Gesellschaft

Der Fall der Berliner Mauer -  in Genf

Der Fall der Berliner Mauer - in Genf

„Aids ist eine kapitalistische Krankheit, Aids gibt es in den sozialistischen Staaten nicht“. Das sagte mir, kurz vor dem Mauer-Fall, ein DDR-Journalist in Genf. Er sagte es stolz und laut. Der Mann hiess S.; er war der offizielle Vertreter der DDR-Nachrichtenagentur ADN. „Zum Glück gibt es die Berliner Mauer, die schützt uns vor dem westlichen Virus“.

Genf war während des Kalten Krieges ein journalistisch wichtiges Pflaster. Über 300 Medienleute aus aller Welt waren akkreditiert und berichteten über internationale Konferenzen, über Gipfel- und Friedensgespräche sowie Abrüstungsbemühungen. Ich war einer von ihnen. Da trafen sich Reagan und Gorbatschow. Die beiden Supermächte rüsteten sich mit Atomwaffen fast zu Tode und versuchten an der Genfer Avenue de la Paix, ein schreckliche Finale zu verhindern. Oft tagten die Minister bis in die frühen Morgenstunden. Friedensaktivisten zündeten vor den Tagungsgebäuden Kerzen an, die gespenstisch in die Nacht hinein leuchteten. Fast alle Konflikte und Kriege der Welt fanden damals, in Form von Friedensbemühungen, den Weg nach Genf.

Im Irish Pub traf man sie nie

Alle grossen Zeitungen der Welt, alle weltumspannenden Nachrichtenagenturen hatten in Genf ihre Büros. Da waren Reuters und Agence France Press, da war Associated Press und die New York Times, da waren Afrikaner und Asiaten, Skandinavier und viele Franzosen, da war die spanische Nachrichtenagentur EFE, ein Journalist aus Mexiko, einer aus Argentinien, viele Briten, Japaner, Holländer und Italiener. Wir waren eine Art Familie. Wir berichteten, diskutierten, tauschten uns Informationen aus. Manchmal trafen wir uns am Abend im Irish Pub an der Rue de Lausanne oder im Café du Soleil in Petit-Saconnex.

Und da waren die Deutschen, viele Deutsche, vor allem Westdeutsche.  Alles freundliche, offene Menschen. Da war die DPA, die Deutsche Presseagentur, da war die ARD, Radio und Fernsehen, alle grossen Zeitungen hatten ihre Vertreter. Die Westdeutschen bildeten in der journalistischen Grossfamilie eine Art Unterfamilie.

Da waren auch die DDR-Leute. Und die Sowjets. Sie gehörten nicht zur Familie. Im Irish Pub an der Rue de Lausanne trafen wir sie nie. Auch nicht im Café du Soleil in Petit-Saconnex. Im Genfer Palais des Nations gab es eine Pressebar. Da traf sich alles. Selbst Arthur Miller und Radovan Karadzic waren einmal dort. Aber nicht die DDR-Journalisten.

Mein Foto im KGB-Archiv

Da gab es den offiziellen Vertreter der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass. Ich glaube, er hiess Egorinski - oder so. Er war schon alt, ein klassischer Stalinist. Wenn wir Westler auf den Beginn von Pressekonferenzen oder Friedensgespräche warteten, fotografierte er uns immer. Stets hatte er eine alte Leica-Kamera dabei. Er sagte, die Porträts seien für sein persönliches Foto-Album. Er wolle eben seine Freunde im Bild festhalten. Erstens waren wir nicht seine Freunde und zweitens wussten wir, dass unsere Fotos ins Archiv des sowjetischen KGBs gelangten. Wenn er wieder fotografierte, schnitten wir oft Grimassen. Das war Egorinski egal - und dem KGB-Archiv sowieso.

Egorinski war ein grauer, nicht sehr sympathischer Mensch. Wenn er wieder seinen Fotoapparat zückte, lachte ihn C.F., die Journalistin von Reuters, aus. „Du solltest lieber das Matterhorn oder schöne Mädels fotografieren", spottete sie auf Französisch", dann wärst du weniger Stalinist". Egorinski verstand kein Französisch. Er sprach gebrochen Englisch. Einmal sagte er mir: „Die Berliner Mauer ist  so wichtig wie einst die chinesische Mauer: ein Bollwerk gegen die Barbaren." Mit „Barbaren" meinte er uns Kapitalisten. Die sowjetischen Journalisten waren stolze Vertreter der kommunistischen Ideologie. Sie traten auf, als würde ihnen schon die Welt gehören. Die DDR-Journalisten hingegen standen ganz in ihrem Schatten.

Er sah nicht sehr glücklich aus

Neben Herrn S., dem ADN-Agenturjournalisten, gab es einen ostdeutschen Korrespondenten. Er arbeitete für das DDR-Fernsehen und vor allem für die „Aktuelle Kamera" - eine Art Ostdeutscher Tagesschau. Er war ein ruhiger, netter Mensch - unnahbar wie alle, aber freundlich. Ausländische Journalisten können ein Studio beim Westschweizer Fernsehen für zehn, zwanzig oder dreissig Minuten mieten. Der Journalist sitzt dann dort vor einer Kamera und wird vom Moderator in Buenos Aires, News York oder Tokio interviewt. Normalerweise sind diese Gespräche live, also real time.

Nicht so beim DDR-Fernsehen. Da traute man den Korrespondenten vor Ort nicht. Man zeichnete das Gespräch vor der Sendung auf. Ich selbst hatte mein Büro beim Westschweizer Fernsehen und ging in den Studios ein uns aus. Einmal sass ich in der Regie, als der DDR-Fernsehjournalist ein Gespräch aufzeichnete. Er sah mich nicht, er wusste nicht, dass ich als Deutschsprachiger über die Studio-Monitoren zuschaute. Das ging so:

Eine Moderatorin der „Aktuellen Kamera", der DDR-Tagesschau, stellte eine Frage. Der Korrespondent antwortete. Er wurde sofort von einer forschen weiblichen Stimme unterbrochen. Er könne das nicht so sagen, er müsse es anders sagen, nämlich so. Die weibliche Stimme diktierte ihm seine Antwort. Der Korrespondent schrieb mit. Neuer Anlauf. Der Korrespondent las die diktierte Antwort ab, dann die zweite Frage. Wieder das gleiche. Wieder ein Unterbruch. Wieder sagte die Stimme, wie er es sagen müsse, wieder ein Diktat, und wieder las er das, was man diktierte, ab.

Einmal mehr ging es bei diesem Interview um die Berliner Mauer. Der Korrespondent sagte, dass im Westen ein Umdenken eingesetzt habe. Der Kapitalismus beginne zu zerbröckeln. Immer mehr Westler hätten Verständnis, dass sich die DDR mit der Mauer von westlicher Dekadenz schütze. Nach seinem Auftritt kreuzte ich den DDR-Journalisten am Eingang des Westschweizer Fernsehens; er sah nicht sehr glücklich aus.

„Eure Zeit geht zu Ende"

Einmal tauchte ein Journalist des „Neuen Deutschland" auf, der DDR-Parteizeitung. „Eure Zeit geht zu Ende," sagte er mir und meiner Westschweizer Fernsehkollegin M.C. „Alles läuft, wie es Marx vorausgesagt hat: Erdölkrise, kapitalistische Blase, Dekadenz mit Flower Power, ihr werdet nach Ostberlin und Moskau pilgern und euch verleumden - und sagen, ihr seid im Grunde schon immer Kommunisten gewesen."  Ich sehe noch sein Gesicht, als er uns das sagte, er war ein kleiner Mann mit lustigem Lachen.

Am Rande von Tagungen, wenn wir alle auf Pressekonferenzen warteten, konnte man die DDR-Leute ansprechen. „Was denken sie jetzt, wie wird es mit Gorbatschow weitergehen?" oder „Ungarn hat die Grenze geöffnet, was halten sie davon". Es kamen immer die gleichen geleierten, nichtssagenden Antworten. „An der Mauer endet der kapitalistische Expansionismus", sagte S., „man sieht seine Bremsspuren vor dem Brandenburger Tor, hier wird er zugrunde gehen". Und so weiter. Eine echte Diskussion fand nie statt.

Ein anderer DDR-Journalist war ein netter Kerl. Unnahbar wie alle. Es war die Zeit der „open houses". Wir luden einander ein: Essen, trinken, schwatzen. Er kam nie. Er durfte nicht. Obwohl er verheiratet und zwei Kinder hatte, lebte er allein in Genf. Seine Frau besuchte ihn einmal. Die Kinder durften nicht mit. Die wurden als Geiseln in Ostberlin zurückgehalten. Die Angst der DDR-Führung, dass er zusammen mit der Familie abspringen konnte, war permanent. Ohne Frau und Kinder springt man nicht ab.

„Merke dir eins, kleines Schweizerlein..."

Sie lebten in einem Ghetto, die DDR-Journalisten - überwacht und kontrolliert. Immer wieder versuchten wir sie einzuladen. „Komm heute Abend mal essen mit mir" oder „Treffen wir uns in der Uno-Bar zu einem Kaffee". Sie kamen nie. Sogar die Vertreter der Roten Khmer hatten Zeit für ein Treffen. Die DDR-Leute nie. Sie waren keine Journalisten, keine Korrespondenten, keine Redaktoren - sie waren Sprachrohre des DDR-Systems. Sie waren scheu, zogen sich zurück, hatten die Order, nicht mit den dekadenten Westlern zu verkehren. Viele wirkten traurig, doch unser Mitleid hielt sich in Grenzen. Wer DDR-Korrespondent in Genf wurde, hat sich als strammer Kommunist legitimiert.

Im Spätsommer 1989 begann die Lage zu eskalieren. „Du bist doch nur indoktriniert von deiner Gesellschaft", sagte mir ein DDR-Sonderkorrespondent, „die Zeit wird kommen, da du reifer wirst." Ich war damals 44. Herr S. war noch charmanter: „Merke dir eins, kleines Schweizerlein, die Sonne geht im Osten auf und nicht im Westen. Im Osten liegt die Sowjetunion."

Herr Blümchen von der Blümchen-Strasse

Das Gebaren der DDR-Journalisten faszinierte mich. „Die armen Kerle", sagte ich mir. Ich war noch nie in der DDR. Jetzt wollte ich einmal hin. Ich stellte einen Antrag. Als Journalist. Ich stellte den Antrag in Zürich, an der Blümchenstrasse beim Letzigrund-Stadion. Dort war die DDR-Vertretung. Der Herr, der mich empfing, hiess auch Blümchen - oder ich nannte ihn nur so. Weshalb ich in die DDR wolle? fragte er mich. „Weil ich als Journalist neugierig bin und mir ein Bild machen will". Das war schon falsch. Wo ich ideologisch stehe, fragte er weiter. „Ich bin weder links noch recht, ich bin ein kritischer Zeitgenosse". Das war komplett falsch. Er sagte mir, dass mich ein Aufenthalt, „inklusive Escort", tausend Schweizer Franken pro Tag kosten würde. Mit „Escort" meinte er keine Damen, sondern Stasi-Aufpasser. Ich kriegte die Einreisebewilligung nie.

In den Tagen vor und nach dem Mauerfall sah man die DDR-Journalisten nicht mehr. Sie waren vom Erdboden verschwunden. Wir suchten sie, wollten sie interviewen. Sie waren unauffindbar. Einer sagte mir viel später, er hätte sich regelrecht versteckt, er scheute die westliche Häme. Und er hatte Existenzängste. „Was wird jetzt aus mir geschehen? Die Westdeutschen Medien werden einen wie mich wohl nicht beschäftigen".

„Wie habt ihr euch damals gefühlt"

Und heute? All diese Leute gibt es ja noch. Einige haben es geschafft, in den westlichen Medien Fuss zu fassen. Was ist aus all den DDR-Stalinisten geworden? Da hämmert ein Regime einem jahrzehntelang eine Ideologie ein. Und von einem Tag auf den andern gilt eine andere. Was ist mit jenen, die sich in stalinistischer Beflissenheit überboten, Leute ausspionierten, Leute verpfiffen, um ein Leben zu führen, das materiell ein bisschen besser war, als jene, die andere nicht verpfiffen?

Natürlich ist es einfach, den Stab über diese Leutze zu brechen. Wie hätten wir reagiert? Hätten sich nicht auch manche von uns korrumpieren lassen und versucht, sich mit dem Regime zu arrangieren, um Vorteile zu ergattern und aus dem grauen DDR-Alltag auszubrechen?

Trotzdem würde ich gerne heute mit einigen der ehemaligen DDR-Korrespondenten sprechen. Mit der Stalinistin, die dem Genfer DDR-Mann die Antworten diktierte. Mit dem Sonderkorrespondenten, der uns als „unreife Kapitalisten" verschrie. Mit Herrn S. und seiner Aids-Doktrin. Was würden sie heute zu all dem sagen? Wie habt ihr euch damals gefühlt?

„Donnez-moi du Vodka"

Wenige Stunden nach dem Mauerfall war ich dann doch noch in der einstigen DDR. In welcher Stimmung befanden sich damals wohl Herr Blümchen, der nicht Blümchen heisst? Manchmal, wenn ich im Ausland bin und auf eine Gruppe Deutscher treffe, frage ich mich: Ist vielleicht Herr Blümchen dabei?

Egorinski, der sowjetische KGB-Journalist wurde übrigens abgelöst. Nach dem Mauerfall war ein anderer da: Ein sehr eloquenter, junger Fernsehmann. Ich drehte einmal eine Reportage über ihn. Er sprach und sprach, er lachte und lachte - und er schimpfte über die DDR und die Mauer. Er verkehrte in der Uno-Bar, liess sich zum Kaffee einladen und kommentierte alles. Und einmal sah ich ihn sogar im Irish Pub an der Rue de Lausanne. Er sprach wunderbar Französisch. Doch irischen Whiskey trank er nicht. „Whiskey, c'est du capitalisme, quelle horreur", sagte er und lachte über seine eigenen Witzchen, „donnez-moi du Vodka".

Heiner Hug

 

 

Kommentare

DDR - ehedem

Sehr schön zu lesen, interessant und aufschlussreich zugleich. Grosses Dankeschön. Ja, es gibt sie noch, die von einst, die immer noch ihrer DDR mit dem rundum "Versorgtsein" nachweinen und immer noch schamlos geblieben sind.

Vielleicht liest du nun dazu mein "Geblieben ist nur die Idylle".

Bild des Benutzers jan

fall der berliner mauer

lieber heiner, ist ja alles so köstlich wie du das beschreibst. nun kann ich dir aus erfahrung (du kennst mich ja)sagen, dass sich auch bei den westlichen journalisten grüppchen gebildet hatten die meistens einander vermieden: zB die printmedien von den radio- leuten und dann die oberschicht: die TV Leute. NüT FüR UNGUET jean (ex CBC,RTL DW-TV)