Auch wer in Wil nichts verloren hat, sollte sich die Stadt einmal genauer anschauen. Es lohnt sich, auf der Bahnfahrt zwischen St. Gallen und Winterthur den Bahnhof Wil als Verlockung zu sehen, nicht nur als unnötigen Halt. Zwei Stunden können für einen Rundgang durchaus genügen. Aber hat man sich auf diese Äbtestadt – in der 17 600 Menschen wohnen – erst einmal eingelassen, dann hält man es gut und gerne auch länger aus. Wil isch e schös Ziel!
In der neuen Städterangliste des Wirtschaftsmagazins Bilanz, die 129 Schweizer Städte aufführt, liegt Wil auf dem 55. Platz – zehn Plätze weiter oben als 2007. Ginge es beim Rating nur um Schönheit, läge die drittgrösste Stadt im Kanton (nach St. Gallen und Rapperswil- Jona) viel weiter vorne. Ihre Altstadt sei die besterhaltene der Ostschweiz, heisst es.
Doch kontrollieren ist besser als glauben! Vis-à-vis des Bahnhofs in der Stadthalle befindet sich Wil Tourismus, wo Sie sich mit Informationen und Prospekten eindecken können. Verlangen Sie auf j eden Fall die Wegbeschreibung zum Wiler Turm! Schon seit 1884 wollten die Wiler auf ihrem Hofberg einen Aussichtsturm haben. Aber eben, Demokratie ist langwierig, alle Anläufe scheiterten. So kamen die Wiler erst 2004 anlässlich ihrer 1250-Jahr-Feier zu einem geeinten Willen. Dann aber ging es Schlag auf Schlag, und zwei Jahre später stand der Turm.
Auf dem Weg zu diesem passiert man die Obere Bahnhofstrasse, die nichts mehr von einer Strasse hat, seit sie 2000 in eine Flanier und Shoppingmeile verwandelt wurde. Mit einer Länge von 338 Metern und einer hellen, freundlichen Fläche von gegen 7000 Quadratmetern soll sie eine der grössten zusammenhängenden Fussgängerzonen der Schweiz sein. Man fühlt sich in einer südlichen Stadt, und die Geschäftigkeit verrät, dass man sich im zweitgrössten Ballungsraum der Ostschweiz befindet. Der wichtigste Arbeitgeber, Stihl, stellt hier nichts als Motorsägeketten her, aber immerhin 60 verschi edene Typen und in Massen. Wo auch immer auf dem Planeten jetzt gerade eine Motorsäge kreischt, darf man wetten, dass sich darauf eine Wiler Qualitätskette des Weltmarktführers dreht.
Ein Holzturm mit spektakulärer Aussicht
Wo es in die Altstadt ginge, schwenkt man am besten links ab und kommt unvermutet an ein Gewässer, zum Stadtweiher. Andernorts würde man ihn locker See nennen, aber die Wiler sind eben bescheiden. Im Wasser spiegelt sich die ganze nördliche Aussenansicht der trutzigen Altstadt. An dieser Stelle ist vielleicht auch der einstige TV-Moderator Kurt Felix, der hier Bub war, dann un wann sinnierend stehen geblieben, bevor er sich aufmachte, den Teleboy zu erfinden. Nun geht es weiter durch ein gediegenes Wohnviertel und vorbei auch an Reben hinauf zum Hofberg, wo man endlich zum Wiler Turm aufschauen kann.
Es ist eine raffinierte, nachhaltige und ästhetisch gelungene Holzkonstruktion von 38 Meter Höhe. Sämtliches Holz, 170 Kubikmeter, stammt aus der Umgebung. Während sich bei den meisten Aussichtstürmen die Schaulustigen in die Quere kommen, begegnen sich hier die Aufsteigenden und die Herunterkommenden dank zwei sich umeinander drehenden separaten Wendeltreppen nie. Wer einst 300 Franken spendete, dem gehört heute symbolisch eine der 189 Stufen. Aber es brauchte auch grosse Spender und die Stadt Will, bis die 560'000 Franken für den Bau zusammen waren.
Am 8. Juli 2006, nach drei Monaten Aufbauarbeit, konnte das neue Wiler Wahrzeichen erstmals bestiegen werden. Auf der Plattform befindet man sich 747 Meter über Meer und blickt auf das Alpsteingebiet mit dem Säntis, auf die Churfirsten, ins Vorarlbergische, nach Süddeutschland und bis zu den Berner Gipfeln – wenn das Wetter es zulässt.
„Die Lage ist das Schönste“
Befragt man Benno Ruckstuhl, ein Wiler Urgestein, was ihm an seiner Stadt am besten gefalle, meint er, «ich müsste natürlich die Tonhalle hervorheben» – denn er hat sie lange geleitet –, «aber ich will fair bleiben», sagt er und lacht. «Die Lage ist es, die mir immer wieder Freude macht, wir liegen wunderschön. Schauen Sie die Altstadt an auf diesem Moränensporn! Wir haben eine tolle Rundumsicht, es geht langsam gegen die Alpen hin, ideal verteilt finden wir in dieser Voralpenlandschaft die Dörfer. Ja, die Lage ist das Schönste», betont der 75-Jährige. Und fügt neckisch an: «Für andere sind es die tiefen Steuern. Wir sind im Kanton im vorderen Viertel.»
In der Altstadt zückt Ruckstuhl, der schon fast 40 Jahre Stadtführungen macht, an der Marktgasse 86 die Schlüssel. Hier wurde bis Ende Juni noch Gericht gehalten, nun ist die tolle gotische Pracht für «die Katz», eine Justizreform hat die Richter ins Toggenburg geschickt, nach Lichtensteig.
Sinnvolle Nutzung von mittelalterlicher Bausubstanz ist, nicht nur in Wil, eine stete Herausforderung. Kurzlebige Boutiquen und leblose Galerien sind keine echte Lösung. In der Wiler Altstadt darf mitunter auch im Erdgeschoss gewohnt werden, wenn gewisse Auflagen erfüllt sind. Gerade für einen älteren Menschen ist das eine ideale Wohnlage.
Das historische Erbe wird prächtig gepflegt
Was immer sie auch tun, die Wiler tun es behutsam, sowieso seit sie 1984 den Henri- Louis-Wakker-Preis des Heimatschutzes erhalten haben. Ob «Zum letzte Wieland», ob Kienbergerhaus, Heidenhaus, Hauptmannhaus, Schmalzhaus oder Baronenhaus, alles ist stilgerecht hergerichtet. Auch die privaten Hausbesitzer machen mit.
Wils Prunkstück ist ohne Zweifel der Hof, das einstige Macht- und Schaltzentrum der Fürstäbte, das von der Stiftung Hof zu Wil zurzeit in einer zweiten Etappe mit viel Spendengeld renoviert wird. Teile des Palastes wurden ab 1830 zu einer Brauerei, die 1911 von der Familie Stiefel übernommen wurde. Diese konnte sich lange erfolgreich halten, bis 1971 die Brauerei Hürlimann kam und 1982 der letzte Sud in die Flaschen abgefüllt wurde. Doch auch ohne lokal Gebrautes tafelt man heute im Restaurant Hof zu Wil auf hohem Niveau – und durchaus bezahlbar.
Wieder am Bahnhof unten angelangt, fällt noch ein anderes Wahrzeichen von Wil auf, ein weiterer Turm. Es ist der 65 Meter hohe Bau der Silo AG, der grösste Silo der Ostschweiz. Das dort eingelagerte Brotgetreide könnte die gesamte Schweiz 35 Tage ernähren. Danke Will!
Wil mit Weile
Für die Eroberung Wils reicht ein neugieriger Spaziergang. Gute Tipps und Informationen finden Sie bei Wil Tourismus, Bahnhofplatz 6, 9500 Wil, Telefon 071 913 53 00 oder auf www.stadtwil.ch Zur Webcam und zu Erklärungen über den Turm kommen Sie auf www.wiler-turm.ch Zu den Äbten, zu Kultur und zu Gastronomischem gibt es auf www.hofzuwil.ch
Infos.
Wer in der ruhigen Altstadt in einem 7-Zimmer-Hotel nächtigen will, findet hier Genaueres: www.zum-wilden-mann-wil.ch Die nächste öffentliche Altstadtführung für Einzelpersonen findet am 11. Dezember um 17.30 Uhr statt (CHF 5.–, ohne Voranmeldung).
Bild: Redaktion zeitlupe.ch