Die Schweizer Familie Merler* wohnte in Tilsit in Ostpreussen, eine gute und hoffnungsvolle Gemeinde. Man bewohnte ein eigenes Haus und betrieb Landwirtschaft. Das grosse Geheimnis war die Rezeptur des Tilsiters, die immer von Familie zu Familie weitergegeben wurde, aber nie in fremde Hände kam. Die blühende Landschaft duftete herrlich, und so weit das Auge sehen konnte, gab es grosse Getreidefelder, deren Ähren sich im Winde bewegten, ähnlich den Wellen auf See. Es war ein Spiel mit der Natur und der Friede lag über dem Land. Doch dann kam alles anders, als man es sich dachte: Wolf war neun Jahre alt und sein Bruder Fritz gerade mal drei Jahre. Weihnachten 1944 war noch das ruhige Fest der Besinnung und der gegenseitigen Zuneigung; Geschenke gab es nicht so viele. Aber alle waren genügsam und die Kinder freuten sich auf ein kleines Spielzeug aus Holz oder Blech.
Gerade 1944 war der Winter in Ostpreussen sehr kalt. Dreissig Grad minus waren keine Seltenheit. Der tiefe Schnee und die peitschende Luft waren ebenfalls ein Teil der Landschaft. Die Menschen trugen dicke Felle und Filzschuhe. In den Schnee gehen konnte man nur mit Schneeschuhen, da man sonst einsinken würde. An Weihnachten ass man und feierte. Doch in dieser friedlichen Stimmung konnte man plötzlich leise - und weit weg - das Grummeln der Geschütze hören. Was für ein Wahnsinn, doch die kleinen Kinder begriffen es noch nicht, und die Erwachsenen nicht wirklich.
Wolf und Fritz hatten sich mit den Nachbarskindern verabredet. Sie wollten dort ihre selbst gebastelten Geschenke abgeben. Wolfi, wie er genannt wurde, und Fritz machten sich auf den Weg, um die besagten Nachbarn zu besuchen. Sie wurden mit einer freundlichen Umarmung empfangen; es wurde gegessen und gefeiert. Man spielte zusammen und zeigte sich gegenseitig die Geschenke. Die Zeit verrann, und als es eindunkelte, machten sich die beiden auf den Weg nach Hause. Doch sie sollten dort nie ankommen.
Denn wegen des andauernden Schneefalls wurden alle Wege und Äcker zu einer gleich aussehenden Ebene, dazu kam die Kälte. Wolfi und Fritz hatten die Orientierung verloren. Es wurde schnell dunkel, und niemand begegnete den beiden. Nur russische Soldaten kamen plötzlich wie aus dem Nichts. Die Jungs merkten es an den Gesprächsfetzen, die an ihre Ohren drangen. Wolfi und Fritz liefen in den nahegelegenen Wald. Sie hockten sich ins Gebüsch und wurden vom fallenden Schnee bald zugedeckt. Diese Art der Tarnung war wohl die Rettung. Der kleine Fritz weinte leise vor sich hin, und Wolfi tröstete ihn, so gut es ging, denn auch er hätte am liebsten geweint. Doch sie durften keine Töne von sich geben, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Sie hörten die Russen rufen „dawai, dawai" was schnell, schnell bedeutete. Sie konnten jedoch nicht sehen, was sich abspielte, und es war wohl auch gut, dass den beiden Buben dieses Schicksal erspart blieb. In diesem Moment sprachen sie auch das eingangs erwähnte Stossgebet. Doch sie waren alleine und konnten nicht nach Hause, also schlugen die sich durch bis nach Litauen. Immer die Angst im Nacken und den Hunger, den sie nicht zu stillen vermochten, geplagt, denn im Wald wächst im Winter nicht mal eine Beere. Ein paar Nüsse waren ihnen geblieben, die sie von den netten Nachbarn bekommen hatten; diese waren nun ihre harte Überlebensnahrung.
Sie sehnten sich nach ihrem zu Hause; es wäre so schön gewesen, mit den Lieben zusammen zu sein. Heimweh ist furchtbar. Die Grenze als solche war nicht markiert, und der unendliche Wald zog sich Hunderte von Kilometern hin. Um den Russen nicht in die Hände zu fallen, umgingen sie anfangs möglichst alle Siedlungen. Als sie sich in Litauen wähnten, klopften sie an die Türe des ersten Bauernhauses und machten wohl einen derart erbärmlichen Eindruck, dass alle Worte überflüssig waren.
Eine stämmige Hausfrau nahm die zwei Kinder bei sich auf. Sie durften eine Nacht bleiben. Eine warme Stube, etwas zu essen, das waren Dinge, die man wohl erst zu schätzen weiss, wenn man so etwas mitgemacht hat wie die beiden. Sie wurden gewaschen und in frische Kleidung gesteckt, um dann vor Erschöpfung sofort in den Tiefschlaf zu fallen.
Am folgenden Tag mussten sie weiter, und auch wenn sie mit reichlich Proviant versorgt waren, wussten sie doch nicht, wohin sie gehen sollten. Schliesslich bettelten sie sich durch und bekamen mit der Zeit auch einige russische Worte mit, die sie sich einprägten. Wolfi war der Beschützer des kleinen Fritz, der ohne ihn sonst nicht mal seinen Namen wüsste. So wurden sie zu sogenannten Wolfskindern, die kein Heim, kein Essen, keine Schlafstelle hatten, doch immer auf der Hut sein mussten, damit ihnen nicht noch der letzte Rest der immer kleiner werdenden Vorräte weggenommen würde. Eng schmiegten sie sich in der Kälte aneinander und weinten oft bitterlich.
Weihnachten? Das war zwar ein bekanntes Wort, bedeutete aber längst nicht mehr das häusliche Geborgensein und die warme Stube. Auch der geschmückte Tannenbaum war nur noch Erinnerung. Die Kinder mussten sich durchschlagen und erwarben mit der Zeit ein Gespür für das Überleben. Sie konnten immer wieder in verschiedenen Häusern bleiben, meistens bei Bauern, aber es gab auch viele Menschen, die Kinder nur als Arbeitstiere einsetzen oder gar nichts von ihnen wissen wollten.
Die Zeit verging. Die Kinder versuchten, mit Hilfe bei der Ernte Essen zu erhalten. Sie hatten bei einer kinderlosen Bauernfamilie Unterschlupf gefunden und blieben lange Zeit dort. Im Verlaufe vieler Gespräche stellte sich jedoch heraus, dass Wolfi und Fritz eben keine Deutschen, sondern Schweizer waren. Natürlich hatten sie keine Papiere, die dies hätten belegen können. So schrieb der Hausherr des Bauernhofs an die Schweizerische Botschaft.
Lange kam keine Antwort. Die Buben verzagten fast, denn sie hofften natürlich auf ein Lebenszeichen der Eltern und Geschwister.
Lange Monate und Jahre vergingen - bis schliesslich 1949 die Befreiung kam. Wolfi und Fritz wurden als Schweizer anerkannt; zuvor hatte eine Namensverwechslung zu einer Verzögerung geführt. Vorläufige Papiere wurden ausgestellt und nach Litauen geschickt, so dass der Termin für eine Übersiedlung festgesetzt werden konnte. Erneut begann ein langer Weg, doch dieses Mal war alles im Voraus geplant. Die Kinder wurden von Rot-Kreuz-Mitarbeitern betreut. Ein grosses Schild um den Hals gehängt, auf dem die Namen, der Bestimmungsort und einige Daten standen, sollten sie per Zug durch das zerstörte Deutschland in die Schweiz reisen. Dies dauerte einige Tage, und sie mussten mehrmals in Bahnhofsmissionen übernachten.
Irgendwann erreichten sie Ihr Ziel. In der Schweiz mussten sie sich erst einmal an die neuen Verhältnisse gewöhnen. Sie lebten in einer Kleinstadt, besuchten die Schule und gingen schliesslich jeder seinen eigenen Lebensweg. Zu dieser Zeit gab es noch keine Psychologen, der ihnen hätten helfen können, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten; sie waren ganz auf sich alleine gestellt.
Auch heute noch, im hohen Alter, träumen sie von den schrecklichen Zeiten und gedenken ihrer Lieben, die vermutlich verschleppt, missbraucht oder umgekommen sind. Alle Möglichkeiten der Suche wurden ausgeschöpft, aber es ist, als sei ein Mantel des Schweigens über dieses Leid gelegt worden. Noch heute erfreuen sich die zwei „Wolfskinder" eines Lichtes, einer warmen Stube und einer einfachen Mahlzeit. Ihre Gedanken kommen nicht los von ihrem Erleben und ihrem Schicksalskampf. Auch wenn sie schliesslich befreit wurden, blieben sie ihr Leben lang gezeichnet. Kein Mensch kann aus seiner Haut, und niemand sieht es dem anderen an, was er erdulden musste. Wolfi und Fritz wurden herausgerissen aus ihrer wohlbehüteten Kindheit, wurden durch ihre Erlebnisse gestählt, sie mussten durch Höllenqualen, um am Leben zu bleiben, immer wachsam sein. Doch dabei sind sie stets geblieben, was sie immer waren - ruhige und hilfsbereite Brüder, sich gegenseitig helfen und die Freiheit geniessen.
Gerade uns Abendländern ist es gegeben, Weihnachten als das Fest des Friedens und der Besinnung erleben zu dürfen. Nur der Einkaufsrummel und die enorm vielen Geschenke sind nicht der wahre Christenglauben. Gerade aus der Geschichte der zwei Wolfskinder ist zu erkennen, dass man sich an den einfachen Dingen erfreuen kann. Das Leben als solches ist schon ein Geschenk und sonst ist auf Erden alles nur geliehen.
Diese - wahre - Geschichte soll denn auch davor warnen, dass wir den Bogen nicht überspannen. Weihnachten soll Freude bringen.
* Namen geändert
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Christian Buschan, Theologe MTh
Logotherapeutischer Berater NDS HF
Bühlhofstrasse 64c
CH-8633 Wolfhausen (Schweiz)
Tel. +41(0)55 282 51 00
Leider wiederholt sich die Geschichte laufend ...