Gesellschaft

„New York – nein danke“

„New York – nein danke“

Heiner Gautschy starb am vergangenen Mittwoch mit fast 92 Jahren

Das drittletzte Mal traf ich ihn im Restaurant Florhof oberhalb des Zürcher Kunsthauses. Ich hatte ihn zum Mittagessen eingeladen. Das ist lange her.

Der Florhof war eines seiner Lieblingsrestaurants. Ich erschien pünktlich, doch er sass schon an seinem bevorzugten Tisch. Die Kellner umschwirrten ihn; er gehörte irgendwie zum Haus. Seine Stimme war heiser. Er rauchte zu viel. Er rauchte wie eine Dampflokomotive.

Ich schrieb damals vor 18 Jahren ein Buch mit dem Titel „Die Alten kommen". Und Heiner Gautschy gehörte zu jenen, die den Anliegen der Alten politisches Gewicht geben wollten. Wir sprachen und sprachen. Er gehörte zu jenen wunderbaren Feinschmeckern, die alle fünf Minuten sagen, sie seien auf Diät - und ass und ass und ass. Weisswein vertrug er nicht, dafür Roten.

Es war die Zeit der „Grauen Panther", der aufstrebenden Senioren-Bewegungen. Vorbild war natürlich Amerika mit seiner Alten-Lobby AARP, der grössten pressure group im Land. Auch in der Schweiz wurden die älteren Leute aktiver. „Wir lassen uns von den Jungen nicht mehr alles bieten", war die Devise. Überall entstanden Vereinigungen, doch es fehlte ein Kopf an der Spitze: eine bekannte Person, die der Bewegung Schwung hätte geben können.

Heiner Gautschy liebäugelte mit diesem Posten. Und deshalb traf ich ihn. Er, die Galionsfigur der Alten. Er, das Sprachrohr für die Anliegen der Alten - das reizte ihn.

Er verehrte Marilyn

Doch bevor wir dieses Thema aufgriffen, erzählte er wohl zum zehntausensten Mal von Amerika, von den Rassenunruhen, von Kennedy, von Arthur Miller und Marilyn Monroe. Er verehrte Marilyn. Er konnte erzählen wie kaum einer; seine Sätze waren geschliffen, auch auf Schweizerdeutsch. Sie hatten einen Anfang und ein Ende, er brach nie ab und suchte nach einem Verb. Seine Sprache war farbig, immer wieder mit Höhepunkten gespickt. Er liebte Anekdoten.

Eine ging so: Er erfuhr von Kennedys Tod und rief das Radiostudio in Bern an. Dort nahm niemand seinen Anruf entgegen. Ab 19.00 Uhr war die Telefonzentrale nicht mehr besetzt.

Er erzählte, wie er - mit „wenig brillanten" Englischkenntnissen - in New York ankam. Wie er eine Wohnung suchte und zunächst in einer Jugendherberge hauste. Wie er zuhause eine Art Studio einrichtete. Er war kein Techniker. Die Tonqualität seiner Berichte war bescheiden. Das Radio hatte ihn für zwei Wochen an den Hudson geschickt, er blieb 18 Jahre.

„Hallo Beromünster"

Gautschy hatte in Basel Geschichte studiert und schloss mit einer Dissertation über „Die Schweizer Presse um die Mitte des 19. Jahrhunderts - ihre Reaktion auf den Staatsstreich Louis Bonapartes" ab. Während seines Studiums schrieb er Artikel für die „Tat", die „Weltwoche", die „Schweizer Illustrierte" und „Sie und Er".

Eigentlich hatte er gar nicht nach Amerika gehen wollen. Als ihn Radio Basel 1949 zu einem Einsatz nach New York schicken wollte, lehnte er ab. New York - nein danke. Zunächst einmal. Doch dann sagte er sich: Amerika ist die Weltmacht Nummer eins und ich will Journalist werden, also: Weshalb lehnt ich das ab? Und er ging. Und bis 1967 hiess im „Echo der Zeit" mehrmals pro Woche: „Hallo Beromünster, hier spricht Heiner Gautschy in New York".

Rausschmiss beim Fernsehen

Als er zurückkam, war er das, was man eine Radio-Legende nennt. Alle kannten seine rauchige Stimme. Er rauchte offenbar schon in New York wie ein Schlot. Überall hielt er Vorträge und die Schweizerinnen und Schweizer strömten zu ihm in Turnhallen und Mehrzwecksäle.

Gautschy kam dann zum Fernsehen. Zusammen mit Annemarie Schwyter, Hans O. Staub und Erich Gysling  präsentierte er das neue Wochenmagazin „Rundschau". Da war er wieder ein Star, doch kein sehr glücklicher. Im Florhof gestand er: „Glücklich war ich in New York...".

Gautschy hatte denn auch keinen schönen Abgang. Darunter litt er. Er moderierte nun auch die Sendung „Unter uns gesagt". Das Konzept bestand darin, dass er mit einem Fernsehteam zu bekannten Leuten nach Hause ging und sie dort in ihrer Wohnstube interviewte. Berühmt wurde 1978 die Sendung mit Max Frisch und Kurt Furgler.

So interviewte er 1984 auch den damaligen Blick-Chefredaktor Peter Uebersax. Doch es war ein seltsames Interview. Gautschy, mit silbernem Anzug und schwarzer Krawatte, machte deutlich, was er vom Boulevard-Journalismus hielt: nämlich gar nichts. Er attackierte Uebersax, unterbrach ihn ständig, wurde immer aggressiver und sprach am Schluss fast allein. Das Interview hatte Folgen. Das Fernsehen schmiss Gautschy raus. Oder diplomatischer formuliert: Man verlängerte seinen auslaufenden Vertrag nicht mehr. Der Blick brachte die Schlagzeile auf seinem gelben Aushang „Fernsehen trennt sich von Heiner Gautschy".

Doch ganz glücklich war man im Leutschenbach über den Abgang nicht. Man wusste um die Aura, die Gautschy in der Bevölkerung genoss. So lud man ihn immer wieder ein. Fernsehdirektoren liessen sich mit ihm fotografieren. 2003 nahm er in der Sendung „Legendär" teil, offen fröhlich mit kariertem Anzug. Karierte Anzüge waren oft sein Markenzeichen. Eine Referenz an das Amerika seiner Zeit. Und 2002 spielte er sogar in einem Mini-Krimi für die Sendung „10 vor10".

Gautschy - ein Polit-Führer?

Dann endlich kamen wir auf das Thema „Die Alten kommen" zu sprechen. Gautschy hatte schon über den Namen seiner „spritzigen Altersvereinigung" nachgedacht. Sie sollte AGAB heissen: Aktionsgemeinschaft AHV-Berechtigter. Er wollte sich für eine „massive Erhöhung der Grundrente", sprich AHV, stark machen. Er wollte auch dafür kämpfen, dass die Ergänzungsleistungen automatisch ausbezahlt würden. „Viele Alte", sagte er, „die Anspruch auf solche Leistungen haben, schämen sich, sie bei den Behörden zu beantragen.

Seine Altersvereinigung sollte auch Politiker belauern. „An Partei- und Wahlversammlungen können die doch erzählen, was sie wollen. Wir müssen prüfen, wie in Altersfragen jeder wirklich stimmt und politisiert." Gautschy schwebte zunächst vor, den damals über 60 000 AHV-Berechtigten im Kanton Zürich einen Brief zu schreiben. „Wenn wir das richtig machen, dann müsste das einschlagen". Dann könnte die Bewegung auf andere Kantone übergreifen. Im Weiteren kämpfte er dafür, dass alte Leute am Montagnachmittag fast gratis ins Kino gehen könnten.

Gautschy, ein Polit-Führer? Beim Dessert redete er sich ins Zeug und beklagte, wie man heute die Alten als nutzlose Wesen behandelt. Doch er wurde nie ein Polit-Führer, er wurde nie zum Sprachrohr der Alten. Die Idee versandete. Er war eben doch Journalist und nicht Politiker. Zum Politiker hätte er wohl kaum getaugt.

Ich schickte ihm dann mein Buch, das auch ein Foto von ihm enthielt. Er schrieb mir einen langen, langen Dankesbrief  - von Hand. Er hatte Zeit. Vielleicht war er ab und zu auch etwas einsam.

Wie ein Englischer Gentlemen

Heiner Gautschy alterte gut. Zunächst zumindest. Legenden haben es schwer, abzutreten. Gautschy war, im Gegensatz zu andern Fernseh-Menschen, intelligent genug zu wissen, dass es auch eine Nach-Gautschy-Zeit gab. Trotzdem tat er sich schwer. Er wohnte an der oberen Kirchgasse in Zürich, oberhalb des Grossmünsters. Die Kirchgasse ist steil, immer langsamer erklomm er sie. Gebrechlich, mit einem Stock und immer tadellos gekleidet wie ein Englischer Gentleman ging er seine Runden. Er liebte das Theater und die Buchhandlungen, er liebte das Kino. Und er lebte auf, wenn ihn wieder jemand auf der Strasse kannte und begrüsste. Er liebte gesellschaftliche Anlässe, war immer auch im Zirkus. Das Kriegsbeil mit dem Fernsehen begrub er - oder tat wenigstens so. Pathetisch wirkte 2001 eine öffentliche Begegnung mit Annemarie Blanc.

Das zweitletzte Mal traf ich ihn in der Strasse. Eine Gruppe junger Mädchen war da. Der Lehrer erkannte ihn und klärte seine Schülerinnen auf. Die stürmten auf ihn zu: „Hallo, Heiner Gautschy aus New York". Er stützte sich auf seinen Stock. Innerlich strahlte er wohl, doch nur innerlich. Aristokratisch wie er war: er liess sich nichts anmerken. Er erzählte vom Tessin, wo er sich immer wieder ausruhte und Wärme tankte „für meine alten Knochen".

„Ich zerfalle, es ist furchtbar"

Die Zeiten ändern sich. Der Journalismus des Heiner Gautschy wäre heute nicht mehr möglich. Er war ein Berichterstatter seiner Zeit, er pflegte den Stil seiner Zeit - und das beherrschte er wunderbar: einen anspruchsvollen, gepflegten Journalismus. Das heisst nicht, dass der heutige anspruchsvolle Journalismus schlechter ist - aber er ist anders.

Wir tranken einen Kaffee im Grünen Glas, das ist ein Restaurant nahe seiner Wohnung. Wir sprachen über den Journalismus von heute. Kein böses Wort, kein Nachtrauern nach den guten alten Zeiten. Keine Kritik an den Jungen. „Ich hatte Glück", sagte er, „ich war der erste in Amerika, ich war ein Kind meiner Zeit". Und er fügte ganz ruhig bei: „Ja, die Zeiten ändern sich, wahrscheinlich würde ich heute nicht mehr nach New York geschickt".

Das letzte Mal traf ich ihn in der Strasse, unter den Bäumen beim Obergericht. Er kannte mich nicht mehr. Ich stellte mich vor, er brauchte einige Momente, um sich zu erinnern. „Ich werde alt, ich zerfalle, es ist furchtbar. Ich lese etwas, und eine Stunde später weiss ich nur noch die Hälfte". Das war vor etwa zwei Jahren. „Ich vergesse alles, das Vergessen ist schrecklich". Es war eine traurige Begegnung. Mein Smalltalk versandete. Wahrscheinlich wusste er gar nicht mehr, wer ich bin und dass wir einst im Florhof sassen.

Noch immer war er tadellos gekleidet. Wieder trug er eine karierte Weste. Doch Amerika ist weit.

Heiner Hug

Das erwähnte Buch:
Heiner Hug, Die Alten kommen. Auf dem Sprung zur Macht. Orell Füssli. 1993

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers tigerrag

Ein Kämpfer, der Zeichen setzte

Wir können Kämpfer wie Heiner Gautschy dadurch ehren, dass wir ihre Ideen aufgreifen und fortsetzen, was ihnen sie begonnen haben: Kritische Betrachtung, Unterscheiden zwischen Geschwätz und Realität - und Wählen, wer wirklich etwas für die Alten tut, und Abwählen, wer es nicht tut. Die Geschichte mit den Ergänzungsleistungen ist mehr als eine Makel, sie ist eine Schweinerei. Nicht der Bürger sollte seinen Rechten nachhecheln, sondern der Staat muss zu seinen Bürgern schauen. In einigen Kantonen wird der Anspruch auf Ergänzungsleistung aufgrund der Steuererklärung automatisch erkannt. In mindestens einem Kanton (BS) soll der Anspruchsberechtigte gefälligst beim entsprechenden Amt vorstellig werden, und muss dann innert drei Monaten nach Formularbezug seinen Antrag stellen, sondern verfällt sein Anspruch. Ich frage mich, ob das in einem Rechtsstaat wirklich durchsetzbar ist? Jedenfalls ist es die unglaubliche Praxis, die voll auf das Schamgefühl der Alten setzt......
tigerrag

Danke, HH !

Er wollte auch dafür kämpfen, dass die Ergänzungsleistungen automatisch ausbezahlt würden. „Viele Alte", sagte er, „die Anspruch auf solche Leistungen haben, schämen sich, sie bei den Behörden zu beantragen. Das gilt heute noch ! und es gibt auch weiterhin Alte, die sich nicht getrauen, um diese "Almosen" zu betteln ! eine richtige Schande ! Ich kann mich gut an Heiner Gautschy und seine Radioberichte aus New York erinnern - ein grosser Mensch !