Inseltage waren Tage zwischen dichtem Regenwald und Küste,
Tage im Rhythmus der Gezeiten. Bei Flut bleibt nur wenig Raum zwischen den
Bäumen und den Wellen, bei Ebbe gehts weit hinaus über Steine und Sand bis zu
den Wassertümpeln, den Tidepools, in denen sich prächtige Seesterne und
Seeanemonen eingenistet haben.
So zogen wir Tag für Tag verschiedenen Stränden entlang, mal an der Ostküste mit Blick hinüber zum kanadischen Festland, mal an der wilden Westküste, wo zwischen den zerklüfteten kleinen Inselchen der offene Pacific winkt. Darüber hoch aufgetürmte Wolkengebilde, die ständig in Bewegung sind, mal Sonnenschein durchlassen, mal ein paar Regentropfen ausleeren.
Häufig aber hielten wir den Blick gesenkt, um nach nach
Strandgut Ausschau zu halten. Unglaublich, was da allen angeschwemmt wird.
Steine in allen Farben, Maserierungen und Formen. Da findet sich immer wieder
der makellos geformte Stein in allen Grössen. Kaum ein Bildhauer könnte sie
perfekter gestalten als die Natur es tut.
Besonders haben es uns die
gebrochenen Steine angetan, deren abgeschliffene Form durch einen scharfen
Sprung in Stücke gesprengt sind. Wir suchten Stücke zusammen und freuten uns, wenn
sie passten. Alle diese Steine ergeben eindrückliche Skulpturen, wenn sie
entsprechend platziert werden. Auf einem geeigneten Baumstamm, in Linie, im
Kreis, am Saum des Wassers, wo die hereinkommende Flut sie plötzlich zum
Verschwinden bringt. Neugierig verfolgten wir dann, wie nach und nach unsere
Eingriffe in die Kunst der Natur von dieser wieder rückgängig gemacht wurden.
Hinter dem Gürtel von kleinen und grossen Steinen, von Algen
und anderem gestrandetem Seegetier, dort, wo die Flut nur selten hinreicht,
liegt Schwemmholz in den skurrilsten Formen. Abgeschliffene riesige Stämme,
wildverzweigte Wurzelstöcke, kleine Ast- und Rindenstücke. Da sind der Fantasie
kaum Grenzen gesetzt, was sich daraus alles ergibt an Fabelwesen mit wilden
Fratzen und verdrehten Gliedern. Wir brauchten sie nur aufzurichten,
aneinanderzulehnen und ins Gleichgewicht zu bringen. Welche Freude, wenn sie
standen, sei es auch nur bis zum nächsten Windstoss. Auch hier ist
Vergänglichkeit unserer Werke offenkundig – und gerade das macht den besonderen
Reiz aus. Strandgut zur Geltung bringen,
aus gewöhnlichen Steinen und Holzstücken etwas aussergewöhnlich Schönes
machen und miterleben, wie daraus sehr schnell wieder das Gewöhnliche wird. Ist
das nicht exemplarisch für manches in unserm Leben?
Viel Inspiriation für solches Tun bieten die Kunstwerke, Geschichten und Weisheiten, die wir den Ureinwohnern dieser Gegend verdanken, deren kulturelles Erbe hier in der Küstenregion heute hoch geschätzt und allethalben gezeigt wird: eindrückliche Totempfähle und andere Holzskulpturen, ausdrucksstarke Masken, reich verzierte Boote und Möbelstücke, auch die Mythen, mit denen die vielen verschiedenen Stämme ihre Herkunft und ihr Leben deuten.
Ja, und dann sind wir hier an der Pacific-Küste Washingtons plötzlich selbst zu Strandgut geworden. Die Elektronik unseres Wohnmobils ist ausgestiegen und wir warten seit Tagen auf Ersatz. Doch nach Ärger und Ratlosigkeit ist es uns gelungen, auch daraus etwas Wunderschönes zu machen. In Pacific Shores, wo wir sonst wohl nie hingekommen wären, haben wir eine zauberhafte Unterkunft im viktorianischen Stil mit Blick zur Küste gefunden. Das Wetter zeigt sich von der besten Seite. So wird die Wartezeit zu einer runden Sache, so perfekt, wie die Steine, die wir auch hier am endlosen Sandstrand sammeln.
Weitere Folgen
1. Aufbruch zur grossen Reise: USA und Kanada
2. Mit Fragen die Reise beginnen
4. Sequoia Nationalpark: Zwischen Zeit und Ewigkeit
6. Orte zum Verweilen und Orte fürs Abenteuer
7. Waldsterben – ein Wort wird Wirklichkeit
8. Switzerland of America und Little America
9. Im Land der Shoshone-Bannock
10. Horizonte
11. Strandgut
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