Gesundheit

Nadeln und Globuli für Hund und Katz

Nadeln und Globuli für Hund und Katz

  Akupunktur und Homöopathie, Bioresonanz oder Bach-Blüten: Alternative Behandlungsmethoden gibt es auch in der Tiermedizin. "Das oberste Gebot ist immer die Lebensqualität des Tieres", sagt Olivier Glardon im Gespräch mit Usch Vollenwyder.

 

Von Heilpflanzen über Osteopathie zu Chirurgie und Chemotherapie: Ist in der Tiermedizin alles möglich?
Was in der Humanmedizin gemacht wird, ist grundsätzlich auch in der Tiermedizin möglich. Aufgabe des Tierarztes ist es, den Kunden alle Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und sie zu beraten. Diese müssen schliesslich die Wahl treffen und entscheiden – nach ethischen Kriterien, wirtschaftlichen Möglichkeiten und der persönlichen Situation.

Welche Rolle spielt die Alternativmedizin?
Mir gefällt der Begriff Komplementärmedizin besser. Wie es der Name sagt, ergänzt und unterstützt sie konventionelle Therapiemassnahmen. Sie geht davon aus, dass der Körper eigene Heilungskräfte besitzt. Ihre Aufgabe ist es, diese Lebensprozesse zu unterstützen. Das hat Konsequenzen: Menschen können selber entscheiden, welche Schmerzen sie zugunsten einer alternativen Therapie aushalten wollen.

Ein Tier kann das nicht. Es ist uns ausgeliefert …
Schmerz beim Tier ist sehr schwierig einzuschätzen. Wird er über längere Zeit nur alternativ behandelt, kann er sich verstärken – dabei hätte er mit herkömmlichen Mitteln rasch und adäquat angegangen werden können.

Das sehen Homöopathen oder Naturheilpraktikerinnen wohl nicht so.
Heute sind auch Laien sehr gut ausgebildet. Sie haben ein grosses Fachwissen und sind überzeugt von dem, was sie tun – auf ihrem Gebiet. Einem Homöopathen oder einer Naturheilpraktikerin fehlt aber in der Regel der wissenschaftliche Hintergrund. Darum plädiere ich dafür, dass auch alternativ arbeitende Therapeuten eine solide, wissenschaftliche Ausbildung haben – und angehende Tierärzte Vorlesungen in Alternativmedizin besuchen: damit sie entscheiden können, wann welche Behandlung angebracht ist.

Und wann ist welche Behandlung angebracht?
Banale Krankheiten – das sind funktionelle Störungen, die einen normalen Verlauf nehmen, sich auf eine absehbare Zeit beschränken und für das Tier erträglich sind – können gut mit alternativen Mitteln angegangen werden. In der Regel suchen die Tierhalter zu schnell eine tierärztliche Praxis auf und verlangen konventionelle Medikamente. Warum darf ein Hund nicht zwei Tage fiebern? Oder an einem Schnupfen leiden? Einen Tag lang Durchfall haben? Wir Menschen haben das ja auch – und nehmen nicht gleich Antibiotika. Auch lassen sich die Heilungsprozesse nach einem Unfall oder einer Operation mit alternativen Massnahmen sehr gut unterstützen.

Wo sind die Grenzen der Alternativmedizin?
Zuerst noch ein Wort zu den Grenzen und Möglichkeiten in der Hightechmedizin; dort sind sie nämlich viel besser bekannt als in der Alternativtherapie. Chemotherapien zum Beispiel sind gut erprobt und entwickelt. Im Gegensatz zum Menschen lösen sie bei einem Tier auch kaum Nebenwirkungen aus. Im Gegenteil: Sie können ihm noch ein paar Monate gute Lebensqualität schenken. Und Lebensqualität ist das oberste Gebot, dem wir Tierärzte und Tierärztinnen verpflichtet sind.

Sind die Möglichkeiten und Grenzen der Alternativmedizin also schwieriger zu ermitteln?
Sie sind fliessend. Tumorerkrankungen, die Schädigung eines Organs, eine grössere Verletzung oder zunehmende Schmerzen gehören immer zuerst in die Hände eines konventionell arbeitenden Tierarztes. Erst nach einer sauberen Diagnose kann über die weitere Behandlung entschi eden werden – eventuell sogar im alternativen Bereich. Im Zweifelsfall sollte zuerst der Veterinär gefragt werden.

Oder das Tier … Es gibt ja auch Tierkommunikatorinnen und -kommunikatoren. Wie helfen sie?
Tierkommunikation gibt es, seit Menschen und Tiere zusammenleben. Neu ist, dass man daraus einen Beruf gemacht hat. Aber jeder Tierarzt und jeder Tierhalter kommuniziert mit seinem Tier, manchmal den ganzen Tag, manchmal nur unbewusst. Es gibt viele Kommunikationskanäle, nicht nur die Sprache. Tierbesitzerinnen und -besitzer spüren ja oft, wenn ihr vierbeiniger Freund am Ende seines Lebens angekommen ist und nicht mehr mag. Das ist auch der einzige Unterschied zur Humanmedizin: Ein Tier kann von seinen Schmerzen erlöst und eingeschläfert werden.  

 ZVGOlivier Glardon

studierte Veterinärmedizin an der Universität Bern. Erfahrungen mit komplementären Methoden sammelte er in Frankreich, China und den USA (certified veterinary acupuncturist der IVAS und STVAH). 1981 schrieb er seine Dissertation über Akupunktur beim Pferd. Er führt eine Tierarztpraxis in Yverdon. Als Lehrbeauftragter für Komplementärmedizin unterrichtet er an der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Bern. Neben der konventionellen Therapie sind seine Schwerpunkte Akupunktur und Phytotherapie bei Pferden, Hunden und Katzen.  

Nützliche Adressen
Die Schweizerische Tierärztliche Vereinigung für Akupunktur und Homöopathie STVAH ist eine Fachsektion der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte GST. Sie führt eine Liste der als Akupunkteure oder Homöopathinnen tätigen Veterinärmediziner. www.stvah.ch Internetadressen mit vielen weiteren Informationen: www.vet-look.ch (Tierarzt-Suchmaschine, auch für Notfälle); www.bvet.ch (Bundesamt für Veterinärwesen); www.gstsvs.ch (Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte). 


Bilder: redaktion zeitlupe