Des Schweizers Liebling: „Gilberte de Courgenay“
Anne-Marie Blanc ist am 5. Februar dieses Jahres verstorben. Sie wäre am 2. September letzthin 90 Jahre alt geworden. Als 19-Jährige stand sie zum ersten Mal auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses, als 20-Jährige war sie im Film „Wachtmeister Studer“ erstmals zu sehen. Zweifellos schaffte sie den Durchbruch als Filmschauspielerin 1941 mit ihrer unvergesslichen Darstellung der Gilberte de Courgenay im gleichnamigen Film. Noch heute ist sie in diesem Werk aus der Epoche der „Geistigen Landesverteidigung“ der Liebling der Aktivdienstgeneration, und das zu Recht. Trotzdem hat sie mir in sehr jungen Jahren als Gritli Störteler in der Keller-Verfilmung „Die missbrauchten Liebesbriefe“ (1939) einen ungemein nachhaltigeren Eindruck gemacht.
Grosse Dame – grosse Rollen
Trotz der „petite Gilberte“ habe ich allezeit Anne-Marie Blanc auf der Theaterbühne höher bewundert als allgemein im Film. Das Buch „Anne-Marie Blanc – Gespräche im Hause Blanc“ führt in einem Verzeichnis von 19 Seiten ihre Schauspiel – und (verhältnismässig wenige, aber beachtliche) Opernrollen auf. Schon diese Aufzählung, vielmehr das ganze Buch, liest sich wie eine Kulturgeschichte des Theaters von 1938-2004. Nur ganz wenige dieser Aufführungen war mir zu sehen vergönnt; die Liste rief trotzdem nostalgischen Erinnerungen an die Zeit meiner intensiven Beschäftigung mit Theater. Höhepunkte mit Anne-Marie Blanc waren rein zufällig die Stella in Jerome Kiltys „Geliebter Lügner“ (Dramatisierung des Briefwechsels von G. B. Shaw mit der Schauspielerin Stella Patrick-Cambpell, im Atelier Theater Bern 1964) und die Norma Desmond in „Boulevard der Dämmerung“ (Dramatisierung des Films „Sunset Boulevard“ (1950) von Billy Wilder, im Theater an der Effingerstrasse, Bern 1999).
Nur fünf Seiten umfasst das Verzeichnis der Rollen im Film von 1939-2001. Auch hier finden sich namhafte Filme, vor allem Schweizer Produktionen, aber auch die Fernseh-Serie „Tatort“ (1992) und, ganz zuletzt 2001, das behutsam-respektvoll sich der grossen Dame nähernde Film-Portrait unserer Buchautorin Anne Cuneo „La petite Gilberte – Anne-Marie Blanc, ein Portrait“.
Grossmutter und Enkelin
In der Dokumentation der Tätigkeit von Anne-Marie Blanc in diesem Buch ist die beigefügte DVD eine besondere Kostbarkeit. Hier steht sie 2004 zusammen mit ihrer Enkelin Mona Petri in „Savannah Bay“ von Marguerite Duras auf den Bühnen von Basel (Kaserne), Zürich (Schauspielhaus) und St. Gallen (Theater).
Gedenkmatinee, Buchvernissage am 20. September im Schauspielhaus Zürich
Sie sind alle gekommen: Söhne, Enkelinnen und Enkel, Freundinnen und Freunde, Regisseure und Regisseurinnen, Bewunderer, Kolleginnen und Kollegen, die Autorin, das Verlagsteam.
Nach der Begrüssung durch die Intendantin des Schauspielhauses, Barbara Frey, hielt Peter Schweiger die Laudatio. Eine Videosequenz zeigte Ausschnitte aus Anne-Marie Blancs zahlreichen Filmrollen. Mit der Autorin Anne Cuneo sprach Martin Walder über die Entstehung des Buchs und über die Freundschaft mit der vielseitigen Frau und Schauspielerin. Enkelin Mona Petri las Passagen aus dem Buch. Akkordeonist Hans Hassler improvisierte dazwischen und am Schluss über die Melodie „Gilberte“ aus dem Film. Am Schluss bedankten sich die Söhne Anne-Marie Blancs, beim Publikum und bei den Mitwirkenden auf der Bühne.
Gespräche im Hause Blanc
„Das Leben ist wie eine Cremeschnitte – die Schichten überlagern sich“, schreibt Anne Cuneo irgendwo im Buch. Es ist das Verdienst der renommierten Autorin, dass diese Cremeschnitten, die sie auftischt, nicht kleben, sondern knusprig bleiben. Es sind Gespräche, die sie aufzeichnet; weil man es so gut bemerkt, sei es wiederholt. Der Titel lehnt sich übrigens an den eines Bühnenstücks von Petr Hacks: „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“. Anne-Marie Blanc spielte darin 1977-78 in Zürich, Chur und Paris die Frau von Stein.
Nun, in den Erzählungen des Buches wird selbstverständlich auch über Abwesende gesprochen. Trotzdem ist alles durch die direkte, unverschnörkelte, gehaltvolle Sprache präsent. Die Sprachbilder wirken einprägsam, die zahlreichen Schwarzweiss-Fotos aus dem Lebenswerk der Anne-Marie Blanc illustrieren die erzählten Bilder manchmal diskret, meistens verblüffend lebendig und ausdrucksstark. Nicht oft, wenn man sich mit biografischen Büchern beschäftigt, ist man so häufig versucht, zurückzublättern und nachzuschlagen! Was für ein reiches, fruchtbares Leben! Welche Persönlichkeit, was für ein Selbstbewusstsein – aber auch welche Gründlichkeit, was für ein Verantwortungsbewusstsein tritt uns da entgegen! Nicht immer, so gewahrt man, war das Gleichgewicht zwischen Familie und Berufung ohne Weiteres intakt zu halten. Damit wird das Buch auch zu einer Hommage an Ehemann Heinrich Fueter, der seine Frau lebenslang im Haushalt und als eine Art Assistent im Beruf unterstützte.
„Da Capo – nochmals einen Vorhang, bitte!“
Dieser Wunsch wird erfüllt in einer Veranstaltung der Reihe „Die lange Nacht der kurzen Geschichten“ – „Lebensgeschichten“ (www.lange-nacht.ch):
Am 24. Oktober 2009, um 20 Uhr im Theater Rigiblick, Zürich,
erzählt Anne Cuneo im Gespräch mit Charles Clerc
von ihrer langjährigen Freundschaft mit Anne-Marie Blanc.
Aus dem Buch liest wiederum Mona Petri.
Eintritt: Fr. 20.00. Reservation unter
tickets@theater-rigiblick.ch oder unter 044 361 80 51.
Das Buch
Anne Cuneo
Anne-Marie Blanc
Gespräche im Hause Blanc
Mit einer DVD von
"Savannah Bay" (Marguerite Duras)
mit Anne-Marie Blanc und Mona Petri
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Eine ungemein imponierende Frau