Mit diesen beiden Annahmen möchte ich der Begründung der politischen Persönlichkeit und deren Handlungen nachgehen.
Alles, was Menschen tun und lassen, hat Gründe, meist emotionale, die in der Persönlichkeit liegen, die vor allem mit den Erfahrungen aus der Kindheit und Jugend gespeist wurden. Man macht, was man weiss, und weiss, was man glaubt. Und das meist Unbewusste, Geglaubte prägt nach Freud Fühlen, Denken und Handeln: im Privaten und, da die Gesellschaft aus Individuen besteht, vermutlich auch im Politischen.
Einer der Motoren, welcher Menschen immer wieder zu Grossem motiviert, ist die Solidarität, die Nächstenliebe, der Altruismus, die, wenn man nachfragt, sehr verschieden begründet werden. Meist christlich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Oder existentialistisch: Das Leben bekommt erst Sinn durch meine Tat. Manchmal auch mit der Trias Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dass diese Ideen, wenn sie zu Ideologien verkommen, auch Leid anrichten können, belegt die Geschichte. Doch wenn diese Haltung seit Jahrhunderten im Privaten mehrheitlich Gutes bewirkt hat, muss sie wohl auch heute und für die Politik richtig sein. Es braucht Menschen und Parteien, die diese Haltung der Solidarität engagiert vertreten.
Eine weitere Kraft, die Menschen antreibt, ist die Neugier. Ohne sie gäbe es keinen Fortschritt, was Kleinkinder schon zeigen, wenn sie die Umwelt entdecken und für sich erschaffen. Jedes Lernen fusst auf dieser Gier nach Neuem, ohne welche die Welt nicht wäre, was sie heute ist. Forschung gründet, wie Bergson meint, auf dem «Élan vitale», dieser Kraft, die Kultur als Technik, Wissenschaft und Kunst erst schafft. Wie der Fortschritt einer Krankheit zeigt, kann er aber auch negativ wirken. Doch wenn Neugier sich individuell meist positiv äussert, gehört sie auch in die Politik. Es braucht Menschen für den kleinen Kreis und Parteien für den grossen, die diese Vorwärts-Haltung mit Hingabe leben.
Ein dritter Grund für die menschliche und gesellschaftliche Entwicklung dürfte die Angst sein. Schon die Höhlenbewohner überlebten nur dank ihrer Angst vor der Umwelt. Ohne Angst und entsprechendem Handeln gäbe es auch heute mehr Unglück und Leid. Es sind denn die mütterlichen und väterlichen Menschen, die sich für das Wohl ihrer Kinder und anderer Menschen ängstigen und zur Vorsicht mahnen, getrieben von ihrer, wie Heidegger sagt, «Sorge um den Menschen», obwohl auch Angst pathologisch werden kann. Doch grundsätzlich muss Angst auch in der Politik eine Rolle spielen. Der Staat braucht Menschen und Parteien, die sich für diese Haltung engagieren, die Angst haben.
Wer als Kind mit dem Vater bei Bergwanderungen glücklich war, wird sich sein Leben lang in den Bergen oder sonst wo in der Natur glücklich fühlen. Und wenn später die Politik Fragen zur Natur stellt, beeinflusst die frühe Programmierung seine Antworten. Wer in einer religiösen Familie aufgewachsen ist, wo Kirche, Moral und Caritas das Fundament bildeten, lässt sich auch als Erwachsener in der Politik von diesen Werten angesprochen fühlen und zum Handeln bewegen. Und wer schliesslich seine Jugend im Umfeld eines gehobenen Bürgertums mit Theater und Konzerten, mit viel Geld und Besitz, mit Sechseläuten und Bällen erlebt hat, wird diese Erfahrungen, die sich mit Sparen, Leistung und Erfolg verbinden, künftig meist auch in der Politik mit Vehemenz vertreten.
All diese – und weitere – individuelle Grundbefindlichkeiten wirken, ob man es merkt oder nicht, auf das politische Handeln, sollen es auch, voll und ganz, da die Gesellschaft sie braucht. Diese Haltungen und Werte, diese Menschen- und Weltbilder müssen eingebracht werden, auch wenn sie in verschiedene, ja diametral entgegen gesetzte Richtungen weisen und polarisieren. Individuell gelingt der Aufbau der Persönlichkeit umso besser, je erfolgreicher die verschiedenen, auseinander strebenden Kräfte zu etwas Komplexem, Neuem gebündelt werden. Verlangt wird auch heute nicht der «eindimensionale Mensch», den Marcuse kritisierte, sondern der mehrdimensionale ganze Mensch.
In der Politik haben die Parteien mit ihrer Verschiedenartigkeit eine neue Einheit und Ganzheit zu bilden. Wie jedoch gerade in den letzten Jahren offenbar wurde, haben sie oft die Tendenz sich als die einzige «Wahrheit» zu sehen, sich zu monopolisieren.
In diesem «Mono» aber steckt, wie Al Imfeld mahnt, eine Gefahr, ja eine Tendenz zum Faschismus, wie ich fürchte. Doch wenn Individuen erst glücklich werden, wenn sie verschiedene Identitäten in Einklang bringen, wird es sich wohl auch in der Politik nicht anders verhalten. Wenn die Gesellschaft eine Gemeinschaft werden soll, dann sind alle Gefühle, Haltungen und Grundbefindlichkeiten, alle Welt- und Menschenbilder der Bürgerinnen und Bürger – und all ihre Parteien – notwendig. Das Progressive braucht das Konservative, die leidenschaftliche Solidarität den gesunden Eigennutz, das Bürgertum die Arbeiterschaft und umgekehrt usw. usf.
Damit sei keiner Unverbindlichkeit das Wort geredet, sondern einem engagierter Pluralismus, ganz im Sinne Voltaires: «Ich hasse Ihre Ideen, aber ich würde mich dafür töten lassen, dass Sie das Recht haben, sie frei auszusprechen». Auch wenn solches nie umfassend erreicht wird, zeigt der Wegweiser «Miteinander», wie wir alle im Sinne des «Homo viator» von Gabriel Marcel auf den Weg gehen müssten.
Es braucht sie alle: die SP und die SVP, die CVP, die GP, die FDP usw. Und es wäre ein Verlust, wenn eine fehlte. Doch wenn die Parteien sich zu keinem vernünftigen Miteinander durchringen, bleibt Politik, wie leider zu beobachten ist, destruktiv und schafft Streit, Zerstörung und Krieg. Wenn Politik aber als Miteinander-Sprechen und Miteinander-Gehen verstanden wird, kann sie konstruktiv werden, öffentlich und privat Gespräche initiieren, die zu Taten führen: zu dem von Buber postulierten «Dialog als Fundament jeder Bildung und Kultur» und der von Habermas geforderten «politisch verfassten Weltgesellschaft».
|
|
Twittern |
Es wäre schön wenn ........................