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Sonderbeilage „BOOM.“ – eine Blattkritik

Sonderbeilage „BOOM.“ – eine Blattkritik

Die Babyboomer kommen, und damit auch eine Sonderbeilage namens „BOOM.", die der NZZ am Sonntag vom 29. November beigelegt ist. Seniorweb hat bereits darüber berichtet - jetzt folgt die Blattkritik.
 

Auf der Frontseite gross in roter Farbe liest man: „Ich freue mich, wenn endlich mehr Weisheit einkehrt". Autor: Ueli Mäder, 58, Professor für Soziologie. Wo, wann, warum  und bei wem diese Weisheit einkehren soll, sucht man in der 14-seitigen Sonderbeilage erfolglos. Aber wahrscheinlich soll der Satz zunächst nur neugierig machen.

 

Zweimal Ruhe, zweimal Schönheit, einmal Paradies

Den Inhalt der Beilage verraten ebenfalls auf der Frontseite fünf kleine Kästchen: Zweimal besseres Schlafen, zweimal besseres Aussehen und einmal der direkte Weg ins Paradies  (in Wirklichkeit ein sicherlich sehr schönes Hotel im Unterengadin). Das sind im Textteil schon einmal fünf Seiten gut geschriebener Publireportagen.

 

Ein neues Alter entdecken

War's das schon? Nein, natürlich nicht. Die redaktionellen Texte reflektieren das verständliche Bemühen der Babyboomer-Generation, einen andern, neuen Zugang zum Alter zu finden. Die Babyboomer, so liest man im Editorial, frönten einem ewigen Jugendkult, wollten nie alt werden, wurden und werden es dennoch und versuchen nun,  auf ihre Art das Alter neu zu definieren (oder gar zu erfinden?).  

 

Das Alter selber in die Hand nehmen

Früher, man erinnert sich, wurden die Alten sachte an die Hand genommen und durch das Leben geführt. Memo, die betuchliche Alterssendung von  Radio DRS1, war oder ist ein Musterbeispiel dafür. „Jetzt nehmen wir das Leben selbst in die Hände", tönt es aus den Kehlen der Babyboomer. Sehr lobenswert. „BOOM." zeigt Wege auf, wie das geschehen kann.

 

Weiter aktiv bleiben

Wichtige - aber keineswegs neue - Erkenntnisse: Im Alter aktiv und beweglich bleiben, sich nützlich machen, sich weiterbilden, allenfalls etwas völlig Neues anfangen. Den Ruhestand aktiv geniessen, ein neue Art von Lifebalance finden - tönt gut und ist auch gut. Wer für Seniorweb arbeitet, hat das bereits gemerkt und auch für sich selber umgesetzt.

 

Power für neue Renditen

Natürlich muss auch Geld ein Thema sein: Finanzkrisen, Demografiewandel, Unsicherheit der Sozialwerke zwingen zum Nachdenken, wie man im immer länger werdenden Alter das Finanzielle im Lot hält. Auch dazu gibt es einen kurzweiligen redaktionellen Text im „BOOM.": „Babyboomer wollen mit ihrem Geld etwas Anderes erreichen." Die Banken sollten aufmerksam die Seite 5 dieser Sonderbeilage lesen und sich darüber Gedanken machen, dass man den Babyboomern nicht mehr jedes Produkt ins Depot packen und deren Unwissenheit ausnützen kann (Anmerkung: Die meisten Opfer des Lehmann-Brother-Debakels waren über 60 Jahre alt). Also Banken-Kundenberater: In die Hosen, die Babyboomer sind informiert, begegnen Euch auf Augenhöhe und kaufen nicht einfach die von Euren Analysten gepushten Produkte. Und ausserdem: Auf Babyboomer sollte man besser nicht mehr junge Schnösel-Berater loslassen, sondern besser Berater mit grauen Schläfen. Sofern es solche in der Bank überhaupt noch gibt.

 

Jugendwahn hat seinen Zenith erreicht

Durchaus selbstkritisch kommt „BOOM.", daher, steht doch auf der ebenfalls lesenswerten Seite 10: „Der Jugendwahn - vor vielen Jahren von uns selbst proklamiert - hat am Arbeitsplatz seinen Zenith erreicht". Jetzt merken die Firmen, dass auf Erfahrung nicht einfach so verzichtet werden kann, dass ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der Firma auch etwas, aber etwas anderes als die Jungen, bringen können. „An der Schnittstelle zwischen Unternehmen und ihren Kunden werden gleichzeitig dringend Menschen mit Erfahrung gebraucht." Na endlich - hoffentlich hören die Firmen diese Botschaft. Wie können Grünschnäbel in Produkteentwicklung, Marketing und Werbung wissen, was die älteren, nicht mehr im Berufsleben stehenden Menschen für Bedürfnisse haben (es sei denn, diese Grünschnäbel pflegen einen intensiven Kontakt zu ihren Omas und Opas)? Wenn man mit Produkten und Dienstleistungen heute bei den älteren Menschen erfolgreich sein will, dann müssen Firmen im eigenen Betrieb (und im eigenen Interesse) wieder vermehrt auf Menschen mit grauen Haaren abstellen statt diese aufs Abstellgleis zu stellen.

 

Und nochmals mehr Bewegung - der finanzielle Aspekt

Sich mehr geistig und körperlich bewegen, um das Alter besser zu erleben, auch diese Erkenntnisse sind nicht neu, aber sind es wert, immer wieder in Erinnerung gerufen zu werden - deshalb widmet sich eine ganze Seite diesem Thema. Wenn, wie „BOOM." richtig anmerkt, ältere Menschen zu ihrer geistigen und körperlichen Fitness besser Sorge tragen, dann entlasten sie das Gesundheitswesen wesentlich, aber die Kehrseite der Medaille - sie wird höflich ausgeblendet - ist,  dass dafür AHV und Pensionskassen durch längere Rentenzahlungen stärker belastet werden.

 

Locker-flockige Texte

Die Texte sind generell nicht bier-ernst, sondern locker-flockig geschrieben. Wesentlich zur Auflockerung tragen die überall eingestreuten Zitate bei. Zum Beispiel vom 70-jährigen Werber und Weinpublizist Ernst Meier: „Ich möchte nie erwachsen werden und mit kindlichen Blödeleien und unbändiger Neugier Unvorhergesehenes anpacken".

 

Schlussbemerkung

Natürlich darf am Schluss auch der Marktplatz nicht fehlen mit vielfältigen Angeboten von Porsche über Einbruchsschutz und Pelzen bis hin zu Swisslife -  schliesslich muss bei einer solchen, doch recht aufwendigen Beilage unterm Strich auch etwas herausschauen. Und das dürfte auch darüber entscheiden, ob „BOOM." eine Eintagesfliege bleibt oder ob mit weiteren Folgen zu rechnen ist.

 

 

Link 

BOOM für Babyboomer

Alte: Früher verschupft - jetzt heiss begehrt!

Bild: Stiftung PowerAge

 

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers Roberto Binswanger

Über ein entschleunigtes Skigebiet speziell für Babyboomer berichtet TA-Online vom 3. Dezember 2009: http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Das-en...