Wer er ist, bleibt unsichtbar. Seine Wirkungen sind überall: Das Dünengras zeugt von ihm, es bewegt sich wie Haar im Wind, legt sich, wellt sich mit seinen Wellen. Er treibt kleine Gräser vor sich her, lässt sie tanzen. Er hinterlässt Wellen im Sand, und er löscht unsere Spuren aus, in Kürze. Oft haben wir genug von ihm: Wir suchen einen geschützten Platz hinter einer Düne, wo wir in Ruhe lesen und das Meer betrachten können.
Wir bewundern die Fähigkeit der verschiedenen Vogelarten, mit dem Wind zu spielen: Die Möwen zunächst, die heftig mit den Flügeln schlagend gegen den Wind über unsere Köpfe hinwegfliegen, dann eine elegante Kurve ziehen und mit doppelter Geschwindigkeit weiterfliegen mit dem Wind. Die Pelikane fliegen in Reihen von sechs bis neun Vögeln, sie gleiten in Wellen hintereinander, kaum ein Flügelschlag ist nötig. Sie scheinen in die Wellentäler des Meeres hinabzugleiten, fliegen fast auf der Meeresoberfläche, dann wieder etwas weiter hinauf, um wieder hinunterzusegeln. Stundenlang könnte ich ihrem eleganten Flug zusehen. Andere, wie die Kormorane, fliegen mit ständigem Flügelschlagen.
Wir haben zunächst in Ocean Shores den Drachenfliegern
zugeschaut. Die farbigen Flieger, Vögel, Schildkröten und andere fantastische Gebilde
füllen den Himmel, das Spiel mit dem Wind fasziniert auch die Menschen. So
erstehen auch wir im „Kite-Shop" einen Lenkdrachen für Anfänger, mit genauer
Erklärung des Ladenbesitzers, der offensichtlich selber ein angefressener
Drachenflieger ist. Unsere ersten Flugversuche sind schnelle Starts und ebenso
schnelle, heftige ungewollte Landungen. Doch langsam entdecken wir das Spiel
mit dem Wind, lernen, den Drachen zu lenken und sanft auf der Seite im Windloch
landen zu lassen. Wir lernen auch, dass es zu wenig oder zu viel Wind haben
kann.... wir beachten die allerorts wehenden Amerikaflaggen plötzlich in bezug
auf die neue Leidenschaft: Ist der Wind wohl gut heute? Die Zeit fliegt bei
diesem Tun!
In Long Beach, Washington, gibt es das World Kite Museum - ein Museum, das ganz der Kunst des Drachenfliegens gewidmet ist, aufgebaut von Drachen-Enthusiasten.... inzwischen wissen wir auch, dass es überall Drachenflugfestivals gibt. Die Direktorin des Museums freut sich sehr, dass wir kommen und uns interessieren - wie so oft hier in den USA ist dies eine persönliche und inspirierende Begegnung.
Wir lernen im Museum vieles übers Drachenfliegen: Es gibt
spektakuläre Flugaufnahmen, die von Drachen aus gemacht wurden: Das verheerende
Erdbeben von San Francisco im Jahr 1906 wurde so dokumentiert. Drachen wurden
im zweiten Weltkrieg für meteorologische Zwecke und zur Störung des
Funkverkehrs genutzt. In den 1920er Jahren gab es eine grosse Fabrik, die
Drachen fertigte, die in den so genannten „Dime Stores", Billigläden fürs
breite Publikum, verkauft wurden - ein Familienunternehmen, das sich neben
Faden und Schnur auf Kinderspielsachen spezialisierte in Krisenzeiten. Das
Museum hat eine grosse Sammlung von Drachen aus verschiedensten Ländern Asiens,
wo das Drachenfliegen eine lange Tradition und verschiedene Bedeutungen hat: In
Indonesien werden Drachen zum Fischen und zum Fangen von Fledermäusen genutzt.
In China gibt es viele Drachen in Form von Insekten, die als Glücksbringer
betrachtet werden. Auch als Überbringer geheimer Liebesbriefe hinter
Haremsmauern wurde er genutzt. In Korea ist das Drachenfliegen mit dem Zyklus
der Jahreszeiten verknüpft und soll böse Geister fernhalten. In Afghanistan und
Japan werden Wettkämpfe mit Drachen ausgefochten, individuell oder in riesigen
Teams mit Riesendrachen. Die einen sagen, es reicht, dass der Drachen fliegt,
andere machen ein Kunstwerk aus dem Drachen: Es gibt wundervoll bemalte Drachen
mit Symbolen und Geschichten. Das Museum hat perfekt gepasst, um dieser neu
entdeckten Leidenschaft Auftrieb zu verleihen!
Wenn wir an einen neuen Strand kommen, ist neuerdings die erste Frage: Ist der Wind gut für Drachen, sollen wir sie mitnehmen? Die Freude am Drachenfliegen hat uns auch schon verleitet, ihn bei sehr starkem Wind fliegen zu lassen, was zum Bruch einer Stange und einer Reparatur geführt hat - bei einem Drachenbauer, der Riesendrachen baut und mit Stolz auf sie hinweist am Strand, wo sein Bruder sie fliegen lässt. Auch dies eine der vielen kleinen schönen Begegnungen dieser Reise.
Weitere Folgen:
1. Aufbruch zur grossen Reise: USA und Kanada
2. Mit Fragen die Reise beginnen
4. Sequoia Nationalpark: Zwischen Zeit und Ewigkeit
6. Orte zum Verweilen und Orte fürs Abenteuer
7. Waldsterben – ein Wort wird Wirklichkeit
8. Switzerland of America und Little America
9. Im Land der Shoshone-Bannock
10. Horizonte
11. Strandgut
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