Er beginnt zu lesen, seine Hand zittert nun noch mehr, sein Herz schlägt schneller, aber nicht aus Freude. Sein Mund nimmt einen verkniffenen Zug an, zwischen seinen Augen steht eine scharfe Falte, die sein sympathisches Jungengesicht älter erscheinen lässt. Diesmal schreiben sie, dass es ihnen nicht leicht gefallen ist, aus der Flut der Bewerbungen ihren Lehrling auszusuchen und am Schluss wünschen sie ihm für die Zukunft alles Gute. Eure Wünsche könnt Ihr Euch an den Hut stecken, denkt er, die helfen mir auch nicht. Er beschliesst, seinen Eltern heute nichts von diesem Brief zu sagen, von dieser weiteren Absage, es ist inzwischen die No. 10. Zwar versuchen sie ihn jeweils zu trösten und aufzumuntern. „Junge, Niederlagen müssen sein“, sagt der Vater. „Die gehören zu unserem Leben dazu.“ Und die Mutter meint jeweils: „Es kommt im Leben sowieso alles wie es muss.“ Und sie geben sich grosse Mühe, unbesorgt und optimistisch auszusehen. Aber wenn sie sich unbeobachtet fühlen, steht auch in ihren Gesichtern Enttäuschung und Sorge geschrieben.
Er steckt den Brief in seine Hosentasche und geht zum wöchentlichen Training seines Fussballclubs.
Herr Binder, der Trainer, hat Stefan schon eine Weile beobachtet. Er schätzt Einsatz im Training sehr, aber was Stefan heute bringt, sieht weniger nach Einsatz aus, es ist vielmehr Aggression. Ich muss nach dem Training ein paar Worte mit dem Jungen reden, denkt er. Doch dazu soll es nicht mehr kommen. Nur wenige Minuten vor Schluss des Spiels liegt Stefan am Boden und krümmt sich vor Schmerzen. Sein Arm liegt seltsam verbogen neben ihm, so als ob er gar nicht zu ihm gehören würde. Er ist gebrochen, das sieht auch ein medizinischer Laie.
Und nun liegt Stefan in der Unfallstation des Krankenhauses und wartet auf seinen Gipsverband. Neben ihm liegt ein Mann, dessen linker Mittelfussknochen gebrochen ist. Sie müssten sich noch eine Weile gedulden, sagt die Schwester, es seien noch drei Patienten vor ihnen einzugipsen. Sie will den Stoffvorhang zuziehen, der die beiden Betten trennt. Da protestiert der Mann im Nebenbett: „Lassen Sie doch offen, Schwester, so kann ich mich mit meinem jungen Leidensgenossen unterhalten.“ Er stellt sich als Herr Habermann vor und erzählt Stefan, wie es zu seinem Unfall gekommen ist. Dann fragt er Stefan nach der Ursache seines Unfalls.
Stefan erzählt ihm vom Training und schliesst seine Schilderung mit den müden und sehr resignierten Worten: „Heute ist die ganze Welt gegen mich.“
Herr Habermann lächelt amüsiert. Was kann er schon für Probleme haben, dieser Junge, vielleicht Ärger mit dem Freund, eine schlecht ausgefallene Prüfung oder Differenzen mit den Eltern. „Na, so schlimm wird es ja wohl nicht sein“, sagt er aufmunternd.
Und da erzählt Stefan, welche Sorgen ihn quälen, es geht ganz leicht, darüber zu sprechen und er wundert sich selbst, wie mühelos die Worte kommen. Dieser Mann im Nebenbett, er könnte sein Vater sein oder sein Lehrer, aber jetzt und hier ist er genau gleich wie Stefan, ein Mensch mit einem gebrochenen Knochen und mit Schmerzen, der darauf wartet, das ihm geholfen wird.
Herr Habermann lächelt nicht mehr, sein Gesicht hat den leicht amüsierten Ausdruck verloren. Er kennt das Problem des Jungen, sehr gut sogar. Erst gestern hat ihm seine Sekretärin eine volle Mappe mit Absagebriefen zur Unterschrift vorgelegt. Weitere solcher Briefe werden folgen. Er stellt jedes Jahr einen Lehrling ein und in diesem Jahr hat er 32 Bewerbungen erhalten. Er sieht Stefan an, diesen sympathischen Jungen mit dem aufrichtigen Blick. Er möchte etwas Tröstliches sagen aber da kommt die Schwester, schiebt sein Bett weg, weil die Reihe jetzt an ihm ist. Nach zwei Schritten bleibt die Schwester stehen und hebt etwas auf. „Gehört dieser Brief Ihnen? Er muss heruntergefallen sein.“ Herr Habermann sieht den Aufdruck auf dem Briefumschlag und sagt: „Ja, es scheint so, das ist meine Firma.“ Er nimmt den Brief heraus, wirft nur einen kurzen Blick darauf und gibt ihn der Schwester zurück. „Entschuldigung, ich habe mich geirrt, der Brief gehört dem Jungen.“ Es ist einer der Absagebriefe, die er gestern unterschrieben hat.
Zwei Tage später hält Stefan wieder einen an ihn adressierten Brief in der Hand. Er hat sich fest vorgenommen sich nicht mehr aufzuregen und sehr cool öffnet er den Briefumschlag. Und er liest:
„Nach nochmaliger Prüfung Deiner Bewerbungsunterlagen teilen wir Dir mit, dass wir Dich gerne in unserer Firma als Lehrling einstellen werden.“
Stefans Augen bleiben genüsslich an diesen Worten haften, die er immer wieder liest und er bedauert, dass seine Eltern noch nicht zu Hause sind und er die grosse Freude nicht mit ihnen teilen kann.
Endlich kommt der Vater nach Hause. Mit strahlenden Augen hält Stefan ihm den Brief entgegen. Der Vater liest den Brief genauer als Stefan es in seiner grossen Freude getan hat. Und so entgeht ihm nicht, was als P.S. am Ende handschriftlich geschrieben ist:
„Stefan, juckt Dich Dein Gips auch so höllisch wie meiner?
Gruss Habermann!“
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Niederlagen müssen sein