Gesellschaft

Die Trägsten und Letzten (eine Glosse)

Die Trägsten und Letzten (eine Glosse)

 President Obama wollte es allen Besuchern der UNO-Vollversammlung recht machen und kümmerte sich persönlich um eine adäquate Unterkunft für jeden Staatsgast. Für Muammar al-Gaddafi kam selbstverständlich nur ein Zeltplatz in Frage.

 
Bild oben: Muammar al-Gaddafi at the 12th AU summit, February 2, 2009, in Addis Abeba.
(wikipedia)

Weil aber alle offiziellen Camping-Plätze rund um New York ausgebucht waren, ersuchte der Präsident den Governor von New York, den Central Park im Herzen der 10-Millionen-Metropole für den Staatsgast freizugeben.

Aus Gründen der political correctness sagte der Governor zu, verlangte aber, dass gleichzeitig auch andere Staatsoberhäupter, die das wünschten, nahe des Wüstenscheichs campieren dürften.

Bundespräsident Hans-Rudolf Merz war aus finanziellen Gründen glücklich darüber, einen günstigen Unterkunftsort in New York zu finden. Und so zelteten die beiden Präsidenten in gutem nachbarschaftlichem Einvernehmen nebeneinander und grillten zusammen Tauben, die sie im Park geschossen hatten.

Nachdem sich Präsident Merz den Vorschlag Gaddafis in der Vollversammlung angehört hatte, die Schweiz aufzuteilen und die einzelnen Sprachgebiete den jeweils grösseren Ländern der selben Sprachgruppe anzugliedern, sprach Hans-Rudolf Merz Muammar al-Gaddafi beim Abendessen (sie assen köstliches US-Beef der Schweizer Exportfirma Bell) an und begann mit ihm über diesen „wahrhaft interessanten Vorschlag“ zu diskutieren.

„Schau mal, Muammar", sagte der Schweizer Bundespräsident, „mit Deinem Vorschlag lösen wir einige der drängendsten Schweizer Probleme bei der Bestellung des Gesamtbundesrates. So suchen wir bei jeder neuen Vakanz nach mindestens zwei Romands, die als Bundesräte in Frage kommen, aber auch die Tessiner wünschen einen Sitz und behaupten, weil auch ihr Italienisch vom römischen Latein abstamme, seien auch sie Romands. Nach Deinem Vorschlag haben die Romands den Sarco, die Tessiner den Berlu und die Deutschschweizer die Merkel. Und der Bundesratsstreit entfällt."

„Hansruedi, ich sehe, Du bist ein guter Demokrat. Du kannst zuhören, was ich sage, nicht so wie der Jean Ziegler, der meint, nur er habe etwas zu sagen. Er hat mich noch nie ausreden lassen! Ich freue mich, dass Dir mein Vorschlag gefällt!“

Bild rechts: Bundesrat Hans-Rudolf Merz während dem Festumzug zu seiner Bundespräsidentschaftswahl in Herisau AR (wikipedia).

 

Hansruedi Merz dachte eine Weile nach. Dann fragte er nachdenklich: „Das mit den Welschen, den Ticinesi und den Deutschschweizern ist schon in Ordnung. Was aber machen wir mit den Baslern, den Oltnern und den Rätoromanen?“

„Was ist denn mit den Baslern und den Oltnern los?“

„Die Basler“, sagte Merz, „die ticken anders als der Rest Deutschschweizer. Denen ist es wohl im Dreiländereck, weil sie sich nie entscheiden müssen. Einmal benehmen sie sich wie die Waggisse, dann wieder wie der Schwarzwälder und ganz selten so wie die Kleinbasler. Ich glaube nicht, dass die sich ohne Murren der Merkel unterstellen.“

„Und die Oltner?“, fragte Gaddafi.

„Die Oltner haben die Einheitssprache Bahnhofbuffet Olten geschaffen. Die würden ums Verworgen kein Wort Hochdeutsch sprechen. Die würden wohl wie Deine Beduinen als Nomaden im ganzen Land herumreisen und ihr komisches Oltnerisch sprechen.“

„Und die Rätoromanen?“, fragte der Wüstenscheich.

„Die Rätoromanen gehören weder zu den Welschen noch zu den Tessinern noch zu den Deutschschweizern. Die gehören nicht einmal sich selber. Die sprechen nämlich fünf verschiedene Romanisch-Dialekte und verstehen sich teilweise nicht einmal untereinander.“

„Wie viele Millionen Rätoromanen gibt es denn?“

„Millionen? Um Himmels willen, es sind zusammen nur rund 50 000!“, sagte erschrocken der Bundespräsident.

„Ja dann“, sinnierte Gaddafi. Das kompliziert natürlich die Sache. Aber wie wäre es denn, die Schweiz ganz einfach den Rätoromanen anzuhängen? Sollen die doch in Chur entscheiden; bis deren Befehle im ganzen Land verbreitet sind, sind sie bereits nicht mehr wahr. Und damit ist die Schweiz kein regierbares Land mehr. Und mein Sohn Hannibal kann dort tun und lassen was er will.“

„Lieber Muammar, aber genau das ist doch heute schon das Problem: Die Schweiz ist auch von Bern aus nicht mehr regierbar. Wie Ihr vor 40 Jahren eine grüne Revolution hattet, haben auch wir Schweizer ein bisschen revoluzzget. Hast Du es nicht gemerkt? Seit Jahrzehnten wählen die Schweizer Parlamentarier nicht mehr die Wägsten und Besten in den Bundesrat, sondern die Trägsten und Letzten!“

„Na, wenn das so ist“, sagte Gaddafi nachdenklich, dann können wir die Schweiz ja so lassen wie sie heute ist. Von diesem Land geht keine Gefahr mehr aus für den Weltfrieden oder für die Erhaltung der konservativen und reaktionärsten Regimes, die die Welt je gekannt hat.“ Meinte Gaddafi. Und dann beschloss er die freundschaftliche Debatte:

"Hansruedi – ich habe einen Werbespot gesehen, in welchem die Schweizer Grill-Könige sind, weil sie nach Meinung der einen das Fleisch im Griff haben, nach Meinung der andern die Holzkohle. Die Dritte Welt aber weiss, dass Ihr ein besonderes Bier im Griff habt: Feldschlösschen alkoholfrei. Holst Du mir noch ein Fläschchen?“

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers Brigitte Poltera

Dass wir die Trägsten und die Letzten wählen, ist eine Bieridee

Die Glosse ist origiell und sehr lustig geschrieben. Wehren muss ich mich dagegen, dass bei uns die Trägsten und die Letzten gewählt werden ... und zwar zu Gunsten von Frau Evelyne Widmer-Schlumpf. Sollte am 12. September nochmals eine so gute Wahl für einen sehr guten Bundesrat oder eine sehr gute Bundesrätin zustande kommen, so werde ich wiederum stolz auf unser Parlament sein. Einig bin ich mit der Aussage, dass wir die Besten brauchen (und dass wir die nicht auf der Strasse finden, das ist auch klar).