Im internationalen Vergleich gehört die Schweiz (mit Island, Schweden, Norwegen und Dänemark) zu den Ländern mit einer Erwerbsquote der 50- bis 64-Jährigen von über 70 %. Diese beträgt im Schnitt der EU-Länder lediglich 58,1 %. Aber: Im Zeitraum von elf Jahren hat der Anteil Personen im Vorruhestand zugenommen. Und ausserdem: Wer im Alter von über 50 arbeitslos wird, läuft viel mehr Gefahr, arbeitslos zu bleiben als jüngerer Arbeitslose. Der hohe Anteil der Langzeiterwerbslosen unter den 50- bis 64-Jährigen zeugt von den Schwierigkeiten, in diesem Alter eine Stelle zu finden. Diese Informationen kann man einem Bericht des Bundesamtes für Statistik von Februar 2008 über die Erwerbstätigkeit der Personen ab 50 Jahren entnehmen.
Höhere Erwerbsquote bei über 50-Jährigen erforderlich
Höchste Zeit also, dass Firmen und natürlich auch der öffentliche Sektor sich wieder vermehrt auf die Tugenden älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wie Erfahrung, Kompetenz, Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft besinnen. Dass Menschen, die in der Schweiz leben, besser länger beschäftigt werden statt dass man immer mehr Leute aus dem Ausland „importiert", ergibt sich schon zwingend aus der Ausländer- und aus der Umweltpolitik. Die Bevölkerungszahl und die Zahl der hier lebenden Ausländer kann nicht beliebig erhöht werden.
Arbeitgeber gefordert
Hier lebende Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen also länger im Arbeitsprozess bleiben. In einem ersten Schritt bis zum jetzigen Pensionsalter, allenfalls, wenn die Lebenserwartung weiter steigt, bis zu einem höheren Rentenalter. Aber: Es braucht gewichtige Schritte von Seiten der Arbeitgeber, und zwar bezüglich Aus- und Weiterbildung, Art der Arbeit, Lohnstrukturen, Arbeitszeit und Führung.
Welche Arbeit?
Ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bringen andere Qualitäten mit als jüngere, also sollen sie solche Arbeiten ausführen, bei denen die bereits erwähnten „Tugenden" gefragt sind. Die Art der Arbeit hängt natürlich auch von der Robustheit und der Gesundheit älterer Arbeitenden ab, Kriterien, auf die Firmen bis jetzt eher wenig Rücksicht nehmen. Gerade grössere Firmen können die Zuteilung der Arbeit bis zu einem gewissen Grad nach dem Alter ihrer Mitarbeitenden steuern. Arbeiten, bei denen Kraft und Robustheit und hohe technische Fähigkeiten (moderne Technologien) gefragt sind, eignen sich eher für jüngere Leute. Arbeiten, die eine hohe Sozialkompetenz und Einfühlungsvermögen erfordern und keine starken körperlichen Fähigkeit bedingen, sind ideal für ältere Arbeitende. Wobei es natürlich immer Ausnahmen gibt. Ausserdem können sich auch ältere Arbeitende durch gezielte Aus- und Weiterbildung durchaus in moderne Technologien einarbeiten, womit wir zum nächsten Punkt kommen.
Aus- und Weiterbildung
Nur wer sich weiterbildet, bleibt auf dem Arbeitsmarkt weiterhin gefragt. Die Aus- und Weiterbildung muss aber entsprechend angepasst werden, ältere Menschen brauchen eine andere Aus- und Weiterbildung als jüngere. Hier sind wieder die Unternehmungen gefordert, indem sie besondere Weiterbildungs- und Trainingsmöglichkeiten für ältere Angestellte zur Verfügung stellen.
Karriere
Weiterbildung hat auch mit Karriere zu tun. Karriere heisst nicht unbedingt nur Führungspositionen anstreben. Karriere hat viel zu tun mit sinnerfüllter Arbeit. Manch älterer Arbeitende wäre froh, im Alter nicht mehr andere führen zu müssen, ist aber anderseits für anspruchsvolle, hoch qualifizierte Arbeit sehr leicht zu motivieren. Es gibt also auch eine fachliche Karriere. Ältere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen eignen sich auch häufig, um eigenes Wissen und eigene Erfahrung weiterzugeben, also für Kursleitung und Coaching innerhalb des Betriebes. Auch für Kundenbeziehungen bringen sie gute Voraussetzungen mit, vorausgesetzt, dass diese Positionen nicht mit zu komplexen technischen Tätigkeiten verbunden sind.
Arbeitstempo, Arbeitszeit
Ältere Arbeitende brauchen ein anderes Arbeitstempo und lieben weniger Stress. Sie arbeiten nicht gerne gleichzeitig an mehreren Projekten, sondern erledigen lieber eins nach dem andern. Das muss bei den Arbeitsformen und bei der Arbeitsorganisation berücksichtigt werden. Ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, auch das zeigt sich ganz klar anhand der bereits erwähnten Studie des Bundesamtes für Statistik, wollen häufig nicht mehr Vollzeit arbeiten, sondern bevorzugen Teilzeitarbeit. Und das könnte dazu führen, dass sie nicht mehr frühmorgens bis abends arbeiten müssen, sondern zum Beispiel nur von 9 - 16 Uhr. Das ist auch für die chronisch überlastenden Verkehrssysteme von grossen Vorteil, werden doch die „Rush Hours" entlastet.
Führung
Ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer muss man anders führen als jüngere: Man kann ihnen wohl sagen, was sie machen müssen, das „Wie" sollte man ihnen aber nicht vorschreiben, sondern ihnen weitgehend überlassen, weil sie es selber besser wissen. Mehr Autonomie, weniger Befehle und Kontrolle, das muss das Leitmotiv in der Führung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sein - eine Herausforderung für Führungskräfte. Führungskräfte sind deshalb differenziert aus- und weiterzubilden, je nach dem, ob sie ältere oder jüngere Arbeitskräfte führen müssen.
Lohn
Häufig sind ältere Arbeitnehmende nicht mehr auf einen vollen Lohn angewiesen, weil die Kinder schon ausgeflogen sind und damit einige gewichtige Ausgabeposten entfallen. Es muss nicht zwangsläufig so sein, dass ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zuoberst auf der Lohnpyramide stehen. Für ältere Arbeitnehmende braucht es somit andere Lohnstrukturen, bei denen weniger auf die Dauer der Anstellung, dafür mehr auf die Qualität der Arbeit und den Nutzen für die Unternehmung abgestellt wird.
In den Ruhestand gleiten
All die erwähnten Punkte setzen voraus, dass sich Firmen vermehrt um ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bemühen und kümmern, in der Erkenntnis, dass diese der Firma auch sehr viel bringen können (Win-Win-Situation). Durch die Tatsache, dass ältere Arbeitende wenn immer möglich bis zur Pensionierung arbeiten, wird einerseits das Altersvorsorgesystem entlastet. Anderseits haben Menschen, die in oder von der Firma nicht mehr aufs Abstellgleis gestellt werden, sondern bis zum Pensionsalter eine sinn- und wertvolle Arbeit - bei gleichzeitiger Reduktion der Arbeitsbelastung - verrichten, eine höhere Lebensqualität. Damit kann auch dem Pensionierungsschock entgegengewirkt werden - es gibt keinen Stopp von einem Tag auf den andern von 100 auf null. Sondern es ist sozusagen ein sanftes Gleiten in den Ruhestand, wobei durchaus auch die Möglichkeit besteht, sich noch während der Erwerbstätigkeit nach einer sinnvollen Freiwilligenarbeit für die Zeit nach der Pensionierung umzuschauen.
Links:
Bericht des Bundesamtes für Statistik vom 6. Februar 2008:
Bilder:
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Die Serie über Arbeitsmarkt und ältere Beschäftigte wird fortgesetzt.
Bernhard Schindler Redaktor Seniorweb alt. stv. Chefredaktor Zofinger Tagblatt
Inhaberfirmen schauen mehr auf Qualität als AG's