Und deshalb sollen auch die Spuren des Alters, Falten und graue Haare, möglichst beseitigt werden. Anti-Aging blendet dabei aus, dass Alter und Altern auch positive Seiten hat, dass Jugend und Jugendlichkeit nicht nur Honiglecken ist. Wir haben in einem ersten Beitrag ausführlich darüber berichtet. Jetzt kommt eine etwas andere Betrachtungsweise, und zwar von einem ausgewiesenen Fachmann, nämlich von Dr. med. Roland Ballier, Präsident der Swiss Society for Anti Aging Medicine and Prevention (SSAAMP) und leitender Arzt des Fachkurhauses Berlingen am Bodensee (Kanton Thurgau):
Bild rechts: Dr. med. Roland Ballier
Ganz einfach bringen es die Amerikaner einmal mehr auf den Punkt, wenn sie über "Anti-Aging" reden: Don't get sick, don't get old, don't die!" Also, nicht krank werden, nicht alt werden und nicht sterben - wobei Letzteres natürlich ironisch gemeint ist.
Etwas Wahres verbirgt sich aber doch hinter der vordergründigen Metapher: Wer gesund bleibt, also nicht krank wird, altert langsamer. Und umgekehrt: Wer langsamer altert, wird auch seltener krank, denn Krankheit nimmt unumstritten mit zunehmendem Alter an Häufigkeit zu. Deshalb ist es sinnvoll und logisch, den Alterungsprozess im obigen Sinne zu verlangsamen, um so Lebensqualität und Gesundheit möglichst lange zu erhalten.
Wer nun glaubt, entsprechende Konzepte und Empfehlungen würden die "Alten" bzw. das "Alter" schlechthin diskriminieren, der irrt. Jeder Lebensabschnitt - auch das Alter - zeichnet sich durch Vor- und Nachteile aus. Das Alter kann herrlich sein, ohne berufliche Verpflichtungen, mit viel Freiheit - wenn, ja wenn es eben nicht mit Gebrechlichkeit, Demenz und Pflegebedürftigkeit einher ginge.
Und genau dieses verfolgt seriöses Anti-Aging. Dabei geht es eben nicht um Anti-Faltencremes und entstellte, maskenartige Gesichter nach fehlgeschlagenen Facelifts, sondern um körperliche Leistungsfähigkeit, geistige Frische und Freisein von Krankheit.
Und hier liegt gleichzeitig der Hund begraben: Obwohl viele, vorwiegend präventiv ausgerichtete Anti-Aging-Konzepte inzwischen bekannt und wissenschaftlich belegt sind, lässt die Schulmedizin jegliches Interesse an diesem so hoch interessanten Phänomen des Alterns vermissen, wird ausschliesslich bei Krankheit aktiv und beschränkt sich auf Kommentare wie 'unseriös', 'nicht-wissenschaftlich', 'kommerziell', wenn es um Anti-Aging geht. Kann dies eventuell daran liegen, dass der "gesunde Alte" kein Kunde für die Schulmedizin darstellt?
Zugegeben, tatsächlich finden sich unter der Begründung Anti-Aging nicht ausschliesslich seriöse Empfehlungen, kommerziell ist das Business mit den Alten wahrhaftig von gewaltigem Ausmass. Aber reicht es, aus Anti-Aging einfach Good Aging zu machen? Kann das die Lösung darstellen? Nein! Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf den Namen. Und hier muss jeder Konsument, Verbraucher, jeder Alte selbst entscheiden, welches Angebot er wählen will - wenn überhaupt - oder ob er vielleicht das eigene, selbst entwickelte Anti- Aging-Konzept bevorzugt. Was auch in anderen Bereichen der Medizin gilt, nämlich die Spreu vom Weizen zu trennen, empfiehlt sich auch in diesem Fall. Und - ganz ehrlich - würden wir tatsächlich auf die Vorteile eines ABS-Systems am Auto verzichten wollen, nur weil diese technische Innovation, die täglich Menschenleben rettet, das Sprachelement 'Anti...' enthält?
Soweit Dr. med. Dr. med. Roland Ballier, Präsident der Swiss Society for Anti Aging Medicine and Prevention (SSAAMP). Zum Schluss noch eine ganz persönliche Bemerkung oder besser gesagt Reminiszenz.
Altwerden ist eine Kunst - mit und ohne Anti-Aging
Meine Grossmutter wurde 88 und wusste natürlich nichts von Anti-Aging. Bis kurz vor ihrem Tod funktionierte alles bestens bei ihr: Gehen, denken, hören, sehen. Es war eine würdige alte Dame, die voll zu ihrem Alter stand. Wie schaffte sie das? Nun, wenn ich sie -etwas idealisierend- beschreiben müsste: Sie wohnte zwar über weite Strecken allein (ihr Mann starb sehr früh, weshalb sie ihre Tochter allein aufzog), wirkte aber nicht einsam (wohl weil sie auch viele Selbstgespräche führte), sie trug Sorge zu sich selbst, ass wenig und ass gesund, lebte sehr eigenverantwortlich, liess sich nicht fremdbestimmen, schlief viel (jeden Tag mindestens 2 Stunden Mittagschlaf), war liebenswürdig und lieb, war gläubig (ohne jedes Sendungsbewusstsein). Kurzum: Sie schien weitgehend mit sich selbst und mit der Welt im Einklang zu stehen. Und sie lebte ihr Alter.
Links:
Bilder:
Swiss Society for Anti Aging Medicine and Prevention (SSAAMP)
http://www.aboutpixel.de/foto/gehhilfe-%5B2%5D/qba-libre/39868
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