Einzug der Häuptlinge
Als wir erfahren hatten, dass am zweiten Augustwochenende
das jährliche Festival der Shoshone-Bannock in deren Fort Hall Reservation
stattfinde, passten wir unsere Route entsprechend an und folgten der Einladung,
bei diesem grossen Treffen von Native Americans aus dem ganzen Westen der USA
dabei zu sein. Es war grossartig, die wilden Tänze aller Stämme und das
ausdauernde und konzentrierte Trommeln während Stunden mitzuerleben. Eine
merkwürdige Mischung von Kulturen wurde da eindrücklich zelebriert. Zuerst der
feierliche Einzug der Veteranen aus allen Kriegen der USA vom 2.Weltkrieg bis
zum Irak-Krieg, gefolgt von den stolzen Häuptlingen im vollen
Federschmuck, den würdevollen
Frauen mit minimalen Bewegungen, ekstatischen Tänzern jeden Alters bis zum
kleinsten Knirps. Wir verfolgten verwundert die Verwandlungen, wenn die reichen
Gewänder angezogen wurden, und schmunzelten, wenn im vollen Kriegsschmuck das
Handy gezückt wurde. Wir liessen uns berühren von der Präsenz und dem Eifer
dieser alten und jungen Tänzerinnen und Tänzer und vom kraftvollen Schlag der
Trommeln bis in den Schlaf hinein im nahen Camp mittten unter ihnen.
Am nächsten Morgen folgten wir dann dem Snake-River flussaufwärts in jene Gebiete, die einst ihre Stammeslande gewesen waren, und die heute als Grand Teton und Yellowstone Nationalparks uns Touristen anlocken. Welch begeisternde Landschaften! Ein weites Tal, dann ein breiter See und dahinter das Bergmassiv steil zum Himmel hin. Wie daheim, nur unberührt und unverbaut, kein Haus dem Ufer entlang so weit das Auge reicht. Das also waren die Jagdgründe dieser Ureinwohner, bevor sie ihnen vor etwa 200 Jahren von weissen Siedlern streitig gemacht wurden.
Mit dem Kanu im Land der Shoshone
Eine kritische Vertreterin des Stammes gab in einem Referat
im Visitor Center am Jackson Lake offen ihre Sicht auf die heutige Situation
wieder. Noch immer lähmt das erlittene Unrecht die Tatkraft vieler
Stammesangehörigen. Sie erwarten endlich Wiedergutmachung und ergreifen kaum genügend Initiative,
ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Zwar gibt es die Möglichkeit, aus
dem Reservat wegzuziehen, die starken familiären Bindungen und Angst,
Zugehörigkeit und Identität zu verlieren, verunmöglichen das aber weitgehend.
So bleibt oft nur die Hoffnung auf Unterstützung durch den Staat, die gerade in
der gegenwärtigen Situation unzureichend ist. So ist die Rückwärtsbesinnung auf
alte Weisheiten und Traditionen, die uns fasziniert, eine zwiespältige Sache.
Immer wieder begegneten wir in der Folge den Spuren der Shoshone. Im Yellowstone wurde darauf hingewiesen, dass Geyser und heisse Quellen schon von den Ureinwohnern aufgesucht wurden. Genau wie wir heute, wurden sie wohl von diesen Naturschauspielen gleichzeitig begeistert und auf die bedrohlichen ewige Veränderung der von ihnen so hoch verehrten Erde hingewiesen. Ihre Weisheiten lehren jedoch, diese Naturphänomene gelassen und zuversichtlich anzunehmen, ganz im Gegensatz zu unseren Anliegen, die Natur zu beherrschen.
Der Shoshone Lake unmittelbar an der Wasserscheide zwischen Pacific und Atlantic verdankt seinen Namen ohne Zweifel der Referenz an die ehemaligen Bewohner dieser Region. Ein schwaches Zeichen der Erinnerung.
Auch in den unwirtlichen Lavafeldern des Craters of the Moon Notional Monuments wurden wir vom jungen Ranger plötzlich auf einen Steinkreis aufmerksam gemacht, der offenkundig von Menschenhand stammt. Und gleich daneben fand sich der Eingang zu einer weitläufigen Höhle. Warum kamen die Shoshone in diese Einöde? Vermutlich pflegten sie hier an diesem eindrücklichen Naturschauplatz mit grosser spiritueller Ausstrahlung ihre Rituale. Vielleicht wählten sie den unzugänglichen Ort aber auch als Versteck vor feindlichen Stämmen und den anrückenden weissen Eroberern.
Diese ersten Kontakte mit europäischen Entdeckern und Abenteurern konnten aber auch sehr friedlich verlaufen. Ein solches Beispiel bezeugt eine eindrückliche Ausstellung im Sacajawea State Park unmittelbar beim Einfluss des Snake Rivers, dem wir immer wieder folgten, in den Columbia River bei Pasco, bereits im Osten Oregons. Sacajawea ist der Name einer Shoshone Frau, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Expedition von Lewis und Clark, die den Weg zum Pacific suchten, als Übersetzerin und Vermittlerin diente, und damit wesentlich zu einer friedlichen und freundschaflichen Begegnung dieser Expedition mit ihren Stammesangehörigen beitrug.
Ja, wir haben es kennen und lieben gelernt, das ehemalige Land der Shoshone-Bannock. „Under the warm sunshine - at home in the forest - heritage ressources - experience new beginnings": was der Idaho-Prospekt verheisst, wurde uns geschenkt.
Weitere Folgen
1. Aufbruch zur grossen Reise: USA und Kanada
2. Mit Fragen die Reise beginnen
4. Sequoia Nationalpark: Zwischen Zeit und Ewigkeit
6. Orte zum Verweilen und Orte fürs Abenteuer
7. Waldsterben – ein Wort wird Wirklichkeit
8. Switzerland of America und Little America
9. Im Land der Shoshone-Bannock
10. Horizonte
11. Strandgut
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