Bild oben: Rentnerin
(aboutpixel.de/alte-frau/kamikazefliege)
Und weiter: „Hans von Arx aus Brittnau AG machte im Haus seiner verstorbenen Schwägerin einen erschreckenden Fund: ein ganzes Zimmer voller unausgepackter Bücher, CDs und DVDs. Die Waren hatten alle denselben Absender: den Reader's Digest Verlag. Während zehn Jahren hatte die 85-jährige Frau Waren bestellt - obwohl sie kaum mehr sehen und hören konnte. Grund: «Sie glaubte an die Gewinnversprechen», sagt von Arx. In den Werbesendungen steht unter anderem: «Wie Sie wissen, wurden Ihre Verlosungs-Nummern für die Reader's Digest Millionen-Ziehung bereits weitergeleitet.» Mit «Vorteils-Zusagen», «Finalisten-Zertifikaten» oder "Auszahlungswunsch im Gewinnfall» ködert Reader's Digest seit Jahren Kunden. In Internet-Foren ärgern sich Leute über die aggressiven Werbemethoden und Gewinnversprechen des Verlags."
Urteilsunfähigkeit alter Menschen ausnützen
Bild: Ton Koper
Dieser Artikel hat Ton Koper, Stiftungsrats-Präsident von powerAge, gewissermassen auf die Palme gebracht und ihn veranlasst, einen geharnischten Leserbrief an die Redaktion des K-Tipps zu schicken, den wir mit freundlicher Genehmigung des Autors in voller Länge publizieren:
„Dieser Artikel im K-Tipp überrascht uns nicht. Reader's Digest ist eines der führenden Unternehmen in Europa im Sektor "Demenz-Marketing". Die Strategien hierzu werden seit bald einem Jahrzehnt im Unternehmen ständig verfeinert, weiterentwickelt und mit grossem Erfolg umgesetzt.
"Demenz-Marketing" ist eine absolute Wachstumsbranche unserer Zeit. Dieses bösartige Marketing zielt ganz bewusst auf ältere, vielfach alleinstehende, möglichst unabhängige und selbständig lebende Personen. Der letzte Punkt ist wichtig, um die zum Teil riesigen Umsätze, welche mit einzelnen Kunden und Kundinnen im Erfolgsfall beim "Demenz-Marketing" erzielt werden, auch über längere Zeit und ungestört durch Interventionen Dritter erzielen zu können.
Bild: Die Jahre vergehen
(aboutpixel.de/N-Loader)
Das Bevölkerungs-Segment für dieses Marketing wächst in allen europäischen Ländern überdurchschnittlich stark und stellt deshalb ein zunehmend begehrtes Kundenpotential dar. Kontaktarmut und Vereinsamung in späteren Lebensjahren sind die idealen Voraussetzungen für "Demenz-Marketing". Und die Erfolgsfaktoren dieses Marketings sind identisch mit den Defiziten kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten, wie sie sich in der Spätphase der selbstverantwortlichen Lebensgestaltung bei vielen Menschen heute zeigen. Menschen sind in dieser Situation leichter zu gewinnen und schneller überfordert als jede andere Zielgruppe - und verfügen über eine im Schnitt ganz ansehnliche Kaufkraft.
Das Marketing selbst funktioniert nach dem Prinzip des Dialog- Marketings. D.h. die Kontaktnahme und die Pflege der Kundenbeziehung erfolgt mehrheitlich über professionell verfasste Briefe, die stets persönlich adressiert und "unterschrieben" bei den Kunden und Kundinnen ab einem bestimmen Alter eintreffen. Als erstes erfahren die Empfänger in diesen Schreiben, dass sie zu den Glücklichen gehören, die zum Beispiel einen Preis gewonnen haben. Als nächstes wird das jetzt geweckte Interesse mit einer perfekt gesteuerten Kaskade von Fortsetzungsschreiben derart virtuos gesteigert und erweitert, dass aus dem Thema für viele Betroffene über Wochen und Monate schliesslich ein beherrschendes Lebensthema wird, was sie selbst und nicht selten auch Freunde und Familie im näheren Umfeld in Atem hält. Viele Kunden und Kundinnen können auf dem Höhepunkt der Kampagne letztlich zu aberwitzigen Vorstellungen (und Bestellungen) ermuntert werden. Die Enttäuschung am Schluss ist dann umso grösser.
Erstaunlicherweise wird diese Marketing-Strategie bis heute weder in Politik noch - zum Beispiel durch einen Verhaltenskodex - in der Wirtschaft ernsthaft in Frage gestellt. Den führenden Unternehmen für "Demenz-Marketing" stehen derweil goldene Zeiten ins Haus: Über die nächsten Jahrzehnte wird sich die Zahl Demenzkranker in Europa aller Voraussicht nach verdoppeln. Geschäftssteigerungen um 100 % sind also durchaus realistisch."
Die „Sie-haben-gewonnen-Masche" - weder neu noch originell
Die Leute (nicht nur ältere) mit vollmundigen Gewinnversprechen dazu zu bringen, Waren zu bestellen, die sie nicht brauchen, ist weder neu noch originell. Wie Ton Koper zutreffend feststellt, arbeitet Reader's Digest seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, mit dieser Masche. Und weil sie offensichtlich sehr erfolgreich ist, wird sie auch von zahlreichen andern Firmen, die im Versandhandel tätig sind, praktiziert. Immerhin: Im Gegensatz zu früher nimmt man auch an Verlosungen für die Gewinne teil, ohne dass man etwas bestellen muss - eine Folge des geänderten Lotteriegesetzes. Nur findet man diesen - gut versteckten - Hinweis in den umfangreichen Werbeunterlagen kaum. Solange Konsumentinnen und Konsumenten voll urteilsfähig sind und wirklich frei entscheiden können, ob sie etwas bestellen wollen oder nicht, braucht man sich über solche - ziemlich durchsichtigen - Werbemethoden nicht gross Gedanken zu machen.
Alte und vor allem demente Menschen brauchen speziellen Schutz
Handelt es sich allerdings um alte Menschen, die nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten oder sogar dement sind, dann stellen sich schon einige Fragen: Wie kann man sich wehren und schützen? Was haben Angehörige von Dementen für rechtliche Möglichkeiten? Und wie kann man Firmen, welche die Altersschwäche von Menschen ausnützen, das Handwerk legen? Auf diese Fragen werden wir in einem zweiten Beitrag eingehen.
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Artikel K-Tipp
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Bilder:
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Kommentare
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Bärtsch alfred
auch ich!
Die beste Art, sich zu wehren, ist sich nicht angleichen. (Marc Aurel)
Abzocken
Danke