst, wieso und warum.“ „Ich weiss, ich weiss! Aber ich weiss nicht, wie ich es hätte anders machen sollen. Das ist ja das Schwere, Erdrückende. Ich mag nicht mehr. Nie sagt jemand zu mir: Das hast Du gut gemacht. Kein Dankeschön, lieber Vater, kein Dankeschön, lieber Mann. Du hast es schön, sagt man mir. Ist das Vorwurf oder neidhafte Feststellung?“
„Hast Du es denn nicht schön – jetzt: hier und heute?“ „Siehst Du: nun kommst Du auch damit! Natürlich habe ich es schön; aber ich möchte halt wissen …“ Sein Blick geht durchs Fenster, ins Freie – ohne Worte. Diese scheinen irgendwo stecken zu bleiben. Ich warte lange, ehe ich versuche sie herauszuholen.
„Was möchtest Du wissen?“ „Ach, weisst Du, es geht mich ja nichts mehr an, ich brauche es nicht zu wissen; aber …“ „Aber Du möchtest es wissen!“ „Hast Du nicht auch ein Leben lang für die Familie gesorgt und …“ „Und?“ „Und jetzt weiss ich nicht einmal, wie viel Lohn die verdienen, wie viel Schulden sie haben. Ob sie in den nächsten Ferien in Griechenland oder Feuerland sind, wo doch die Firma weniger Aufträge hat; aber das muss ich auch in der Zeitung lesen.“ „Du könntest fragen.“ „Dann heisst es: mach Dir darüber bloss keine Sorgen, wir schauen schon; es ist nicht mehr wie zu Deiner Zeit!“
Aus „seiner Zeit“ erzählt er. Er hatte „Etwas“ zu sagen – und er sagte! Zum Wohle aller, das war seine Befriedigung, seine Aufgabe. Die löste er mit Bravour; er nennt es Erfolg! Erfolgreich, immer gut – er war ja sein eigener Chef – deshalb dachte er beizeiten an Übergabe und „Abtreten“. Dabei noch „Schönhaben“, allmählich wegtreten, abgeben, progressiv zurückschrauben. Dann kam das mit der Auftragsbeschaffung, die Kunden pfiffen auf das, worauf er besonders Stolz war: die Qualität. Ausschlaggebend war der Preis. Man musste anpassen; ihm passte das nicht – als Einziger – im Wiederholungsfall.
„Ich verlor immer wieder“, sagt er. Permanente Sieger sind schlechte Verlierer, weil es Niederlagen gleichkommt und Resignation aufkommt: Lieber nicht mehr spielen, als verlieren. Glück gehabt, Pensionierung steht sowieso an. Im besten Moment. „Du hast es jetzt gut, Dir kann es egal sein – aber wir.“ „Die waren doch froh, hockte ich nicht mehr dazwischen, meine Fragerei störte nur.“
„So ist Dein „progressiver Rücktritt“ unerwartet schnell gekommen, ist das das Kreuz?“
„Du sagst es: das Kreuz vom Schönhaben – das habe ich noch keinem gesagt, jetzt bin ich froh, dass es …“
Das Kreuz tragen