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Das fiese Geschäft mit alten Menschen  (1)

Das fiese Geschäft mit alten Menschen (1)

    „Reader's Digest entlockt Rentnerin 46'000 Franken: Eine alte Frau glaubte den tollen «Gewinn-Zusagen» von Reader's Digest und bestellte über Jahre hinweg für sie unnütze Waren", liest man im K-Tipp Nr. 18 vom 28. Oktober 2009.         

Bild oben: Rentnerin
(aboutpixel.de/alte-frau/kamikazefliege)

Und weiter:  „Hans von Arx aus Brittnau AG machte im Haus seiner verstorbenen Schwägerin einen erschreckenden Fund: ein ganzes Zimmer voller unausgepackter Bücher, CDs und DVDs. Die Waren hatten alle denselben Absender: den Reader's Digest Verlag. Während zehn Jahren hatte die 85-jährige Frau Waren bestellt - obwohl sie kaum mehr sehen und hören konnte. Grund: «Sie glaubte an die Gewinnversprechen», sagt von Arx. In den Werbesendungen steht unter anderem: «Wie Sie wissen, wurden Ihre Verlosungs-Nummern für die Reader's Digest Millionen-Ziehung bereits weitergeleitet.» Mit «Vorteils-Zusagen», «Finalisten-Zertifikaten» oder "Auszahlungswunsch im Gewinnfall» ködert Reader's Digest seit Jahren Kunden. In Internet-Foren ärgern sich Leute über die aggressiven Werbemethoden und Gewinnversprechen des Verlags."

 

Urteilsunfähigkeit alter Menschen ausnützen

Bild: Ton Koper 

Dieser Artikel hat Ton Koper, Stiftungsrats-Präsident von powerAge, gewissermassen auf die Palme gebracht und ihn veranlasst, einen geharnischten Leserbrief an die Redaktion des K-Tipps zu schicken, den wir  mit freundlicher Genehmigung des Autors in voller Länge publizieren: 

„Dieser Artikel im K-Tipp überrascht uns nicht. Reader's Digest ist eines der führenden Unternehmen in Europa im Sektor "Demenz-Marketing". Die Strategien hierzu werden seit bald einem Jahrzehnt im Unternehmen ständig verfeinert, weiterentwickelt und mit grossem Erfolg umgesetzt.

"Demenz-Marketing" ist eine absolute Wachstumsbranche unserer Zeit.  Dieses bösartige Marketing zielt ganz bewusst auf ältere, vielfach alleinstehende, möglichst unabhängige und selbständig lebende  Personen. Der letzte Punkt ist wichtig, um die zum Teil riesigen  Umsätze, welche mit einzelnen Kunden und Kundinnen im Erfolgsfall  beim "Demenz-Marketing" erzielt werden, auch über längere Zeit und  ungestört durch Interventionen Dritter erzielen zu können.

 

Bild: Die Jahre vergehen
(aboutpixel.de/N-Loader)

Das Bevölkerungs-Segment für dieses Marketing wächst in allen  europäischen Ländern überdurchschnittlich stark und stellt deshalb ein zunehmend begehrtes Kundenpotential dar. Kontaktarmut und Vereinsamung in späteren Lebensjahren sind die idealen Voraussetzungen für "Demenz-Marketing". Und die Erfolgsfaktoren dieses Marketings sind identisch mit den Defiziten kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten, wie sie sich in der Spätphase der selbstverantwortlichen Lebensgestaltung bei vielen Menschen heute  zeigen. Menschen sind in dieser Situation leichter zu gewinnen und  schneller überfordert als jede andere Zielgruppe - und verfügen über eine im Schnitt ganz ansehnliche Kaufkraft.

Das Marketing selbst funktioniert nach dem Prinzip des Dialog- Marketings. D.h. die Kontaktnahme und die Pflege der Kundenbeziehung  erfolgt mehrheitlich über professionell verfasste Briefe, die stets persönlich adressiert und "unterschrieben" bei den Kunden und Kundinnen ab einem bestimmen Alter eintreffen. Als erstes erfahren die Empfänger in diesen Schreiben, dass sie zu den Glücklichen gehören, die zum Beispiel einen Preis gewonnen haben. Als nächstes wird das jetzt geweckte Interesse mit einer perfekt gesteuerten Kaskade von Fortsetzungsschreiben derart virtuos gesteigert und erweitert, dass aus dem Thema für viele Betroffene über Wochen und Monate schliesslich ein beherrschendes Lebensthema wird, was sie selbst und nicht selten auch Freunde und Familie im näheren Umfeld in Atem hält. Viele Kunden und Kundinnen können auf dem Höhepunkt der Kampagne letztlich zu aberwitzigen Vorstellungen  (und Bestellungen) ermuntert werden. Die Enttäuschung am Schluss ist dann umso grösser.

Erstaunlicherweise wird diese Marketing-Strategie bis heute weder in Politik noch - zum Beispiel durch einen Verhaltenskodex - in der  Wirtschaft ernsthaft in Frage gestellt. Den führenden Unternehmen für  "Demenz-Marketing" stehen derweil goldene Zeiten ins Haus: Über die  nächsten Jahrzehnte wird sich die Zahl Demenzkranker in Europa aller Voraussicht nach verdoppeln. Geschäftssteigerungen um 100 % sind also durchaus realistisch."

 

 Die „Sie-haben-gewonnen-Masche" - weder neu noch originell

Die Leute (nicht nur ältere) mit vollmundigen Gewinnversprechen dazu zu bringen, Waren zu bestellen, die sie nicht brauchen, ist weder neu noch originell. Wie Ton Koper zutreffend feststellt, arbeitet Reader's Digest seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, mit dieser Masche. Und weil sie offensichtlich sehr erfolgreich ist, wird sie auch von zahlreichen andern Firmen, die im Versandhandel tätig sind, praktiziert. Immerhin: Im Gegensatz zu früher nimmt man auch an Verlosungen für die Gewinne teil, ohne dass man etwas bestellen muss - eine Folge des geänderten Lotteriegesetzes. Nur findet man diesen - gut versteckten - Hinweis in den umfangreichen Werbeunterlagen kaum. Solange Konsumentinnen und Konsumenten voll urteilsfähig sind und wirklich frei entscheiden können, ob sie etwas bestellen wollen oder nicht, braucht man sich über solche - ziemlich durchsichtigen - Werbemethoden nicht gross Gedanken zu machen.

 

Alte und vor allem demente Menschen brauchen speziellen Schutz

Handelt es sich allerdings um alte Menschen, die nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten oder sogar dement sind, dann stellen sich schon einige Fragen: Wie kann man sich wehren und schützen? Was haben Angehörige von Dementen für rechtliche Möglichkeiten? Und wie kann man Firmen, welche die Altersschwäche von Menschen ausnützen, das Handwerk legen? Auf diese Fragen werden wir in einem zweiten Beitrag eingehen.

 

Links:

Artikel K-Tipp
(dieser Artikel ist für Abonnenten des K-Tipps gratis, sonst aber kostenpflichtig)

 

Bilder:
http://www.aboutpixel.de/foto/alte-frau/kamikazefliege/52768

http://www.aboutpixel.de/foto/diejahrevergehen/n-loader/31718

 

 

 

Kommentare

Der *Stern* im Telefonbuch und der Vermerk in der Robinsonliste - www.sdv-asmd.ch - haben mir sehr geholfen. Ich bekomme praktisch keine Werbebriefe oder Telefone.
Bild des Benutzers Elisabeth Bitterli

Mein Nachbar ist Postangestellter und hat mir vor Jahren auf mein Jammern über all die unbestellten Kataloge und Bettelbriefe den Rat erteilt: Streich deine Adresse, schreibe daneben "Annahme verweigert", zahle ja kein Rückporto dafür, und du wirst bald Ruhe haben. Es hat sich bewährt! Bei den Einen Firmen dauerts etwas länger, aber da die meisten das Rückporto bezahlen müssen (bei den bettelnden Firmen bin ich nicht sicher - verleidet es ihnen gelegentlich! Ich kann die Sache nur empfehlen! :)
Bild des Benutzers Su

8) Mir war die aggressive Werbung von RD auch zuviel. Alles Retoursenden nützte nichts. So schrieb ich einmal einen eingeschriebenen Brief, dass ich mir jedwelche weitere Werbung verbitte. Seither habe ich Ruhe. Dafür lässt mich Damart nicht mehr aus den Fingern. Vielleicht muss ich da gleich vorgehen...

Su

:roll wieso informiert ihr nicht einfach mal den Kassensturz, der wird auch von uns älteren Semestern geschaut, vielleicht kann man so einige vor dieser miesen Firma warnen. Die Post von Reader\'s wandert bei mir übrigens seit Jahren ungeöffnetim Altpapier :grin
Bild des Benutzers Caveman

Ich habe Reader\'s Digest vor fast 2 Jahren angerufen von wegen den ganzen unerwünschten \"Junkmails\". Der Hauptgrund war dass ich nicht mehr alle die grossen und kleinen Fetzen Papier zerschetzeln musste um ID Diebstahl zu verhindern. Die haben ja fast auf jedem Stück Papier, meinen ganzen Nahmen eingedruckt. Seither habe ich Ruhe, ich erlaupte ihnen mir e-mails zu senden, aber ich habe Reader\'s Digest as \"junk\" Klassifiziert und es wird automatisch gelöscht, ausser ich lösche das lösch command für eine spezielle e-mail die ich lesen möchte. Aber Gewinn Versprechen haben bei mir schon längst ihre Magie veloren.

Bärtsch alfred

Seit 1967 bin ich bei dieser dreks Firma dabei und konnte noch nie einen müden Franken gewinnen. Seit drei Jahren geht jede Reklame dieser Firma in den Papierkorb. Aber nicht desto Trotz, sie bleiben dran die Schweine.

auch ich!

Viel Jahre war ich Abonnentin von Readers Digest, auch ein paar positive Beiträge habe ich gelesen. Was habe ich aber nicht alles "eingesammtelt" an Versprechungen, das grosse, GANZ SICHER- wirklich zu gewinnen. es wurde mir schliesslich auch zuviel,alle Post von RD landeten - ungeöffnet- im Abfallkorb, das ABO habe ich gekündigt,jetzt ist Ruhe, bin ich froh! :zzz
Bild des Benutzers jan

:zzz ging mir genau gleich sende einfach alle bücher inkl. den Reader Digest wieder zurück :( etwas anderes ist mir auch aufgestossen: ich fiel seinerzeit, muss im juli d.J.gewesen sein, auf eineProbeabonnement für 10.-- fr. für die Zeitschrift "gesundheit" herein. Ich erhielt genau 2 Nummern, in der 2. hiess es, dies sei die letzte ausgabe. kurz darauf wollte man mir die "Schweizer Illustrierte" als entschädigung "offerieren". Zu meinem gorssen staunen wurden wieder offerte für Zeitschrift "Gesundheit" gemacht. Ringier Verlag!! :? 4
Bild des Benutzers etna

Diese "Masche" kenne ich auch, weil eine meiner Schulkolleginnen, ledig geblieben, mich um Hilfe beim Aufräumen bat. Sie hatte die ganze Wohnung voll von Bücherstapeln und Anderem, und konnte sich kaum mehr bewegen. Alles Bestellungen aus Abonnementen und Katalogen. Zuletzt musste sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, denn ich konnte ihr bei diesen Mengen nicht weiter helfen.

 Die beste Art, sich zu wehren, ist sich nicht angleichen. (Marc Aurel)

Bild des Benutzers erizo

Abzocken

Erstaunlicherweise wird diese Marketing-Strategie bis heute weder in Politik noch - zum Beispiel durch einen Verhaltenskodex - in der Wirtschaft ernsthaft in Frage gestellt, war in diesem Beitrag zu lesen. Von den Politikern ist keine echte Hilfe zu erwarten, höchsten Versprechungen. Die Wirtschaft wird auch noch andere Möglichkeiten finden uns Alte auszunehmen. :cry
Bild des Benutzers Albert Hahn

Danke

Danke Roberto Binswanger für diese eindrücklichen Informationen, die uns auch schon aufgefallen waren.