Kultur

Die ganz andere Westside-Story

Die ganz andere Westside-Story

„Boheme“ im Berner Gäbelbachquartier und im Einkaufszentrum Westside! Das Schweizer Fernsehen SF 1 bringt am 29. September ab 20:05 Uhr nach der letztjährigen „Traviata“ erneut eine bekannte Oper auf den Bildschirm. Keine „abgefilmte“ Opern-Inszenierung; Schauplatz ist nicht die Bühne. Wie vielseitig und anspruchsvoll das Unterfangen ist, zeigt ein Augenschein am Ort der Produktion.  

Eine Oper ist keine Oper ist eine Oper

Maya Boog als Mimi und Saimir Pirgu als RodolfoDie Hauptdarsteller von «La Bohème im Hochhaus»: Maya Boog als Mimi und Saimir Pirgu als Rodolfo.
Copyright SF/Nathan Beck

Die „Boheme“ von Giacomo Puccini (1858-1924) ist als konventionelle Nummernoper 1896 uraufgeführt worden. Henri Murger (1822-1861), französischer Schriftsteller und Dichter, lieferte mit seinem Roman „Les scènes de la vie de bohème“ (1847–49) die Vorlage. Puccinis Musik wird in hohem Mass sowohl den mit einem melancholischen Anflug von Galgenhumor geschilderten Künstler- und Menschenportraits, der keimenden und tragisch verlaufenden Liebe, als auch der Stimmung der Interieurs gerecht; das macht den Reiz und auch den Erfolg des Werks aus. Am farbigsten, lebendigsten jedoch ist die Massenszene des Weihnachtsmarktes (Zweites Bild) – schon ihretwegen lohnt sich der Besuch einer Vorstellung (Zum Beispiel zurzeit im Berner Stadttheater). Was aber macht das Ausserordentliche dieser Produktion des Fernsehens in Bern-West aus? Vor allem das: Diese „Boheme“ ist keine Opernaufführung im traditionellen Sinne mehr. Sie ist eine dezentral gestaltete Aufführung unter Mitwirkung eines ganzen städtischen Aussenquartiers und wird so eigentlich zum Lokaltermin. Zusammengeführt wird sie auf dem Bildschirm des Fernsehzuschauers in seiner Wohnung. Nur dort ist das Gesamtkunstwerk wiederum als Oper zu erleben.

Waschküche, Maleratelier, Wohnzimmer, Einkaufszentrum, Platz im Freien

Saimir Pirgu in der Rolle des Rodolfo, Robin Adams als Marcello und Eva Liebau als Musetta.Saimir Pirgu in der Rolle des Rodolfo, Robin Adams als Marcello und Eva Liebau als Musetta.
Copyright SF/Marion Nitsch

Wie wirkt die Bevölkerung des Wohnquartiers Gäbelbach in Bern West denn mit? Da werden die herrlichsten Anekdoten erzählt, so vom Hausmeister des Hochhauses, der mit Opern nicht viel am Hut hat, aber selbstverständlich seine Wohnung als Spielraum zur Verfügung stellt. Oder von Bewohnerinnen, die Angehörige des Produktionsteams spontan zum Kaffee oder gar zum Essen einladen.

Theater sei alles das, was sich auf den einzigen Abend, auf den es ankomme, konzentriere, schrieb einst Jean-Louis Barrault, einer der ganz Grossen des Theaters, in seinen Erinnerungen. Er hat von den Möglichkeiten des multimedialen elektronischen Zeitalters wohl kaum so viel geahnt, dass er sich unter „Gesamtkunstwerk“ etwas anderes hätte vorstellen können als was Richard Wagner im 19. Jahrhundert davon hielt. Gut, es ist noch nicht erwiesen, dass dem Schweizer Fernsehen ein „Gesamtkunstwerk“ im Sinn von Kunst dann auch tatsächlich gelingt, aber ein umfassend konzipiertes Werk ist es auf jeden Fall.

Saimir Pirgu in der Rolle des Rodolfo, Eva Liebau als Musetta und Robin Adams als Marcello.
Copyright SF/Marion Nitsch

 



 

 

Malatelier, Robin Adams (Marcello) Copyright SF/Severin NowackiMalatelier, Robin Adams (Marcello)
Copyright SF/Severin Nowacki

 

 

 

 

 

 

 

So viel Schläuche, Kabel, Monitoren – und keiner merkt’s!

Die ganze aufwändige Produktion beginnt nicht mit den Proben, sondern weit eher mit der Konzeption der Lösung aller auftretenden technischen Probleme. Rolf Allenbach ist für die Technik verantwortlich. Am meisten gefordert sind die Tontechniker: Das Berner Sinfonieorchester spielt im Einkaufszentrum, die meisten Szenen spielen in 800 Metern Entfernung rund um den Wohnblock B des Gäbelbachquartiers. Die Sängerinnen und Sänger hören über Ohrhörer auf dem einen Ohr das Orchester und auf dem anderen Ohr sich selbst. Doch auch die Fersehequipe muss unter einander kommunizieren können. Auf jedem Schauplatz ist ein „Subdirigent im Einsatz. Mehr als 20 Kameras nehmen das Geschehen auf. Alles in allem schätzt man, dass rund 300 Personen am 29. September sich um das Gelingen des Werks kümmern werden. Der technische Laie staunt und ist froh, wenn er zuhause am Bildschirm ein künstlerisch überzeugendes Produkt all dieses Bemühens miterleben darf. Die Zeichen stehen gut!

Mitwirkende und Moderatoren

Die beteiligten Sängerinnen und Sänger sind in den Bildern dieses Beitrags dokumentiert.

 

Srboljub DinicDas Berner Symphonieorchester spielt unter seinem Chefdirigenten Srboljub Dinic, der sich nicht nehmen lässt, die einzelnen Szenenproben persönlich musikalisch zu leiten.
Copyright SF/Severin Nowacki

 

 

Anja Horst Anja Horst, Regisseurin vor Ort,
Szenisches Arrangement
Copyright: SF/Christian Eggenberger

 

 

 

 

 

 

 

 


Alice Tumler (Arte), Sandra Studer (SF), Michel Cerutti (TSR)Den Abend der Ausstrahlung begleiten als Moderationstrio Alice Tumler (Arte), Sandra Studer (SF), Michel Cerutti (TSR)
Copyright SF/Severin Nowacki

 

 

Die Fernsehregie liegt in den Händen von Felix Breisach.

Mit SF 1 senden gleichzeitig live TSR 1, RSI LA 1, Arte und HD Suisse

www.laboheme.sf.tv