Die Mähmaschine wurde mit einem zweiten Sitz und einem entsprechenden Gatter, mit welchem Köbis Vater kleine Bündel gemähter Halme ablegen konnte, ausgerüstet. Später band man diese Bündel zu Garben zusammen. Es geschah und war unvermeidbar, dass einzelne Ären vom Halm abbrachen, am Boden liegen blieben.
Nicht lange blieben sie dort liegen, das durften sie auch nicht, der feuchte Boden hätte die Körner zum Keimen gebracht und wertlos gemacht. Kaum waren die Garben vom Feld geräumt, sah man gekrümmten Rücken, Ähre um Ähre sammelnd. Gemeinsam, Mütter mit Kindern in der Sommerhitze, durstig, oft mit geschundenen Fingern; aber voller Stolz, am Abend mit zwei, drei Säcken Ähren heimwärts ziehend. Brot, tägliches Brot für den Vorrat. Niemand konnte wissen, ob es immer genug zu Essen geben wird; Vorsorge ist voraus sehen und gibt Sicherheit.
Ein Sack voll Ähren, welcher Reichtum; mehr als Geld: Brot zum Essen! Aufgehängt im Schopf, der Laube, irgendwo an einem trockenen Ort, sichtbar, immer erinnernd an die mühsamen Sammelstunden. Stolz und Freude spendend, wenn schliesslich das Brot auf dem Tisch liegt. Vorher aber noch der Dreschtag.
Im Herbst, wenn die Dreschmaschine der Dreschgenossenschaft, von Hof zu Hof fuhr, waren die Ährenleser mit von der Partie. Aller Respekt, ja sogar Bewunderung, gehörte ihnen. Sie, die sammelten, was verloren gegangen wäre. Sie, die das Geringe schätzten und wertvoll machten. Bevor die eigentliche Drescharbeit begann – es war ein richtiges Zeremoniell – standen, schauten und staunten alle Helfer. Der Dreschmeister leerte die Ähren aus den vollen Säcken, sachte dem Tambour zu. Bald erschienen die ersten Körner im Sortierzylinder und rutschten in den angehängten Sack. Alle Anwesenden konnten sich freuen. Die Ährenleser Komplimente entgegennehmen. Man freute sich am Fleiss und der Gemeinsamkeit. Aus der verlorenen Ähre wurde etwas Grosses und es war wichtig – in Kriegszeiten.
Mohnsamen ist ganz klein. Damals gab es keine Maschinen oder Geräte um so feinen Samen zu säen. Köbis Mutter machte das von Hand. Die Mohnkultur war eine kriegsbedingte Pflanzung. Andere bauten Raps an. Man wollte sich die Speiseöl-Versorgung sichern. In Reihen gesät konnte später mit der Pferdehacke gehackt werden. Köbi war noch ein kleiner Knirps, sein Vater setzte ihn aufs Pferd von wo aus er die richtige Reihe „ansteuern“ musste. Auf diese Weise war auch die Gefahr, dass er vom Pferd getreten würde gebannt – und sein Stolz gross.
Bald schon zeigte sich das Mohnfeld in schönster Blütenpracht. Im Herbst, nach einigen Frostnächten, galt es die Kapseln einzeln und von Hand einzusammeln. Auf dem Dachboden wurden sie zur Nachtrocknung ausgebreitet und später, wieder in mühsamer Handarbeit, aufgeschnitten, damit die Samen ausgeschüttet werden konnten.
Die „Oeli“ ist eine Gastwirtschaft und wie der Name hinweist, damals auch eine Oelmuehle. Diese, seit langem, nicht mehr in Betrieb. Bekanntlich macht Not erfinderisch. Herr Hoffmann, der Besitzer, brachte es fertig, die „Öli“ wieder in Gang zu setzen. Unser Mohnsamen wurde dort abgegeben, das Öl in einer Korbflasche, samt Ölkuchen, zurückgeholt. Der Ölkuchen, das waren die ausgepressten Mohnsamen, wurde verschiedenen Kuchenrezepten beigemischt und auch verschenkt. Köbis Mutter buk die besten Pfannkuchen, Schenkeli und Fasnachtsküchlein.
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Agnès Varda
möchte auf den wunderbaren Film von Agnès Varda hinweisen :
Glâneurs, glâneuses (2000).