Das ist eine Situation, die ich seit meiner Pensionierung häufig erlebe. Als ich im Februar nach 37 Jahren Arbeit als Deutschlehrer an einem Zürcher Gymnasiumin den Ruhestand versetzt’ wurde, verfasste ich für das Tagblatt der Stadt Zürich eine Kolumne mit dem Titel ‚Pensionierung: Ende und Anfang’. Darin schrieb ich u.a.:
Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich noch zu hundert Prozent berufstätig. In wenigen Tagen aber bin ich bereits ein Rentner. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein grosser Schritt für mich. Wie ich damit zurechtkommen werde, nicht mehr arbeiten zu können, wird sich nun also bald herausstellen.
Ich liebe meinen Beruf, ich habe ihn immer gern ausgeübt. Am meisten vermissen werde ich die aufmerksamen, neugierigen Blicke der Schülerinnen und Schüler, wenn wir über Literatur, über Gott und die Welt sprechen; ihre Gesichter, wenn sie eigenständig zu denken beginnen; ihre Aufsätze, wenn sie beschreiben, was sie wahrnehmen und fühlen.
Nach meiner offiziellen Pensionierung führte ich noch eine letzte Klasse bis zur Matura im Sommer. Seit August bin ich nun ganz ohne Arbeit. Wie fühlt man sich da?
Ich vermisse, wie ich es erwartet habe, die Schüler, ich komme nur noch wenig in Kontakt mit jungen Leuten. Fast noch mehr aber vermisse ich die Welt des Lehrerzimmers. Wie einfach war es doch früher, Leute mit ähnlichen Interessen zu treffen und mit ihnen Meinungen auszutauschen. Hatte ich ein Buch gelesen, einen Film oder eine Ausstellung gesehen, konnte ich darüber berichten, mit andern über das Erlebte diskutieren. Gleichzeitig erhielt ich ständig Hinweise auf Neues, Interessantes, mit dem ‚man’ sich auseinandersetzen musste. Man diskutierte im Lehrerzimmer über Gott und die Welt, Politik, Schule, Sport.
Jetzt ist das ganz anders: Ich sitze zuhause, lese, habe Ideen, ich gehe ins Kunsthaus, ins Kino, ich habe viel Zeit. Aber es gibt nur noch wenige Leute – vor allem natürlich meine Frau und meine Kinder, die ich wohl häufig nerve – mit denen ich mich austauschen kann. Wenn ich jemanden von früher treffen will, dann braucht es einigen Aufwand. Kommt dann ein Rendezvous zustande, ist es für den andern häufig ein kleiner Unterbruch im üblichen Arbeitsstress, für mich ist es ein Lichtblick im grauen November.
Vor meiner Pensionierung regte ich mich innerlich über die immer gleichen Bemerkungen auf. „Ach, welch ein Glück du hast. Du musst bald nicht mehr arbeiten. Jetzt kannst du dann tun und lassen, was du willst.“ So tönte es normalerweise. Heute, wenn ich von meinen Schwierigkeiten spreche, sind die Reaktionen plötzlich ganz anders: „Ja, davor habe ich auch Angst. Du hast ja Familie, ich aber werde ganz allein sein. Ich weiss nicht, wie ich das durchstehen werde, “ sagte mir kürzlich eine Kollegin.
Mir ist klar, dass ich von einem Luxusproblem berichte. Mein Bruder, der mit 55 arbeitslos wurde, weil es seinen erlernten Beruf nicht mehr gibt, macht jetzt mit 61 Nachtdienst auf der Post und sehnt seine Pensionierung herbei. Ich bin und war privilegiert, materiell habe ich keine Sorgen. Ich werde mich schon durchschlagen.
An die nächste Mitarbeitertagung werde ich auch wieder gehen. Vielleicht hat’s dort ja noch andere Teilnehmer mit Anfängerproblemen.
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Kommentare
Raetia Treff
Rosemary Huber
Regionalleiterin "B@sler St@mmtisch".
Und das SW - ist es nicht sinnvoll ?
Osez l’autre dans sa différence !
(Philippe Pozzo di Borgo)
Auch in der Schweiz gibt es für ältere Menschen eine sinnvolle B
Wotsch e Brief, denn schryb e Brief
Denn erstens kommt es anders ..