Entspannung und Ruhe als Ausgangspunkt
Eingestimmt in die Kunst, Bewegung und Philosophie zu verbinden, wurde das zahlreich im Zürcher Lake Side (früher Casino Zürichhorn) erschienene Publikum aus Pflegeberufen und interessierten Laien durch Shaofan Zhu vom China Wushu Institut in St. Gallen. Hier durfte das Publikum sich selbst in den langsamen, behutsamen Bewegungen von Qigong und Taiji üben, was die Mehrheit der Anwesenden mit Begeisterung und grossem Ernst mitmachte. Entspannung und Ruhe sind traditionsgemäss die ausschlaggebenden Faktoren, um den Körper und die Herzenergie, sprich Verstand, in Einklang zu bringen.
Der Körper - ein Symphoniekonzert
Nach dieser motivierenden Eröffnung stürzte sich Dr. Kurt Mosetter, der neben dem ZfP-Tagungsleiter Carsten Niebergall auch die Moderation durch den gesamten Vortragskomplex innehatte, gleich in medias res.
Zivilisationskrankheiten hätten in den letzten 100 Jahren wie eine Pandemie um sich gegriffen. Und trotzdem: "Im Alter muss man nicht zwingend krank werden." Mosetter, Direktor am Zentrum für interdisziplinäre Therapien in Konstanz, ist Begründer der Myoreflextherapie, einer Heilmethode, die vor allem auf sanfte Dehnung der Muskeln aufbaut. Unterstützt wurde er in seinen motiviert und humorvoll vorgetragenen Hinweisen ebenso fachkundig und engagiert von der Ernährungsberaterin Sybille Binder, u.a. Schulleiterin der Schule für angewandte Naturheilkunde. Die Ernährung eines Menschen sollte so individuell sein wie der Mensch selber. Im Körper eines Menschen wirken viele Faktoren zusammen, "wie in einem Symphoniekonzert".
Ernährungsempfehlungen für das Alter
Sybille Binder (Foto links) listete die wichtigsten Punkte für gesunde ältere Menschen auf, die da sind:
Qualität vor Quantität / Pflanzliche Nahrungsmittel, leichtverdaulich zubereitet, als Basis / Hochwertige Eiweissträger mit hoher biologischer Wertigkeit / Möglichst wenig Weissmehlprodukte, mehr Getreide wie Gerste, Roggen, Hafer, Hirse / Hochwertige Öle / Die Abendmahlzeit sollte die kleinste Mahlzeit des Tages sein.
Bei Krankheiten und/oder Medikamenteneinnahme wird darüber hinaus natürlich eine individuelle, gezielte Unterstützung notwendig. Als Faustregel aber gilt: Qualitativ gute Ernährung ist die Basis, auch für mehr Lebensfreude!
Ernährung und Gangsicherheit im Alter
Mobilität im Alter ist in den letzten Jahren zu einem eigentlichen Forschungsgebiet herangewachsen. Und Experten wie auch Laien sind sich einig darüber, dass die "Gangsicherheit im Alter einen wesentlichen Bestandteil der Seniorenunabhängigkeit und -lebensqualität darstellt." Prof. Dr. Reto W. Kressig, Extraordinarius für Geriatrie an der Universität Basel, ist sicher, dass mit der Ernährung eingenommene Proteine und Vitamin D, kombiniert mit geistig-motorischem Training, Wunder wirken können. Vitamin D, das eine wesentliche Rolle bei der Mobilität spielt, wird vom Körper hauptsächlich durch die Umwandlung von UVB Sonnenlicht erzeugt. Entsprechende Präparate können die Sonne ersetzen respektive ergänzen.
Prof. Kressig präsentierte eine ganze Reihe hochinteressanter Tatsachen zu neuromuskulärer Kontrolle, Muskelkraft und Muskelschnellkraft. In dem in Basel eigens geschaffenen Mobility-Center der Universität werden Gehgeschwindigkeit, Schrittlänge und Schrittkadenz gemessen, wobei den Laien am meisten erstaunt, dass trotz Alter die Schrittkadenz immer dieselbe bleibt. Im Zuge dieser Untersuchungen wurde der neue Begriff "Sarkopenie" geschaffen = altersbedingter Muskelabbau.
Zur Frage der Sturzprävention verneint Kressig die Wirksamkeit von alleinigem Krafttraining. Hingegen ist gezieltes und andauerndes Training von "Multi-tasking" gefordert, also die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Eine Sturzreduktion um fast 50 % wurde bei den Probanden auch durch Tai Chi oder Tanztraining erzielt.
Das Würmliprinzip
Wussten Sie, dass in uns allen der Wurm sitzt? Unser "Würmli", so benannt und als Identifikationsfigur geschaffen von der Diplom-Psychologin und Analytikerin Dr. Maja Storch (Foto links), weiss, was Männer und Frauen wünschen. Die Motivationspsychologin machte mittels umwerfender Rhetorik und den von ihr selbst gezeichneten Cartoons Vieles blitzartig klar, das sonst gerne im Gestrüpp von Fremdwörtern und Fachbegriffen hängen und somit unverständlich bleibt. "Ihr Verstand und Ihr Willen sagen Ihnen, Sie sollen für eine unangenehme Untersuchung zum Arzt. Aber Ihr Würmli macht grmpft - es will nicht. Da hilft nur eines: Der Wurm kommt mit ins Boot, das heisst: Um Ihr Würmli umzustimmen, muss Ihre Haltung geändert werden!" Das nennt man in der Fachsprache "Zeitgemässe Zielpsychologie".
Selbstkontrolle allein ist also störungsanfällig. Gefragt sind Haltungsziele. Mit einer veränderten Haltung können wir unser Verhalten beeinflussen. Der Mensch sei, so Dr. Storch, bis ins hohe Alter fähig, Haltungsziele zu entwickeln. Als Beispiel das Essverhalten. Hier soll nicht ein Muss oder Darf nicht im Vordergrund stehen ("Ich muss auf mein Gewicht achten" oder "Ich darf nichts Süsses essen"), sondern das, was einen positiv stimmt ("Ich gönne mir einen leichten Magen" oder "Ich bin mir selber treu"). Zu einschlägiger Literatur siehe auch die Links am Ende dieses Berichts.
Frailty und Gebrechlichkeit
Beim Begriff Gebrechlichkeit schaudern wohl alle älteren Menschen, steht er
doch für das hohe Alter, in dem man nicht mehr über sich selbst bestimmen kann und nur noch auf Andere angewiesen ist. Der Fachbegriff "Frailty" bezeichnet jedoch das Vorstadium einer Behinderungserkrankung, die sich unter anderem in der Anfälligkeit für Stürze und damit verbundener Hospitalisierung äussert. Dr. Jürgen M. Bauer (Foto rechts), der den Lehrstuhl für Innere Medizin und Geriatrie an der Universität von Erlangen-Nürnberg innehat, erzählte dem staunenden Publikum in Zürich, dass sage und schreibe 30 % aller Hundertjährigen keinerlei körperliche Beeinträchtigungen hätten.
Gebrechlichkeit kann also vermieden werden, vor allem durch Früherkennung, "um nicht auf diese abschüssige Bahn von Gebrechlichkeit zu geraten". Indikatoren sind: Uebermässiger Gewichtsverlust (der ältere Mensch nimmt normalerweise lediglich 100-150 g pro Jahr ab), Erschöpfung, (Hand-)Schwäche, verminderte Ganggeschwindigkeit und niedrige körperliche Aktivität. Gegengesteuert kann vor allem werden durch Energiezusätze, d.h. durch genügend proteinreiche Nahrung und Aufnahme von Vitamin D (siehe oben), aber auch kognitiv durch das Zusammenarbeiten von Geist und Körper. Allerdings sei zu beachten, dass die Aufnahme von zu vielen Proteinen appetithemmend wirkt. Ausserdem soll die Proteinzufuhr möglichst regelmässig auf alle Mahlzeiten verteilt werden.
Als wirksame Massnahme gegen die gefürchtete Altersgebrechlichkeit erwies sich auch Power-Training, ein Training von schnellen Bewegungen gegen einen Widerstand. Power-Training unter kontinuierlicher fachlicher Betreuung, das nicht öfters als 2-3 Mal pro Woche durchgeführt werden sollte, ist dem herkömmlichen Krafttraining vorzuziehen.
Diabetes im fortgeschrittenen Lebensalter
Prof. Dr. Bernd Schultes, Leiter des interdisziplinären Adipositas-Zentrums am Kantonsspital St. Gallen, begann mit einer positiv klingenden Feststellung: den vielzitierten "Alterszucker" gibt es nicht. Diabetes sei kein Alterungsprozess, sondern eine Krankheit, gleich wie juveniler Diabetes. Allerdings steigt die Häufigkeit im Alter stark an. Die Fachleute unterscheiden zwischen Typ 1 (T1DM) und Typ 2 (T2DM) Dabei ist Diabetes Typ 2, der auf verminderter Insulinwirkung und -ausschüttung beruht, mit 95 % die häufigste Form. Der Rückgang der Insulinsekretion ist mit zunehmendem Alter zwar ein natürlicher Vorgang. Doch der Lebensstil beeinflusst mit, wann ein Diabetes auftritt. Einflussfaktoren sind: Genetik, Lebensalter, Körperfettmasse und körperliche Aktivität. Eine der gefürchteten Folgen ist die Gefahr von Erblindung. Diese kann verhindert werden durch eine frühzeitige Therapie, z.B. eine Laserbehandlung. Dr. Schultes warnt daher: "Einmal pro Jahr zum Augenarzt ist ein Muss!"
Aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse weisen darauf hin, dass es auch bei Diabetes zu einer Trendwende hin zu individualisierter Medizin kommen muss, bei der der einzelne Mensch und kein starrer Therapieplan im Vordergrund steht. Auch hier gilt: Gesunde Ernährung, ausreichende Bewegung und Reduktion von Stress sind das A und O im Kampf auch gegen den "Alterszucker". Weiter können spezielle Schulungsprogramme für ältere Patienten deren Fähigkeiten hinsichtlich Selbstmanagement deutlich erhöhen.
Sexuelles Wohlbefinden im Alter
Mit diesem die Tagung abschliessenden Thema überraschte die Sexualtherapeutin Dr. Karoline Bischof (Foto links) vom Zürcher Institut für klinische Sexologie und Sexualtherapie die TagungsteilnehmerInnen. Was hat Sex im Alter mit Zivilisationskrankheiten zu tun? Hier betrifft die Fragestellung vor allem die Männer, deren Erektionsprobleme oft auf Bluthochdruck, Rauchen oder Diabetes basieren, u.a. Faktoren, die zusammen genommen auch zu koronaren Herzkrankheiten führen. Bei den Frauen ist es vor allem die hormonbedingte Veränderung der vaginalen Schleimhäute, die Schmerzen und damit Unlustgefühle verursacht. Trotzdem ist das Bedürfnis nach Sex nach einer Schweizer Untersuchung von 2004 erstaunlich hoch: 99 % der Männer zwischen 65 und 69 Jahren haben den Wunsch nach Zärtlichkeit, bei den Frauen 98 %. Den Wunsch nach Geschlechtsverkehr äusserten 99 % der Männer, 83 % der Frauen. Auch in höherem Alter nehmen beide Wünsche nur leicht ab.
Die Tabuisierung von Sexualität im Alter sollte also endlich vergessen werden. Zum Glück wird Alterssex aber doch langsam salonfähig. Dr. Bischof schloss ihr Referat mit der Feststellung: Sexuelles Lernen im Alter kann bedeuten: Loslösung von sexuellen Leistungsnormen, bewussteres Wahrnehmen des eigenen Körpers, der eigenen sexuellen Bedürfnisse und Erweiterung der Genussfähigkeit.
Alle Referate können im Detail nachgelesen werden: Klicken Sie hier.
Die nächste Tertianum-Fachtagung zum Thema "Demenz und Wertekultur - Ethische und zivilgesellschaftliche Perspektiven" findet statt am 28. Januar 2010 im Kongresshaus Zürich.
Weitere Hinweise und Links:
Eine Medienliste zum Thema Ernährung kann bestellt werden bei:
Pro Senectute Schweiz, E-Mail: bibliothek@pro-senectute.ch
Auftakt einer Buchreihe von Pro Senectute: "Ernährung in der zweiten Lebenshälfte"
Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin, aktuelle Ausgabe 4/2009
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