Wikipedia umschreibt Anti-Aging wie folgt: „Der Begriff Anti-Aging, auch Altershemmung, ist eine Bezeichnung für Massnahmen, die zum Ziel haben, die biologische Alterung der Menschen hinauszuzögern, die Lebensqualität im Alter möglichst lange auf hohem Niveau zu erhalten und auch das Leben insgesamt zu verlängern. Verwendet wird dieser Begriff in der Medizin, von Ernährungswissenschaftlern, der Nahrungsergänzungsmittelindustrie, von Kosmetikherstellern und auch teilweise im Zusammenhang mit Schönheitsoperationen. Anti-Aging ist ein beliebter Marketingbegriff."
Diskriminierender Begriff
Weshalb soll der Begriff diskriminierend sein? Ganz einfach: Etwas dagegen unternehmen, dass man älter oder alt wird, etwas gegen das Alter unternehmen, impliziert, dass Altern und Alter etwas Negatives ist, dass man unbedingt vermeiden oder immerhin herauszögern muss. Alter wird als etwas Negatives wahrgenommen, und damit werden Alter und Altern diskriminiert.
Jedes Alter hat Sonnen- und Schattenseiten
Dabei wird ausgeblendet, dass jedes Alter, auch die Jugend, seine Sonnen- und Schattenseiten hat. Vielfach werden mit Altern und Alter negative Seiten assoziiert und die positiven Seiten völlig ausgeblendet. Natürlich ist das Alter nicht unbedingt lustig, wenn sich der Aktionsradius einengt, wenn einen die verschiedensten Gebresten plagen, wenn der Tod immer näher rückt (wobei das auch relativ ist: Ein 20-Jähriger kann ein Jahr später tödlich verunglücken, während ein heute 60-Jähriger in 25 Jahren immer noch purlimunter am Leben sein kann). Aber Altern und Alter haben auch mannigfache Vorteile. Aus meiner sehr subjektiven Sicht: Ich erachte schon die Tatsache, dass ich meinen Terminkalender und Tagesablauf völlig selber bestimmen kann, nicht mehr jeden Tag früh aufstehen muss, um zur Arbeit zu gehen, frank und frei meine Meinung äussern kann, all das empfinde ich als ein gehäuftes Mass an Lebensqualität, über das ich früher nie verfügt hatte. Ich habe das Privileg der leeren Agenda, meine Life Balance stimmt, ich bin nicht mehr fremdbestimmt, ich muss nicht ins Militär. Der Begriff Anti-Aging müsste also, um nicht diskriminierend zu wirken, vielleicht in „For good aging", für ein gutes Altern, für ein Altern in Würde, umbenannt werden.
Grandioses Marketingkonzept
Aber noch viel diskriminierender ist Anti-Aging, wenn man genau betrachtet, was dahinter steckt. Da wird ein Riesengeschäft mit der Altersangst und mit der Hoffnung auf lange Jugend betrieben. Googlen Sie sich mal durch die vielen Anti-Aging-Seiten: Da geht es in erster Linie darum, die Spuren des Alterns und Alters zu verwischen oder gar zu beseitigen. Weg mit den Falten, weg mit grauen und weissen Haaren. Dass ein künstlich faltenloses Gesicht auch zum ausdrucklosen Gesicht oder gar zu starren Maske wird, sei nur kurz erwähnt. Im höchsten Mass diskriminierend ist, wenn impliziert wird, ein vom Alter gezeichneter Körper sei hässlich, abzulehnen und bedürfe dringend einer Renovation. Haben Sie schon einmal das zerknitterte Gesicht eines alten Menschen genau studiert? Da widerspiegeln sich jahrelange Geschichten, die das Leben schrieb. Und die will man mit Kosmetik oder gar mit Botox einfach ausradieren? Brutal!
Fragezeichen auch zur medizinischen Prävention als Anti-Aging
Unter der Flagge des Anti-Aging segeln auch medizinische Angebote, vor allem unter dem Aspekt der Prävention. Dass man möglichst gesund leben soll (Ernährung, Bewegung, wenig Alkohol, nicht rauchen) - wer möchte das nicht gutheissen? Aber bitte nicht erst im Alter und unter dem Aspekt des Anti-Aging. Sondern lebenslang mit der klaren Absicht, möglichst nicht krank zu werden. Sondern gesund zu bleiben. Das setzt doch auch schon bei Jugendlichen ein - aber natürlich verkaufen sich präventive medizinische Massnahmen unter dem Label „Anti-Aging" wesentlich besser. Auch in diesem Bereich wäre das Label „For good aging" (oder auch „For good life") wesentlich passender, weil frei von Diskriminierung.
Jugend hui, Alter pfui
Das ganze Marketingkonzept des Anti-Aging ist also darauf ausgerichtet, dass Jugend gut ist, Alter aber schlecht. Wenn das nicht diskriminierend ist! Eigentlich braucht es einen Paradigmawechsel - und damit wäre dem Anti-Aging der Boden entzogen. Das heisst. Eine andere Einstellung zum Alter. Alter ist ebenso okay wie Jugend oder Mittelalter. Die Botschaft müsste lauten: Ich darf, ja ich soll zu meinem Alter stehen. Nichts ist falsch am Altern und Alter. Es geht also darum, im Alter neue Werte zu finden und sich dieser Werte auch bewusst zu werden. Es geht nicht darum, so lange als möglich jung zu bleiben, sich möglichst lange an seine Jugend und Jugendlichkeit zu klammern, sondern es geht darum, für jeden Lebensabschnitt und in jeder Lebenssituation das zu suchen, was für mich sinnvoll ist und was für mich stimmt. Völlig gleichgültig, ob ich nun seit 20, 50 oder 80 Jahren auf dieser Welt bin. Das bedeutet natürlich auch: Mehr in mich hineinhören und meine Bedürfnisse spüren und weniger auf Aussenwelt und vor allem auf Marketing- und Werbefachleute hören, die sich anmassen, meine Bedürfnisse zu kennen und mir vorzuschreiben, was für mich gut oder auch nicht gut ist.
Lebensqualität statt Anti-Aging
Und damit nehme ich auch sinnvolle Aspekte des Anti-Agings auf (die gibt es durchaus!). Ich mache etwas, zum Beispiel mich gesund und ausgewogen ernähren, viel an die frische Luft gehen, genügend schlafen. Aber nicht um jung zu bleiben, sondern um - dem Alter angepasst - möglichst lange meine geistige und körperliche Gesundheit zu erhalten. Oder: Ich strebe, was ich hoffentlich schon früher gemacht habe, nach Lebensqualität. Wobei ich mir bewusst bin und es auch akzeptiere, dass Lebensqualität je nach Alter völlig anders und im Übrigen von Mensch zu Mensch verschieden aussehen kann. Und ganz entscheidend: Ich bestimme selber für mich, was Lebensqualität bedeutet und lasse mir das nicht durch eine immer grösser werdende Anti-Aging-Industrie vorschreiben.
Selbstbestimmung und Eigenverantwortung
Konkret heisst das: Ich entscheide ganz persönlich, was ich unternehme, um körperlich fit und beweglich zu bleiben. Und ich entscheide ganz persönlich, was sinnvoll ist, damit meine grauen Zellen in Bewegung bleiben und ich geistig fit bleibe. Wenn die Industrie (auch unter dem Label Anti-Aging) zum Beispiel Gehirnjogging anbietet, so mag das eine durchaus anregende, amüsante und wahrscheinlich auch nützliche Tätigkeit sein. Aber einen grossen Sinn dahinter sehe ich nicht, und deshalb würde es mich persönlich auf die Dauer auch nicht ausfüllen und befriedigen. Wenn ich aber zum Beispiel - und jetzt kommt der grosse Werbespruch - Freiwilligenarbeit für Seniorweb leiste, dann hält das meine grauen Hirn-Zellen manchmal mehr in Trab als mir lieb ist. Aber die Tätigkeit macht Sinn und gibt Befriedigung. Befriedigung im Leben, das heisst nichts anderes als Lebensqualität, und Lebensqualität ist wiederum eine gute Voraussetzung, um Altern und Alter nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar zu geniessen.
Bilder:
http://www.aboutpixel.de/foto/seniorenportrait/boscopics/45916
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Das Thema „Anti-Aging" wird in etwa 10 Tagen fortgesetzt mit einer Stellungnahme der Swiss Society for Anti Aging Medicine and Prevention (SSAAMP) zu diesem Artikel.
Links:
Swiss Society for Anti Aging Medicine and Prevention (SSAAMP)
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