Freizeit

In den Wind

In den Wind

(12) Der Wind ist unser ständiger Begleiter hier am Pazifik. Meist ist er stark und wild, ein Kerl, der einen auffordert, gegen ihn oder mit ihm zu wandern dem Strand entlang, mit ihm zu fliegen mit dem Drachen, seine Spuren zu bewundern in den ständig sich erneuernden Dünen. Dort lässt er in Wellen eine Spur Sand fliegt, die wunderbare kleine, dann grösser werdende Kämme bilden.

Wer er ist, bleibt unsichtbar. Seine Wirkungen sind überall: Das Dünengras zeugt von ihm, es bewegt sich wie Haar im Wind, legt sich, wellt sich mit seinen Wellen. Er treibt kleine Gräser vor sich her, lässt sie tanzen. Er hinterlässt Wellen im Sand, und er löscht unsere Spuren aus, in Kürze. Oft haben wir genug von ihm: Wir suchen einen geschützten Platz hinter einer Düne, wo wir in Ruhe lesen und das Meer betrachten können.

Wir bewundern die Fähigkeit der verschiedenen Vogelarten, mit dem Wind zu spielen: Die Möwen zunächst, die heftig mit den Flügeln schlagend gegen den Wind über unsere Köpfe hinwegfliegen, dann eine elegante Kurve ziehen und mit doppelter Geschwindigkeit weiterfliegen mit dem Wind. Die Pelikane fliegen in Reihen von sechs bis neun Vögeln, sie gleiten in Wellen hintereinander, kaum ein Flügelschlag ist nötig. Sie scheinen in die Wellentäler des Meeres hinabzugleiten, fliegen fast auf der Meeresoberfläche, dann wieder etwas weiter hinauf, um wieder hinunterzusegeln. Stundenlang könnte ich ihrem eleganten Flug zusehen. Andere, wie die Kormorane, fliegen mit ständigem Flügelschlagen.

drachen.jpgWir haben zunächst in Ocean Shores den Drachenfliegern zugeschaut. Die farbigen Flieger, Vögel, Schildkröten und andere fantastische Gebilde füllen den Himmel, das Spiel mit dem Wind fasziniert auch die Menschen. So erstehen auch wir im „Kite-Shop" einen Lenkdrachen für Anfänger, mit genauer Erklärung des Ladenbesitzers, der offensichtlich selber ein angefressener Drachenflieger ist. Unsere ersten Flugversuche sind schnelle Starts und ebenso schnelle, heftige ungewollte Landungen. Doch langsam entdecken wir das Spiel mit dem Wind, lernen, den Drachen zu lenken und sanft auf der Seite im Windloch landen zu lassen. Wir lernen auch, dass es zu wenig oder zu viel Wind haben kann.... wir beachten die allerorts wehenden Amerikaflaggen plötzlich in bezug auf die neue Leidenschaft: Ist der Wind wohl gut heute? Die Zeit fliegt bei diesem Tun!

In Long Beach, Washington, gibt es das World Kite Museum - ein Museum, das ganz der Kunst des Drachenfliegens gewidmet ist, aufgebaut von Drachen-Enthusiasten.... inzwischen wissen wir auch, dass es überall Drachenflugfestivals gibt. Die Direktorin des Museums freut sich sehr, dass wir kommen und uns interessieren - wie so oft hier in den USA ist dies eine persönliche und inspirierende Begegnung.

drachenfliegen.jpgWir lernen im Museum vieles übers Drachenfliegen: Es gibt spektakuläre Flugaufnahmen, die von Drachen aus gemacht wurden: Das verheerende Erdbeben von San Francisco im Jahr 1906 wurde so dokumentiert. Drachen wurden im zweiten Weltkrieg für meteorologische Zwecke und zur Störung des Funkverkehrs genutzt. In den 1920er Jahren gab es eine grosse Fabrik, die Drachen fertigte, die in den so genannten „Dime Stores", Billigläden fürs breite Publikum, verkauft wurden - ein Familienunternehmen, das sich neben Faden und Schnur auf Kinderspielsachen spezialisierte in Krisenzeiten. Das Museum hat eine grosse Sammlung von Drachen aus verschiedensten Ländern Asiens, wo das Drachenfliegen eine lange Tradition und verschiedene Bedeutungen hat: In Indonesien werden Drachen zum Fischen und zum Fangen von Fledermäusen genutzt. In China gibt es viele Drachen in Form von Insekten, die als Glücksbringer betrachtet werden. Auch als Überbringer geheimer Liebesbriefe hinter Haremsmauern wurde er genutzt. In Korea ist das Drachenfliegen mit dem Zyklus der Jahreszeiten verknüpft und soll böse Geister fernhalten. In Afghanistan und Japan werden Wettkämpfe mit Drachen ausgefochten, individuell oder in riesigen Teams mit Riesendrachen. Die einen sagen, es reicht, dass der Drachen fliegt, andere machen ein Kunstwerk aus dem Drachen: Es gibt wundervoll bemalte Drachen mit Symbolen und Geschichten. Das Museum hat perfekt gepasst, um dieser neu entdeckten Leidenschaft Auftrieb zu verleihen!

Wenn wir an einen neuen Strand kommen, ist neuerdings die erste Frage: Ist der Wind gut für Drachen, sollen wir sie mitnehmen? Die Freude am Drachenfliegen hat uns auch schon verleitet, ihn bei sehr starkem Wind fliegen zu lassen, was zum Bruch einer Stange und einer Reparatur geführt hat - bei einem Drachenbauer, der Riesendrachen baut und mit Stolz auf sie hinweist am Strand, wo sein Bruder sie fliegen lässt. Auch dies eine der vielen kleinen schönen Begegnungen dieser Reise.

 

 

Weitere Folgen:


1. Aufbruch zur grossen Reise: USA und Kanada

2. Mit Fragen die Reise beginnen

3. In den USA angekommen

4. Sequoia Nationalpark: Zwischen Zeit und Ewigkeit

5. Mountains and Music

6. Orte zum Verweilen und Orte fürs Abenteuer

7. Waldsterben – ein Wort wird Wirklichkeit

8. Switzerland of America und Little America

9. Im Land der Shoshone-Bannock

10. Horizonte

11. Strandgut