Informations- und Kommunikationstechnologien werden zwar ein Faktor sein, um die Gesundheitssysteme in Anbetracht der gesellschaftlichen Überalterung vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren. Sie können aber nicht als Allheilmittel angesehen werden. Um die künftigen Herausforderungen im Pflege- und Gesundheitswesen meistern zu können, bedarf es eines ganzheitlichen, über den klassischen medizinischen Fokus hinausgehenden, auf die Lebensqualität der Betroffenen abstellenden Ansatzes, so der Tenor der Vortragenden auf dem ersten europäischen Forum für Ambient Assistent Living (AAL) in Wien.
"ITK-Lösungen werden sicher ihren Platz finden. Bis dahin müssen jedoch noch einige Schritte getan werden", sagt Bernd Marin, Executive Director, European Centre of Social Welfare and Research. Marin verweist auf technisch unausgereifte Lösungen, geringe Benutzerfreundlichkeit und nicht zuletzt darauf, dass viele Angebote für Bürger mit durchschnittlichem Einkommen nicht leistbar sind. Zudem gebe es menschliche Bedürfnisse, die mithilfe von Technologie gar nicht gestillt werden können. Soziale Wärme bzw. Verständnis oder Zuneigung lassen sich auch mithilfe von Informationstechnologie nur schwer herstellen. Viele Senioren würden es ferner bevorzugen, trotz medizinisch bedingter Einschränkungen weiter produktiv zu sein, anstatt in irgendeiner Form künstlich animiert zu werden. "Technische Lösungen werden für viele Menschen beträchtlichen Mehrwert schaffen. Ich möchte nur davor warnen, schon jetzt zu viele Erwartungen zu schüren, die von der Technik nicht erfüllt werden können", so der Experte eindringlich.
Gesellschaft wird immer älter
Für Jeroen Wals, Vice President Phillips Research, ist der aktuelle Alterungsprozess der Gesellschaft historisch einmalig. Die Folgen würden durch die Veränderung von Lebensstil und Familienstrukturen nur noch verstärkt. "Im Jahr 2050 werden über zwei Mrd. Menschen ein Alter von 60 oder mehr Jahren erreicht haben. Etwa die Hälfte davon wird aller Voraussicht nach an chronischen Krankheiten leiden", gibt Wals zu b
edenken. Allgemein lässt sich der Trend beobachten, dass ältere Menschen in Hinkunft alleine leben und auf andere Pflege- und Assistenzressourcen zurückgreifen müssen als bisher.
"Das alles zieht eine Änderung der Bedürfnislandschaft bei Patienten, Pflege- und medizinischem Personal wie auch Angehörigen nach sich. Phillips vertritt daher den Standpunkt, dass ein Wechsel auf ein patientenzentriertes Gesundheitssystem unerlässlich ist. Und dabei können ITK-Lösungen als Brückenkopf zwischen Institutionen und Eigenheim eingesetzt werden", so Wals weiter. Entscheidend für den Erfolg sei jedoch die rechtzeitige Implementierung neuer Technologien in reale Umgebungen und die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle auf dieser Basis.
Problematisch hingegen ist, dass einschneidende Veränderungen häufig zu emotionalen Reaktionen führten, insbesondere bei heiklen Fragen wie der Gestaltung des Gesundheitswesens. Das wird auch durch die hitzig geführten Debatten rund um die von US-Präsident Obama verfolgte Reform des amerikanischen Gesundheitswesens deutlich. Um Patienten mit ITK-Lösungen zu stärken und nicht zu überfordern, müssten zunächst die Basisbedürfnisse verstanden werden. Erst dann kann die Entwicklung geeigneter Technologie und deren Implementierung in einem realen Umfeld erfolgen, so Wals.
"Home Care System" als Ziel
Auch in den Vereinigten Staaten besteht nach Holly Jimison, Professorin an der Oregon Health & Science University, Bedarf nach einem neuen ganzheitlichen Ansatz zur Überwindung des demographisch bedingten Dilemmas. Anders als in Europa gebe es jedoch nur wenige koordinierte Programme. Initiativen kämen zudem meist von der Basis und nicht von Regierungsseite. Auch Jimison plädiert für einen holistischen, pro-aktiven Zugang. Insbesondere die mittlerweile allgegenwärtige Computertechnologie soll dazu genutzt werden, alle Beteiligten in einem patientenzentrierten "Home Care System" zusammenzuführen. Die soziale Verbundenheit, insbesondere aber der Patienten untereinander - etwa in Form des Austauschs von patientenspezifischen Informationen über Videokonferenzen - ist ihr ein besonderes Anliegen.
Im Bereich Hardware plädiert die Expertin aus Oregon für eine Integration von technischen Innovationen in häufig gebrauchte Geräte wie Smartphones oder Uhren. Problematisch sei hier immer noch die schiere Größe mancher Apparaturen, aber auch die Laufzeiten der Batterien. Über normale medizinische Überwachungssysteme hinausgehende Monitoringsysteme, etwa zur Messung von Schlafdauer und -qualität, würden billige Sensoren notwendig machen, um die Kosten im Rahmen zu halten. Im Software-Bereich hält Jimison die Entwicklung neuer Algorithmen und Usermodelle für zentral.
Europa und die Vereinigten Staaten sollten dafür in der Forschung enger zusammenarbeiten. "Gemeinsame Standards in der Programmierung, ein koordiniertes Studiendesign oder ein Wissensaustausch auf Basis gemeinsamer Forschungsplattformen wären äußerst hilfreich", meint Jimison.