Gesellschaft

Als junge Samariterin im Aktivdienst

Als junge Samariterin im Aktivdienst

  Im Zweiten Weltkrieg standen erstmals in der Schweizer Geschichte Frauen unter der Fahne. Margrit Karrer-Waser erinnert sich siebzig Jahre später an ihre Aktivdienstzeit als Samariterin.  

 

In der Nacht vom 28. auf den 29. August 1939 schlief Margrit Waser schlecht. Am Abend hatte das Radio gemeldet, dass die Grenzschutztruppen einzurücken hätten. Und damit galt es auch für die 22-Jährige aus Rüschlikon ZH ernst.

Monate zuvor hatte sie sich freiwillig verpflichtet, im Ernstfall dem Vaterland als Samariterin zur Verfügung zu stehen – gegen den Willen ihres Arbeitgebers und ihrer Mutter, welche die kaufmännische Angestellte beziehungsweise das einzige Kind nicht gerne ziehen liessen. Die junge Frau blieb bei ihrem Entscheid: «Ich wollte nicht danebenstehen und zuschauen – ich wollte helfen», erklärt Margrit Karrer-Waser siebzig Jahre später.

Im Fall der Mobilisierung der Grenzbrigaden, so wusste die Samariterin, hatte sie sich bei der Militärsanitätsanstalt MSA III/8 in Zug zu melden. «Trotzdem waren wir überfordert, als es tatsächlich so weit war», erinnert sich die heute 92-Jährige. Erstmals in der Schweizer Geschichte traten im Zweiten Weltkrieg Frauen in den Militärdienst ein. Zu Tausenden standen sie in den Bereichen Gesundheit, Verwaltung, Übermittlung, Transport, Fürsorge, Küche, Motorwagendienst, Fliegerbeobachtung und Feldpost im Einsatz. 4000 Samariterinnen rückten allein im ersten Kriegsherbst 1939 ein, weitere 20 000 folgten bis 1945.

Vor dem Zubettgehen hatte Margrit Waser ihren Rucksack gepackt und das Nötigste bereitgelegt: Jupe und Pullover, einen Regenschutz, praktische Schuhe, ein Ersatzkleid, zwei weisse Schürzen für die Arbeit und eine Wolldecke. «Wir hatten weder eine Ausrüstung noch eine Ahnung, was genau auf uns zukam», sagt sie und schüttelt den Kopf über die Naivität, mit der sie damals ihren Dienst antrat. Am nächsten Morgen, dem 29. August, fuhren dann vier Rüschliker Samariterinnen mit schwerem Rucksack und «einem Päckchen Mut» nach Zug zum Korpssammelplatz. Gemeldet hatten sich die jungen Frauen freiwillig, doch jetzt standen sie im Dienst, erhielten ein Dienstbüchlein, den gleichen Sold wie die Soldaten.

Die MSA wurde in den Gebäuden des Klosters in Menzingen ZG eingerichtet. Das Personal bestand aus Ärzten, Krankenschwestern, Sanitätssoldaten und Männern des Hilfsdienstes sowie den Samariterinnen. Diese richteten Strohsäcke für die Betten her, nähten Laken und Bezüge, Kissen, Hand- und Wickeltücher, putzten, verwandelten Schulzimmer und Klosterkojen in Krankensäle: Bald konnten die ersten kranken Soldaten einquartiert werden.

Ausgefüllte, lange Arbeitstage

Der Dienst war streng: Tagwache um sechs, Arbeitsbeginn um viertel vor sieben Uhr, Arbeitsschluss oft erst spätabends, wenn noch neue Patienten eintrafen, die ein warmes Nachtessen brauchten. Margrit Waser wurde als Kauffrau zum Sekretariatsdienst eingeteilt, als Arztsekretärin des Psychiaters. Viel gelernt habe sie dort und viele traurige Geschichten gehört, von Soldaten und ihren Problemen im Dienst und daheim mit der Familie.

Margrit Karrer-Waser lächelt, wenn sie in ihrem Fotoalbum von damals blättert. Auf den alten Schwarz-Weiss-Bildern sieht man etwa die Belegschaft der MSA III/8 bei der Vereidigung. Ein eindrücklicher Moment: «Eine bunt zusammengewürfelte Schar aus verschi edenen Landesteilen und Kantonen – und doch eine Einheit, eine Familie.»

Vom Strammstehen in schnurgerader Linie, Schulter an Schulter beim Appell hingegen hätten die Samariterinnen wenig gehalten. «Den Offizieren waren wir ungeschulten Zivilistinnen ein Dorn im Auge», erzählt sie. Erst nach Wochen des Drills hätten sie das korrekte Grüssen, den Umgang mit den Gasmasken, ja sogar ein wenig Marschieren und Exerzieren beherrscht – zur Zufri edenheit der VorVorgesetzten und zur Belustigung der Soldaten und Dorfbewohner.

Mitte November 1939 ging Margrit Wasers erster Einsatz zu Ende. Die Rückkehr ins Berufsleben war schwierig, der Chef bestrafte sie für ihre Abwesenheit. Sie kündigte und meldete sich wieder zum Dienst, den sie im Frühjahr 1940 zuerst in Montreux, dann in Interlaken antrat. Die Militärsanitätsanstalt war in einem umfunktionierten Hotel eingerichtet, die Lage ernst: «In der Zeit der zweiten Generalmobilmachung am 11. Mai hatten wir grosse Angst, dass die Schweiz von den Nazis angegriffen und überrollt würde.» Wann immer möglich, hörten die Samariterinnen die neusten Nachrichten am Radio. Draussen rollten pausenlos Armeefahrzeuge vorbei, Pferde und Wagen sowie schwer bepackte Privatautos: «Viele, die Geld und ein Auto hatten, flohen ins Landesinnere in ihr privates Réduit.» Die MSA in Interlaken zügelte in aller Eile weiter ins Tal hinein nach Grindelwald. Bange Tage der Unruhe und der Angst um die Angehörigen zu Hause – und trotzdem ging die Arbeit weiter.

Zeiten der Angst

An diese dunklen Zeiten erinnert sich Margrit Karrer-Waser noch deutlich. Aber auch an beglückende Momente wie gemeinsame Gottesdienste und einen Ausflug aufs Jungfraujoch: Sonne, blauer Himmel, Schnee, Eis und das Mittagessen mitten in der Gletscherwelt beeindruckten die junge Samariterin tief: «Als wir von dort oben auf unser Land hinabblickten, wussten wir: Diese wunderschöne Heimat wollen wir beschützen, für sie stehen wir im Dienst.»

Währenddessen tobte rund um die Schweiz der Krieg: Dänemark und Norwegen waren besiegt, Deutschland marschierte in Paris ein – «Morden, morden … Wie lange soll dieses grausame Spiel mit dem Tod noch dauern?», notierte Margrit Waser im Juni 1940 in ihr Tagebuch. So oft wie möglich gingen die jungen Frauen zusammen wandern: «Die herrliche Natur in Grindelwald hat mir geholfen, mit der Angst umzugehen, auch einmal abzuschalten », sagt sie.

Am meisten geprägt aber habe sie die Kameradschaft: «Alle waren füreinander da, teilten Freud und Leid, zogen am gleichen Strick – obwohl wir aus völlig verschi edenen Welten stammten.» Das sei gerade für sie als Einzelkind eine wichtige Erfahrung gewesen. Geblieben von ihren 290 Diensttagen sind Freundschaften bis ins hohe Alter und die Gewissheit: «Auch wir Frauen haben damals viel geleistet.»

Frauen im Aktivdienst

Bei der Mobilmachung im September 1939 waren Tausende von Frauen freiwillig bereit, Dienst zu leisten. Die Angehörigen des Frauenhilfsdienstes FHD leisteten in den Kriegsjahren insgesamt über dreieinhalb Millionen Diensttage.

Die Samariterinnen leisteten ihre Einsätze in verschi edenen Armee-Einheiten, viele in den Militärsanitätsanstalten MSA, andere im Luftschutz oder in der Ortswehr. Dabei galt es neben dem Pflegedienst auch zu putzen, zu waschen oder Bürodienst zu leisten. Die Frauen erhielten den gleichen Sold wie die Soldaten, später auch Lohnausfallentschädigung.

Da beim Projekt «Diamant» 1989 die Mitwirkung der Frauen im Zweiten Weltkrieg nur am Rande erwähnt wurde, veranstaltete der Schweizerische Samariterbund im September 1989 in Bern den G edenktag «Amethyst». Rund 1300 Samariterinnen nahmen teil. Sie erhielten einen Ehrensold der Eidgenossenschaft und einen letzten Dienstbüchlein-Eintrag. 

Bild: redaktion zeitlupe