Gesellschaft

Ein Asylbewerber fährt schwarz

Ein Asylbewerber fährt schwarz

Ein junger tschetschenischer Asylbewerber wird im Tram in Zürich ohne Ticket und Geld erwischt. Absolut kein Einzelfall. Denn Asylbewerber, die schwarzfahren und den Taxzuschlag nicht bezahlen, riskieren nichts. 

Bild oben: Cobra bei der Werkabnahme 14.3.2006 (Foto VBZ)

Sisyphusarbeit 

Auf Nichtwissen kann sich der ertappte Schwarzfahrer nicht berufen - seine zwei Begleiter verfügen über gültige Fahrausweise. Er müsse in seiner Heimat um Leib und Leben fürchten, sagt der junge - modisch gekleidete - Tschetschene, deshalb stelle er in der Schweiz ein Asylgesuch. Weshalb er denn ohne Ticket fahre, frage ich. Schweigen. Für die freundlichen VBZ-Kontrolleure ist dies tägliche Routine: „Wir machen hier im Grunde genommen Sisyphusarbeit, denn in der Regel bezahlen Asylbewerber den Taxzuschlag trotz mehrmaligen Mahnungen nicht."  Irgendwann müssen diese Gebühren dann abgeschrieben werden. „Und plötzlich erwischen wir den gleichen Asylbewerber wieder beim Schwarzfahren, und das ganze unnütze Prozedere mit dem - jetzt erhöhten - und wieder nicht bezahlten Taxzuschlag beginnt von vorne", ergänzt der Kontrolleur. 

Viel Aufwand für nichts 

ZVV CONTACT, die Kontaktstelle der öffentlichen Transportanstalten im Kanton Zürich, bestätigt: „Der Fahrgast wird gemahnt. Wenn kein Zahlungseingang erfolgt, dann wird der Betrag per Verfügung nochmals eingefordert. Wenn wieder nicht gezahlt wird, dann erfolgt die Betreibung. Abgeschrieben wird die Forderung frühestens nach 10 Jahren." Wird der gleiche Asylbewerber mehrmals ohne gültigen Fahrausweis angetroffen, „dann wird in jedem Fall eine Anzeige wegen dem Verstoss gegen das Transportgesetz gemacht. Die Strafverfolgungsbehörden müssen die Busse dann eintreiben und das entsprechende Dossier führen", ergänzt ZVV CONTACT. Eine Meldung an die für das Asylverfahren zuständige Behörde, also an das Bundesamt für Migration, erfolge aber in keinem Fall: „Die Verkehrsbetriebe suchen keine für ein Asylgesuch zuständige Stelle, geschweige denn informieren sie diese." 

Bild rechts: Der neue Bus des Typs Mercedes Citàrc (Foto VBZ)

Behörden bezahlen nicht  

Für jeden Asylbewerber bezahlt das Bundesamt für Migration den Kantonen einen Pauschalbetrag für dessen Lebensunterhalt. Platz hat es darin weder für Zuschläge wegen Schwarzfahrens noch für irgendwelche Abos des öffentlichen Verkehrs. „Falls Asylbewerber, deren Gesuch noch pendent ist oder deren Gesuch abgelehnt wurde, zum Arzt oder zu einer Amtsstelle fahren müssen (Migrationsamt, Botschaft), erhalten sie bei Bedarf eine Fahrkarte. Das Kantonale Sozialamt übernimmt keine Bussen von Sozialhilfebezügern", schreibt  Jürg Schuler , Leiter Asylkoordination beim Sozialamt des Kantons Zürich. Das heisst im Klartext: Weil die Asylbewerber kaum über Geld verfügen, bleiben Taxzuschläge von Schwarzfahrer und auch allfällige Bussen wegen Verstoss gegen das Transportgesetz unbezahlt, ebenso die nicht unerheblichen Verfahrenskosten. 

Problem bekannt - Lösung nicht in Sicht 

Das Problem liesse sich lösen. Zum Beispiel indem man den Asylbewerbern eine Asyl-Card zur Verfügung stellt, welche sie zur Benützung des öffentlichen Verkehrs berechtigt. Für die öffentlichen Transportunternehmungen eine gute Lösung, wie ZVV CONTACT bestätigt: „Den Verkehrsbetrieben ist aber auch klar, dass die öffentliche Hand nicht ganzen Kundengruppen ein solches Abonnement zur Verfügung stellen kann. Es müsste ein ausgewiesenes Mobilitätsbedürfnis vorhanden sein sowie ein Rechtsanspruch auf der Seite der Klienten"  Nur Asylbewerbern, aber nicht anderen Gruppen von Sozialhilfe-Bezügern, ein Gratis-Abo zur Verfügung stellen, wäre wohl eine praktische Lösung, die den grossen administrativen Leerlauf beenden würde, rechtlich stehen aber dieser Lösung erhebliche Bedenken entgegen. 

Asylgesuch und Fehlverhalten von Asylbewerbern 

Bleibt noch ein anderer Ansatzpunkt: Wenn jemand in seinem eigenem Land verfolgt wird und um sein Leben bangt und deshalb in einem fremden Land Asyl beantragt, dann müsste er sich im eigenen Interesse im Gastgeberland korrekt verhalten, das heisst zum Beispiel auch für die Benützung der öffentlichen Verkehrsbetriebe bezahlen und allfällige Taxzuschläge wegen Schwarzfahrens begleichen. Frage deshalb: Können sich notorisches Schwarzfahren und Nichtbezahlen der Taxzuschläge, sofern das zuständige Amt überhaupt davon erfährt, negativ auf den Ausgang eines Asyl-Verfahrens auswirken? Das Bundesamt für Migration winkt ab. „Wenn ein Asylbewerber mehrmals beim Schwarzfahren ertappt wird oder trotz mehrmaligen Mahnungen den Zuschlag nicht bezahlt, wirkt sich dies nicht nachteilig auf den Asylentscheid aus", schreibt Michael Glauser, stv. Chef Information & Kommunikation beim Bundesamt für Migration. Um dann noch die erstaunliche Zusatzinformation zu liefern: „Dies kann aber zu einer prioritären Behandlung des Asylgesuches führen." 

Politische Vorstösse bisher erfolglos 

Schwarzfahrende Asylbewerber haben auch schon zu politischen Vorstössen geführt, allerdings ohne ersichtlichen Erfolg. Dabei gäbe es eine sehr praktische und praktikable Lösung, denn im Asylgesetz findet sich folgender Passus:

Flüchtlingen wird kein Asyl gewährt, wenn sie wegen verwerflicher Handlungen
dessen unwürdig sind oder wenn sie die innere oder die äussere Sicherheit der
Schweiz verletzt haben oder gefährden.

 
Offensichtlich werden das notorische Schwarzfahren und das Nichtbezahlen der Taxzuschläge nicht als verwerfliche Handlung eingestuft und bleiben, wie das Bundesamt für Migration bestätigt hat, für das Asylverfahren folgenlos. Diese Praxis liesse sich allerdings ändern, und auch den obigen Artikel könnte man verschärfen. Wenn die Politik will... Die jetzige Situation ist auf jeden Fall unbefriedigend: Die Transportanstalten sehen sich mit einem erheblichen administrativen Aufwand konfrontiert, die Kontrolleure machen eine unangenehme Sisyphusarbeit, die schwarzfahrenden Asylbewerber lachen sich ins Fäustchen und letzten Endes bleiben die Kosten dieses ganzen Leerlaufs an den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern hängen. 

Kommentare

Asylbewerbung als lukrativer Beruf?

Ich kam Ende 1968 aus der damaligen Tschechoslowakei nach der Schweiz als Asylbewerber, da als Gewerkschaftler dort hat man mich auf die Schwarze Liste gesetzt,denn wir (eine Gruppe) wollten die staatliche Gewerkschaft als politische Kraft in der farblosen Parteienlandschaft lanzieren, uzw. gegen den kommunistischen Misch-masch. (Man kann nicht behaupten, dass das Prager Frühling ein Erwachen der Demokratie war ! Als Asylant in der Schweiz war man 1)verpflichtet, die Gesetze des Landes zu befolgen und bei Verstoss den Entzug des Asyl-Statuses zu provozieren, 2)Alles dafür zu tun, dass man für sich selbst sorgen kann, die Behörden waren behilflich bei der Suche nach geeigneter Arbeit, 3) die finanzielle Starthilfe nach Möglichkeit zurück zu zahlen (nach einem Jahr wurde eine monatliche Zahlung je nach Verhältnissen abgemacht (mitunter darf man sagen, dass wir damals für zwei Lättli-Betten und ein Kinderbett 700,- Sfr. belastet wurden,obwohl bei Pfister nur 350-400 Sfr. möglich waren - naja, jemand musste noch mitverdienen). Die gesamte Summe für Betten und Bettzeug (mehr war nicht zu haben) habe ich in etwa 2 Jahren abgestottert.Den Rest des Bedarfs deckte ich aus meinem Verdienst und demjenigen von meiner Frau, nachdem wir nette Leute gefunden haben, die unser Baby halbtags gratis! hütteten. Es muss nicht hinzugefügt werden, dass der beschwerliche Weg für junges Ehepaar (25 und 22 Jahre mit 6 Monate altem Kind) nicht einfach war, aber mit einem Optimismus, den man als Bewerber in der Schweiz, einer Demokratie sondergleichen, fairen und netten Menschen, hatte, konnten alle Probleme überwunden werden. Heute besteigt man den "Lampedusa Shuttle" oder benutzt einen anderen Schleuderweg nach Europa und erfährt, aus welchem Land man kommen muss (ja keine Papiere dabei) und die Gründe für Asylantrag werden auch mitgeteilt. Man verpflichtet sich, dem Schlepper so und so viel zu zahlen, und das Weitere ist ein Kinderspiel. Beste Bekleidung, Wohnsitz, Verbrauch wird bezahlt, man muss nicht einmal die Landessprache kennen, nur herrlich ohne Mühe leben !!
Bild des Benutzers erizo

klug?

Ich glaube nicht dass wir soooo klug sind. Die bei uns angewandte Kuchelpolitik, zeigt doch dass wir schon lange neben den Schuhen stehen, nur wollen das einige bei der schlecht Wetterlage nicht begreifen. Warten auf Wunder ist auch keine Lösung.
Bild des Benutzers gerhard

Asyl ein magisches Wort

Also da hört doch das Mitgefühl auf. Wer in der Schweiz leben möchte, muss auch die gleichen Rechte und Pflichten achten. Ich habe auch wenig Geld, doch dann würde es mir nie einfallen, schwarz zu fahren. Oder siegt Frechheit? Es gibt in den Städten zu wenig Kontrollen, so auch erst recht in den Bussen, natürlich wird das dann ausgenutzt. Es mus mehr Personal eingestellt werden, sonst kommt man nie zu besagten SFR 80.00 Es ist schon unangenehm, wenn man selber wirklich das Ticket zu Hause gelassen hat. Ist dann noch ausnahmsweise eine Kontrolle, wird es einem nicht geglaubt. So muss ich mich dumm stellen und auch so reden, als wäre ich einer aus dem Jenseits.? Vielleicht gibt mal einer der Verantwortlichen einen Bericht. Man ist doch angeblich sooo klug. ;)
Bild des Benutzers ricky

Machtlosigkeit und Asylanten

Der arme Asylant kann der Busse nicht bezahlen und macht immer so weiter, keiner weiss Rat! :zzz Der Schweizer muss 80.- Franken zahlen denn Er oder Sie hat Geld :grin Noch schlimmer ist der Drogenasylant, er wird vielleicht? verurteilt aber nicht abgeschoben! und macht immer mehr junge Menschen Kaputt :cry und keiner weiss Rat :?
Bild des Benutzers Andreas Kühner

Alle anständigen Asylbewerber erwartet ein faires Verfahren

Asylbewerber sind in aller Regel den Behörden bekannt. Diese könnten also durchaus in scharfem und unmissverständlichem Ton auf einem Orientierungsschreiben festhalten, was in unserm Land als Spielregeln des friedlichen Zusammenlebens gilt. Und es könnten darauf die Konsequenzen geschrieben stehen bei Nichtbeachtung dieser Spielregeln. Aber diese Spielregeln müssten dann eben auch gefordert, kontrolliert und die Konsequenzen umgesetzt werden. An den gültigen Gesetzen, Verordnungen und Geboten fehlt es nicht. Die von binswaro geschilderten Ereignisse passieren, weil unsere Kontrollen und der Informationsaustausch nicht funktionieren.

Ohren können das Gute hören, Augen das Schöne sehen, wenn das Hirn dies zulässt

Bild des Benutzers Kanalratte

Regt euch nicht auf

Ich bin ja eigentlich auch für eine gewisse Toleranz an Asylbewerbern, aber nicht so. An unsere Behörden : \"Gaddafi lässt grüssen !\"
Bild des Benutzers Roberto Binswanger

Nachtrag des BA für Migration

Michael Glauser, stv. Chef Information und Kommunikation im Bundesamtfür Migration, hat mir noch folgende Präzisierung zukommen lassen: 1) Die Annerkennungsquote liegt bei rund 20%. Die prioritäre Behandlung eines Asylgesuchs hat demnach zur Folge, dass ein allfälliger negativer Asylentscheid früher ergehen kann und die Anordnung der Wegweisung aus der Schweiz früher erfolgt. Damit kann verhindert werden, dass Asylsuchende mit niedrigen Anerkennungschancen das Verfahren in die Länge ziehen. Delinquenz und erhebliche oder wiederholte Verstösse gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung werden im Asylverfahren berücksichtigt. Sie können unter gewissen Umständen dazu führen, dass einer asylsuchenden Person, die nicht als Flüchtling anerkannt wird, eine vorläufige Aufnahme verweigert und sie aus der Schweiz weggewiesen wird (vgl. Artikel 83 Absatz 7 des Bundesgesetzes über Ausländerinnen und Ausländer, AuG). Allein Schwarzfahren wird aber in aller Regel die Voraussetzungen der genannten Gesetzesbestimmung nicht erfüllen. 2) Ein Asylbewerber hat keinen Anspruch auf ein Abo. Muss ein Asylbewerber jedoch bspw. für eine Befragung vom EVZ Basel ins BFM nach Bern reisen, andere Behördengänge oder notwendige Termine wie Arztbesuch wahrnehmen,so wird ihm das Ticket vom Kanton bezahlt. In der pauschalen Abgeltung gegenüber den Kantonen sind nicht generell die Kosten für Abos, sondern nur die Kosten für notwendige Transporte berücksichtigt.
Bild des Benutzers erizo

Wir zahlen ja schon für alles

Zurzeit läuft oben nicht alles wie es soll, darum muss man sich nicht wundern wenn unten langsam aber sicher alles verludert.Im eigenen Land für etwas mehr Anständigkeit und Ordnung zu sorgen ist ist bei vielen nicht mehr erwünscht, leider.