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Horizonte

Horizonte

(10) Während dieser Reise habe ich mich immer wieder von den weiten Horizonten sprechen hören, die mir guttun. Davon, dass das Auge gerne weit schweift. Davon, dass die Fahrten durch diese endlosen Landschaften eine Erfahrung sind, die Welt als gross wahrzunehmen und mich darin klein und doch aufgehoben in so viel Land. Ich beginne, mir verschiedene Horizonte dieser Reise zu vergegenwärtigen.

Ich merke, dass es meinen Blick immer wieder dort hin zieht, wo diese Linie ist, welche die Erde gerade noch vom Himmel trennt. In diesen Weiten ist die Horizontlinie etwas, wo das Auge Orientierung findet, die es wohl doch möchte.

wanzenried_long_beach_vacouver_island.jpg Long Beach Vancouver Island Das Meer macht den Horizont gross. An der Long Beach, an der wilden Westküste Vancouver Islands, sind wir stundenlang dem Meer entlang gewandert. Wir haben den Blick schweifen lassen, von den Wellen, die das Ufer leckten, zu den Brechern gegen das Ufer hin. Dann hinaus, dort hin, wo das Meer eine glitzernde, manchmal gräuliche, manchmal bläuliche Fläche wird, die sich auflöst in den Himmel hinein. Ein fast unmerklicher Übergang. Eine feine Linie.

Der Berg, der Mount Rainier, bildet einen Horizont, zu dem es den Blick immer wieder hinzieht. Alles andere scheint da zu sein, um den Blick auf den Berg freizugeben oder zu verdecken. Schon von weitem sahen wir ihn, den Berg, weiss glitzernd hoch über den endlosen Wäldern. Darauf zuzufahren war mit der Aufregung verbunden, ihn wieder auftauchen zu sehen: Wie nahe würden wir dann sein? Vom Campground aus, welcher weit unten im Tal im Wald am Fluss liegt, wanderten wir das Tal hinauf, abends, um einen Blick auf ihn zu erhaschen.

mount_rainier.jpg Der Mount Rainier Am Morgen dann entschieden wir uns für eine Wanderung auf ihn zu. Er war das Zentrum unseres Horizonts - er ist das Zentrum der Gebirgskette, fast 2000 Meter höher als die umliegenden Gipfel. Mit seinen vielen Gletschern und der Form des Vulkans ist er ein wirklich eindrucksvoller Horizont. Als Wolken und Nebel aufzogen, sind wir Stunden auf einem Felsen in der Wiese gesessen, um dem Schauspiel der sich verändernden Blicke auf ihn zuzusehen. Manchmal liess uns eine Linie oder ein kurzer Blick auf eines der Schneefelder seine Majestät erahnen.

Wieder anders war das Erlebnis von Horizont von zwei „Fire-Lookouts", Feuerbeobachtungsposten, die wir erwandert und bestiegen haben: Ein Rundumhorizont, der aus einem Horizont Horizonte werden lässt. In allen Himmelsrichtungen erstrecken sich Wälder, Seen, Berge, Schichtungen in die weite Endlosigkeit. Es gibt ein Instrument in den Räumen der Fire-Lookouts, das erlaubt, den Ort des Feuers zu lokalisieren. Es ist im Zentrum des Raumes. Dieses Lokalisieren habe ich auch bei mir beobachtet: Einen See entdecken, den ich kenne, einen Berg, oder wenigstens eine Himmelsrichtung.

wanzenried_mount_rainier_nebel.jpg Nebel am Mount Rainier Das Horizont-Erleben im Craters of the Moon National Monument war vom Wissen geprägt: Wir blicken auf eine Landschaft riesiger Lavaströme: Sie sind roh, vielfach kaum bewachsen auch nach 2000 Jahren. Manche haben eine Struktur, ihr Fliessen ist sichtbar im Gestein. Wissend blickt das Auge, kann die verschiedenen Lavaformationen unterscheiden, eine Ahnung der Erdgeschichte dieser Region schwingt mit beim Schauen, das Wissen hat Blick und Fokus verändert.

Der Horizont am Meer in der Straight of Georgia weckte Bilder, die ich seit Kindheit in mir trage, vom Vierwaldstättersee zum Beispiel - Wasser, umgeben von hohen Bergen. Irgendwie schön, dieses erinnert sein, irgendwie enttäuschend. Bin ich denn nicht ausgegangen, um Neues zu sehen, um die Perspektiven zu verändern? Doch halt, etwas ist eindeutig anders: Der Geruch nach Meer!

Ja - wie steht es denn mit der so genannten Horizonterweiterung, die das Reisen mit sich bringen soll? Wenn ich mich dies so frage, dann würde ich dieses Hin-Sehen, das Wahrnehmen über alle Sinne als Horizonterweiterung ansehen - als etwas zumindest, das mir in meinem geschäftigen Alltag immer wieder abhanden kommt.

Das Reisen in diesem riesigen Kontinent, oft durch Landschaften, deren immense Ausdehnungen mir das Gefühl geben, klein zu sein als Mensch, ist so ganz anders als viele Erfahrungen im heimatlichen Europa, wo das Wirken und Verändern des Menschen in Natur und Landschaft für mich viel stärker wahrnehmbar ist. Gleichzeitig weckt dieses Erleben der Grösse und Schönheit der Landschaft eine Ehrfurcht vor der Schöpfung, die ich bei der Lektüre von indianischen Weisheiten gleichermassen finde: „Ich wurde in weiter Natur geboren. Die Bäume schützten mich, die blauen Himmel deckten mich zu. Ich habe die Natur immer bewundert. Und wo immer ich sie sehe, fühle ich Freude in meiner Brust, die anrollt und bricht wie der Ozean an den Ufern, und ich bete und preise Ihn, der mich in ihre Hand gab. Man meint, es sei grossartig, in Palästen geboren zu werden - aber in der grossen Natur geboren zu werden, ist noch schöner!" (George Copway, Ojibwe, in Ken Nerburn (ed.): The wisdom of the Native Americans, 1999, S.4)

So wird mein Horizont verändert durch eine ganz andere Sicht auf das Verhältnis des Menschen zu seiner Erde - eine Sicht, die besagt, dass wir die Erde nicht besitzen können, sondern dass sie uns erlaubt, von ihr zu leben. Diese Sicht traf vor 150 Jahren auf die Sicht der Weissen, die herkamen, um sich die Erde untertan zu machen. Kolonialgeschichte und Geschichte der jungen Städte ist hier untrennbar miteinander verknüpft - und stimmt nachdenklich.

Naturerlebnisse Tag für Tag, die uns die indianische Welt-Sicht nahebringen.

 

Weitere Folgen

1. Aufbruch zur grossen Reise: USA und Kanada

2. Mit Fragen die Reise beginnen

3. In den USA angekommen

4. Sequoia Nationalpark: Zwischen Zeit und Ewigkeit

5. Mountains and Music

6. Orte zum Verweilen und Orte fürs Abenteuer

7. Waldsterben – ein Wort wird Wirklichkeit

8. Switzerland of America und Little America

9. Im Land der Shoshone-Bannock

10. Horizonte

11. Strandgut

 

 

 

 

Kommentare

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Liebe Brigitte und Peter, gratuliere zu Euren interessanten Reiseberichten mit den schönen Bildern. Horizonterweiterung sollte der Zweck des Reisens sein. Dies hat auch damit zu tun, ob wir uns für neue Eindrücke öffnen können. Euch, so scheint es mir,gelingt dies auf vorbildliche Weise.:) Ich wünsche Euch noch einen wunderbaren goldigen Herbst und grüsse herzlich, Hansruedi
Rosenjor Tel.:071 988 21 33 www.rosenmund-kicomart.ch