Drei Wochen ist es schon, seit wir Ouray besucht haben. Mitten in den Bergen gelegen, an einer Passstrasse. Die Motels tragen Namen wie „Edelweiss", Matterhorn","Chalet" und das Logo der touristischen Werbung trägt den Hinweis „Switzerland of America". Und diese Werbung scheint anzuziehen. Erstmals ist es uns schwer gefallen, einen Platz für die Nacht zu finden, und wir haben auf einem Campground weit vom Städtchen neben der Garage vorlieb nehmen müssen. Überfüllt - wie in der Schweiz. Aber sonst? Trotz ihrer Namen wirken die Unterkünfte, teils aus der ersten Blütezeit des Tourismus in der einstigen Minenstadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher wie aus einem Western als aus einem Gotthelf-Film. Fondue oder Rösti haben wir auf keiner Speisekarte gefunden. Und das Folk-Konzert zu Ehren von John Denver hat uns zwar sehr berührt, aber kaum wegen der heimatlichen Klänge.
Einer der Anziehungspunkte von Ouray sind seine Thermen. Doch wie wir uns am zweiten Besuchstag zum Bad im grossen Schwimmbecken anschicken, wird dieses eben wegen eines drohenden Gewitters gesperrt. Dies erfahren wir von einem Mann, der uns auf dem Weg entgegenkommt. Bei ersten Regentropfen kommen wir ins Gespräch, das hier natürlich schnell auf den Vergleich Schweiz - Amerika hinaus läuft. Unser Gesprächspartner bildet in Texas angehende Mediziner aus und hat mit seinen Studierenden mehrmals schon Europa, auch Zürich, besucht. Der Regen nimmt zu - und unsere Diskussion führt bald in politische, wirtschaftliche und kulturelle Dimensionen. Wir suchen Schutz vor dem nun losbrechenden Gewitter in einem Pub - ohne dort etwas konsumieren zu müssen. Schliesslich tauschen wir Adressen aus und erhalten die ernst gemeinte Einladung zu einem Besuch in Texas, wenn wir im Herbst dort sein werden. Wir verabschieden uns so herzlich, als hätten wir uns schon längst gekannt.
Sind wir in Ouray Switzerland begegnet? Wohl kaum.
Und vor wenigen Tagen dann „Little America", ein Fleck auf
der Landkarte, den wir wohl kaum aus eigenem Antrieb aufgesucht hätten. Doch
als wir uns in Green River (Wyoming) nach einer Werkstatt für den notwendigen
Service an unserem Motorhome erkundigt haben, sind wir 20 Meilen nach Westen
auf der Interstate verwiesen worden. Dort sei „Little America", Ort und Servicestation
in einem. Tatsächlich, nach 20 Meilen Fahrt durch ein menschenleeres Tal, die
Ausfahrt zu einem riesigen Parkplatz voller Trucks, zu Tankstellen und einer
geschäftigen Werkstatt, einem Motel im New England Stil mit Geschenkboutique.
Sonst nichts, kein Dorf, ein Rastplatz an der Interstate quer durch den
Kontinent. Doch das ist genau der richtige Ort für unser Anliegen.
Wir werden zuvorkommend bedient und auf die Warteliste
gesetzt, ca. zwei Stunden werde es dauern. So haben wir Musse, uns die Prachtskerle
von Lastwagen in allen Farben anzusehen, und auch mal einen Blick in die
Führerkabinen zu werfen. Da treffen wir auf den Vietnamveteranen aus Texas, der
mit seinem Schosshündchen aus dem Fenster seines Trucks blickt und sich gerne
auf ein paar Worte über sein „Leben on the Road" einlässt. Oder wir wechseln
beim Breakfast im Coffeeshop ein paar Worte mit dem Motorradfahrer mit
österreichischen Ahnen, der unterwegs ist zu einem Treffen in South Dakota.
So ist „Little America" zwar keine Ortschaft, sondern ein Ort der Begegnung von Menschen unterwegs. Da weht wohl ein Hauch von jenem Pioniergeist, der die weissen Siedler im 19. Jahrhundert aufbrechen liess. Auf jeden Fall sind wir nach zwei Stunden glücklich, dass wir zufällig ausser „Switzerland of America" auch „Little America" begegnen durften.
Weitere Folgen
1. Aufbruch zur grossen Reise: USA und Kanada
2. Mit Fragen die Reise beginnen
4. Sequoia Nationalpark: Zwischen Zeit und Ewigkeit
6. Orte zum Verweilen und Orte fürs Abenteuer
7. Waldsterben – ein Wort wird Wirklichkeit
8. Switzerland of America und Little America
9. Im Land der Shoshone-Bannock
10. Horizonte
11. Strandgut
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