Kultur

Frau Maegerli schminkt sich am Tisch.

Frau Maegerli schminkt sich am Tisch.

Herr Maegerli und die Frau - es ist nicht seine Frau - geniessen das Dessert: „Pudding-Chômeure“ das ist in diesem Restaurant das weitaus beliebteste Dessert.

 

Frau Maegerli wählt nicht Pudding-Chômeur, dafür ein Töpfchen mit dem zittrigen, roten Jello. „Das ist weniger; kalorienmässig ganz wenig“, sagte sie. Darauf achtet Frau Maegerli, deshalb liegt auch das Brötchen, das sie am Suppen-Buffet auf ein Tellerchen gelegt hat, immer noch da - auf dem gleichen Teller. Die Serviererin hat es nicht weggeräumt - es ist ja noch nicht einmal angebissen.

Das war es auch gestern und vorgestern nicht; aber Brötchen können nicht wissen dass sie verschmäht werden. Frau Maegerli hatte nur der Eventualität eine Möglichkeit gegeben, darum wird auch das heutige Brötchen niemals seinem Verwendungszweck zugeführt, dabei könnte es sehr nützlich sein: Frau Maegerli ist nämlich eine Leerschlanke. Offensichtlich ist es ihr nicht gelungen eine der vorangehenden Stadien einzunehmen. Vollschlank muss ihr schon immer ein Graus gewesen sein, sie wollte schlank bleiben; aber das ist ihr nicht gelungen. Ob da Brötchen mitschuldig waren - weil sie meistens liegen blieben? Zwar verführen Brötchen immer so; schon der Geruch, zudem lose aufgeschüttet, Übermass andeutend. Da muss man doch einfach zugreifen!

Damit hat Frau Maegerli meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen; ich beginne zu kontrollieren. Schon habe ich mich dabei ertappt, meine Sitzposition auszunützen, um sie zu beobachten. Sie interessiert mich; nein natürlich nicht so, sicher nicht! Einfach so, wegen Dessert und Brötchen! Und auch, weil sie mich immer so musternd anschaut, weder unfreundlich noch freundlich, einfach musternd, so wie es Mütter machen, bevor sie ihre Kinder in die Sonntags-Schule entlassen. Ich bin nicht ihr Kind; aber ich habe natürlich gesehen, wie sie am Salatbüfett nach einer Fliege, oder irgendetwas Unkorrektem gesucht hat - oder meine ich das bloss?

Soweit bin ich also; soweit hast Du es gebracht - hatte sie mich gebracht! Spionieren, ausspionieren, Gründe suchen zum Nörgeln und Hassen können statt - das weiss man doch - alle Leute haben „auch gute Seiten“ und überhaupt: sie bezahlt ja dafür, ob sie es isst oder nicht. Was geht mich das an? Nichts! Schlechtes Gewissen beginnt zu drücken; ich will nicht hassen, lieber nichts sehen. Ich werde ihr den Rücken zukehren, ignorieren, wenn möglich mit Abstand. Das vom Wischen vor der eigenen Haustür sollte man ja auch nie vergessen und überhaupt: soll sie machen, wie und was sie will! Nur, sie fällt auf, zieht Blicke auf sich. Ist sie stolz, eingebildet? Ihr Versuch mit Kleidern, Schmuck und Schminke Vergangenes, jetzt Fehlendes zurückzuholen verwirrt, zieht an wie ein Unfallgeschehen. Ich möchte mehr erfahren, über sie, über ihn. Bin ich „gwunderig“? Was er wohl gewesen ist? Mich dünkt er grüsse mich, als wäre er mir eine Erklärung schuldig, immer nett, freundlich. Sie nicht unfreundlich; aber eben: das Extravagante macht überheblich und dann noch die weggeworfenen Brötchen! Wegen ihnen muss ich ein schlechtes Gewissen haben; das ist nicht recht: ich leide - wegen ihr!

Er sei der Boss gewesen von der, „XY“. „XY“ bedeutet mir nichts, ist ja auch schon Jahre her, sie muss damals eine Schlanke gewesen sein; das denke ich natürlich nur. Ob sie schon immer „Grande Dame“ sein wollte, gewesen ist? Schön, elegant, gepflegt, selbstsicher - mehr als er. Sie spricht, er sagt „jaja“; er ist älter. Sie hat Falten, tief liegende aber sehr wache Augen. Er kumpelhaft, sie abstossend dominant. Ich wollte ich könnte, dürfte sie hassen. Sie zu denen tun, die ganz unten auf meiner Bewertungsskala stehen; aber bloss wegen der Brötchen, sonst nichts. Liebe Deinen Nächsten wie …

Sie machte es mir schwer; ich litt! Dann geschah es: Sie schminkte sich am Tisch! Warum musste ich es gerade sehen? Es sei nicht das erste Mal, eigentlich normal - bei ihr. „Nur die Lippen nachziehen“, werde ich belehrt. Ihr Mann isst Pudding-Chômeur und sperbert verstohlen in die Runde, während das Brötchen abserviert wird - in die Brötchen-Hölle, dorthin kommen alle, die nicht gegessenen und die Nichtessenden.. Ich leide schon weniger!