Arbeit

Längere Arbeit – spätere Rente (2)

Längere Arbeit – spätere Rente (2)

  Länger arbeiten - später in Rente gehen, das schlägt die Denkfabrik Avenir Suisse in einem neuen Buch vor. Erika W., vorzeitig „ausrangierte" Lehrerin, findet diese Forderung gar nicht witzig.
 

Wenn die Lebenserwartung steigt, muss auch das Rentenalter steigen. Sonst sei die AHV längerfristig in Gefahr. Das kann man nachlesen im Buch „Die AHV - eine Vorsorge mit Alterungsblindheit" von Katja Gentinetta, Vizedirektorin von Avenir Suisse, und von Christina Zenker. Das tönt an sich logisch, wenn nur der Arbeitsmarkt nicht wäre. Ein Arbeitsmarkt, auf welchem ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach wie vor eher schlechte Chancen haben - wir haben bereits darüber berichtet.  Ein Beispiel dafür ist Erika W. (Name geändert), welche Katja Gentinetta, der Autorin des Buches, folgenden Brief geschrieben hat:

 

„Sehr geehrte Frau Gentinetta 

Vergessen Sie doch alle Ihre Argumente und passen Sie sich endlich  der Realität an. Suchen Sie Lösungen, die für die Menschen gut sind, öffnen Sie die Augen.

Ich selber bin sehr qualifiziert, vielsprachig, auf dem neuesten  Stand der Computertechnik, teamfähig, kommunikativ, leistungsfähig, usw. Alles, was es heutzutage auf dem Arbeitsmarkt braucht. Das Leben lang in Weiterbildung, zudem gesund und fit. Kurz vor dem  Rauswurf mit A qualifiziert.

Ich habe mein Pensum reduziert, um bis 67 (wie von Ihnen verlangt)  arbeiten zu können. Zudem habe ich meine Arbeit geliebt. Dann mit 60 der Hammer. Die Dienstchefin hat das Recht, alle 60 Jährigen zu entlassen. Bravo....... Eben alle, ich bin nicht allein.

Nun bin ich depressiv, weil ich meinen Lebenssinn verloren habe und muss das Gesundheitssystem wegen Krankheit belasten. Und zu allem Elend muss ich noch anhören, ich gehöre jetzt zu den "faulen Alten", die ungerechtfertigterweise das Sozialsystem belasten.

Ich habe sämtliche Zeitungen und Politiker angeschrieben. Das war vor einem Jahr, als die Diskussion öffentlich im Gange war. Doch niemand hat mir geantwortet. Warum denn nicht???

Und ich bin ja mit meinem Elend in guter Gesellschaft. Ich kenne niemanden, der mit 60 noch arbeitet. Die Frauen werden schon ab 50 entlassen, wenn sie Glück haben frühpensioniert. Damit kann man ja auch elegant die Arbeitslosenquote senken.

Ja, Frau Gentinetta, schauen Sie mal in den Spiegel. Es ist nicht  schön, in dieser Gesellschaft alt zu werden. Vor allem nicht als Frau.

Und zum Schluss noch die übliche ketzerische Frage. Wie viele über 60-Jährige arbeiten bei Avenir Suisse (natürlich ausser dem Chef, das ist der einzige, der es sich leisten kann, 60 zu werden)?

Ja, und die Politiker, die dürfen auch auf Ihrem Sessel sitzen bleiben. Die haben im Alter sogar noch eine gewisse Attraktivität. Und sie können getrost Wasser predigen und selber Wein trinken.

Und schauen Sie sich einmal um in den Läden, Restaurants, Schaltern und zählen Sie die 60- Jährigen. Und teilen Sie mir mit, wie viele Sie gesehen haben.

Und widmen Sie sich in Zukunft der Realität und nicht der Utopie. 

Mit freundlichen Grüssen 

Erika W.

 

P.S. Und passen Sie auf, dass Sie nicht zu schnell alt  werden..........."

 

 

Die Antwort von Katja Gentinetta, Vizedirektorin bei Avenir Suisse, wollen wir Ihnen nicht vorenthalten und publizieren sie unkommentiert:

„Sehr geehrte Frau W. 

Zunächst möchte ich Ihnen mein Bedauern ausdrücken - wir sind uns sehr wohl bewusst, dass es die von Ihnen angesprochene Problematik gibt, und dass sie persönlich sehr schwer zu tragen ist. Und wir können auch gut verstehen, wenn Sie in diesem Moment das ganze System, vor allem aber unseren Vorschlag nicht verstehen. 

Dennoch bleibt auch uns wenig als darauf hinzuweisen, dass die AHV gegen dieses Problem keine Heilmittel ist. Wir haben ein weit verzweigtes Sozialversicherungssystem, von dem die AHV eines ist. Die Aufgabe der AHV ist und bleibt die Altersvorsorge, und nicht die Versicherung gegen Erwerbsausfall vor dem Pensionierungsalter. 

Eine weitere Anmerkung ist uns noch wichtig: Ein Vergleich mit anderen Ländern zeigt, dass die Arbeitsmarktpartizipation älterer Leute mit höherem Rentenalter steigt. Mit anderen Worten: Je später das offizielle Rentenalter einsetzt, desto länger arbeiten die Menschen. Wir gehen davon aus, dass dies auch in der Schweiz der Fall wäre. 

Schliesslich: In der Tat sind wir hier ein junges Team, allerdings auch ein sehr kleines (15 Vollzeitstellen) und als solches auch nicht repräsentativ. 

Ich hoffe, dass wir Ihnen mit diesen Erläuterungen dienen konnten und drücken Ihnen für Ihre persönliche Situation die Daumen. Gerne empfehlen wir Ihnen unsere Publikation. Sie ist im Buchhandel erhältlich. Eine Zusammenfassung finden Sie auf unserer Website. 

Mit den besten Grüssen

Katja Gentinetta"

  

 

 

Buch Buchhinweis: 

Die AHV - eine Vorsorge mit Alterungsblindheit

Von Katja Gentinetta (Avenir Suisse)

und Christina Zenker

NZZ  Verlag

150 Seiten, ISBN 978-3-03823-558-3
Fr. 33.-

 

Links:

 

Eine Zusammenfassung des Buches findet sich auf: 

http://www.avenir-suisse.ch/content/themen/effizienz-der-institutionen/ahv-geschichte/mainColumnParagraphs/0/document1/ahv_summary_dt.pdf 

 

Längerer Arbeit - spätere Rente (1)

 

 

Bild: 

http://www.aboutpixel.de/foto/gehoert-auf/ma%C3%A7ka/22468

 

Die Serie über Arbeitsmarkt und ältere Beschäftigte wird 2010 fortgesetzt. 

Kommentare

Bild des Benutzers Fox

Verstehe ich nicht

Interessanterweise erfahre ich immer wieder, dass ältere Arbeitnehmer abgeworben werden und man sich geradezu um sie reisst. Was ist wohl in der Geschichte falsch gelaufen? Ich weiss es nicht, und es liegt sicher nicht an der Schreibenden. Dennoch rate ich, zu kämpfen, sich seinen Platz zu erobern und zu fordern. Ich mache es genauso und sage einem jungen "Bubi oder Mädi" halt, was Sache ist. Die sind dann immer sehr erstaunt, denken nach und schliesslich hast du sie in der Tasche :) Hier hilft wieder einmal unsere Lebenserfahrung, die Tatsache, dass uns nichts mehr vom Hocker haut.
Bild des Benutzers ricky

arbeiten bis zum umfallen, da freut sich avenir suisse

@akuehner ich brauche deine Unterstützung absolut nicht, auch nicht im neuen Jahr! :p Die Antwort von Frau Gentinetta auf den Brief von Erika W. klingt immer gleich; wir bedauern das Sie usw.... Auch wenn hunderte entlassen werden, heisst es immer; wir bedauern. Natürlich der CEO hatte eine schlaflose Nacht? Das will ich Ihm nicht unterstellen aber zumindest wird zugegeben, dass bei Avenir Suisse keine über 60 Jahre angestellt ist! :zzz Professoren, Lehrer, KV-Angestellte könnten sicherlich bis 67 arbeiten wenn sie wollen. Dachdecker, Maurer und Krankenpfleger schon weniger :upset Unseren Sozialwerke können nur beim Vollbeschäftigung ihre finanziellen Verpflichtungen nachkommen. Höchste Zeit das Avenir Suiss darüber nachdenkt wie man Vollbeschäftigung erreichen kann, anstatt über das Rentenalter zu lamentieren. :cry
Bild des Benutzers Andreas Kühner

Korrektur

Sorry, ich kann den Kommentaren 1- 3, und 6 zustimmen.

Ohren können das Gute hören, Augen das Schöne sehen, wenn das Hirn dies zulässt

Bild des Benutzers Andreas Kühner

Den bereits geschriebenen Kommentaren 1-4 und 6 kann ich vollumfänglich zustimmen. Ein, zwei Gedanken möchte ich noch beitragen. Die arrogante Art der Frau Gentinetta, jemandem zu antworten, der sich in erkennbarer Weise sehr genau mit der inkriminierten Publikation auseinandergesetzt hat, zeigt mir ein Mal mehr, dass die Kurzlebigkeit unserer Gesellschaft, der notorisch gefeierte Individualismus, junge Augen verschiesst vor der Tatsache, dass die Zukunft der Jugend das Alter ist. Wie könnte sonst ein derart unanständiger Satz geschrieben werden: \"Ich hoffe, dass wir Ihnen mit diesen Erläuterungen dienen konnten und drücken Ihnen für Ihre persönliche Situation die Daumen. Gerne empfehlen wir Ihnen unsere Publikation. Sie ist im Buchhandel erhältlich. Eine Zusammenfassung finden Sie auf unserer Website.\" Zu deutsch: Lesen Sie unser Buch, dann werden Sie schweigen. Diese Respektlosigkeit gegenüber einem berufserfahrenen, gut qualifizierten, aber heute arbeitslosen Menschen, will ich nicht persönlich der Frau Gentinetta unterstellen. Sie ist aber Ausdruck einer dringenden Aufgabe für uns Ältere, die wir um das reale Leben nach der Pensionierung wissen, wahrnehmen müssen. Die jungen Leute der heutigen wertverlustigen Gesellschaft können gar nicht wissen, was sie erwartet, weil ihr Blick in die Zukunft nur bis zum nächsten Monatssalär oder Fürsorgebetrag reicht. Was soll sie ihr Alter kümmern, wenn die nächste Zukunft unsicher ist? Hier sehe ich für unsere Generation eine Wertschöpfungsaufgabe. Eine Aufgabe, die, richtig analysiert und studiert, nachhaltige Wirkung für die ganze Gesellschaft haben könnte.

Ohren können das Gute hören, Augen das Schöne sehen, wenn das Hirn dies zulässt

Bild des Benutzers isfahan

Avenir Suisse

Ja, Avenir Suisse ist der verlängerte Arm von Gross- untnehmen. Ob sie wirklich denken können? Wenn man an die wahren Denker denkt?
Bild des Benutzers erizo

Avenir Suisse ist eine Denkfabrik von Schweizer Grossunternehmen.
Bild des Benutzers ricky

arbeiten bis 68, und meine Tochter 40 hat ihre Stelle verloren!

Bernhard schrieb; "Ein heute 68jähriger kann in der Regel, sofern es sich nicht um reine Kraftarbeit handelt, noch ebenso viel leisten wie ein 48jähriger". Jetzt habe ich doch noch etwas zum lachen im alten Jahr :grin Ich dachte du wurdest aufgeklärt bernhard von einen früheren Lehrer? Nun mit alle Respekt für deine Person, du scheinst Tatsächlich mit deine Gedanken in die Zeit der franz. Revolution zu leben :cry Ich wünsche Dir und Economie-Suisse für 2010 Realitätsgefühle :grin

Ich vermute, dass wir hier im Dilemma zwischen Theorie und Praxis stecken. In der Tat spricht einiges dafür, dass die Lebensarbeitszeit verlängert werden könnte. Die Lebenserwartung ist erheblich länger als früher, die persönliche physische und psychische Leistungsfähigkeit ebenfalls. Auf der anderen Seite sind die Leistungsanforderungen an Berufstätige gewachsen, und das Risiko des frühen Ausgebranntseins ist vermutlich gestiegen. Frau Gentinetta hat zwar recht mit ihrer Aussage, dass die AHV keine Erwerbsausfallversicherung ist; faktisch kann es aber im Einzelfall auch anders aussehen. Isfahan hat in seinem Kommentar recht: Theorie und Praxis lassen sich nicht immer unter einen Hut bringen, und das kann durchaus schädlich für unsere Gesellschaft sein.
Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Zwei Weiseheiten

Länger arbeiten? – Früher in Pension geschickt? Immer zu Beginn eines neuen Saeculums werden Errungenschaften, aber auch Fehler des letzten Jahrhunderts in Frage gestellt, soll alles besser werden. An der Schwelle des 19. Jahrhunderts stand die französische Revolution, standen die Menschenrechte (und daraus wurde die Blutherrshaft und Napoleons Welteroberungsträume). Anfangs des 20. Jahrhunderts gab es die Voll-Industrialisierung, die Proletarisierung früher selbständiger, aber mausarmer Landschäftler, es gab Dada und alle neuen Bestrebungen zu einer neuen Kunst, einer neuen Kultur (aber es entstanden auch die Weltkriege, die Grossraums-Ideologien und die abscheulichsten Rassengesetze). Auch das 21. Jahrhundert beginnt mit einem Umbruch Politisch müssen wir im 21. Jahrhundert mit den Diktaturen des letzten Jahrhunderts, mit den Gefahren der Radikalisierung mehrerer Volks- und Religionsgruppen auseinandersetzen. Aber auch das Individuum soll wieder aus der Massengesellschaft heraustreten, sich emanzipieren, Eigenverantwortung tragen und die Konsequenzen eines steten Älterwerdens tragen lernen. Noch nie haben sich die Lebensumstände, die Philosophie, die Kunst, die Wirtschafts- und Gesellschaftsformen in nur einem Jahrhundert so sehr gewandelt wie im 20. Jahrhundert. Die Menschheit, von den letzten steinzeitlichen Kopfjägern bis zu den neuen Heils-, Religions- und Meinungsführern, von der Erfindung des Rades bis zu den neuen Medien Internet, Television, Radio, hat noch nie seit dem Mittelalter bis heute so sprunghafte Veränderungen durchmachen müssen wie in den letzten 50 Jahren. Sehr viele Menschen haben diese Entwicklung politisch, mental, auch auch physisch und psychisch nicht verkraftet. Und selbst wer sich all die Jahre weitergebildet hat, aktiv am Geschehen teilnahm, war in den letzten Jahren nicht gefeit, einer „Rationalisierung im Betrieb“ weichen zu müssen. Arbeitskraft war einerseits zu teuer, andererseits zu fachspezifisch geworden, als dass ein arbeitsloser Kaufmann in einem anderen Bereich, beispielsweise im Marketing, noch reelle Chancen fand, eine neue Stelle zu finden. Wir Alten sind auch noch wer Unser Jahrhundert muss hier Möglichkeiten finden, älteren Menschen, die aus dem Arbeitsprozess herausgefallen (oder hinausgeworfen worden) sind neue Existenz- und Arbeitsmöglichkeiten zuzuweisen, die vielleicht nicht mehr so gut bezahlt sind wie die früheren, aber doch die Möglichkeiten bieten, seinen eigenen Lebensstandart ohne allzu grosse Verluste beizubehalten. Andererseits werden die Menschen älter, ohne kränker zu werden. Ein heute 68jähriger kann in der Regel, sofern es sich nicht um reine Kraftarbeit handelt, noch ebenso viel leisten wie ein 48jähriger. Wir haben eine ganze Generation mit einem unendlich grossen know how, der langjährigen Berufserfahrung und meist auch Führungsqualitäten sozusagen im Ruhestand „in Reserve“. Sie überall dort einzusetzen, wo augenblicklich keine jüngeren schweizerischen Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, scheint eigentlich eine gute Lösung zu sein. Nun heisst es immer, die „Alten“ seien zu teuer für den Arbeitsprozess. Dabei fallen beispielsweise die AHV- und Renten-Beiträge des Arbeitgebers nach der Pensionierung weg, auch haben die Pensionierten in der Regel genug zum Leben, sie sind nicht mehr auf volle Gehälter (oder auch volle Arbeitszeiten) angewiesen. Industrie, Politik und die gesamte Gesellschaft sind aufgerufen, sich mit dieser veränderten Situation auseinander zu setzen. Wir älteren Leute sind auch noch wer“. Unzählige von uns leisten bereits Freiwilligenarbeit, Dienst an der Allgemeinheit, welche der Staat ohne Feiwillige und ohne finanzielle Belastung gar nicht mehr erfüllen könnte. Aber auch wir Alten selber sollten uns frühzeitig damit auseinandersetzen, was wir nach der Penionierung tun wollen. Wenn jemand wich völlig neu orientieren möchte, wenn er beispielsweise auf Reisen geht, dann soll er seinen heutigen (Alters- und Renten)-Besitzstand wahren können. Denn wir haben unsere Arbeit eigentlich bereits getan. Wir haben uns unseren Ruhestand redlich verdient. Trotzdem sind viele unter uns, und auch ich gehöre dazu, immer noch zu allen beruflichen „Schandtaten“ bereit. Arbeitsplätze für Ältere ist nicht nur eine Illusion von Avenir Suisse, auch wenn ihr Leiter Thomas Held einst ein berüchtigter Achtundsechziger war, der auch schon etwas in die Jahre gekommen ist. Arbeit für alle, die noch arbeiten wollen und arbeiten können – in Pensen und abgegolten durch Gehälter, die ihren Fähigkeiten und der verbliebenen Schaffenskraft angemessen sind, sollte die Losung sein für das 21. Jahrhundert, in welchem viel mehr Menschen ein biblisches Alter erreichen werden als je zuvor. Bernhard

Bernhard Schindler Redaktor Seniorweb alt. stv. Chefredaktor Zofinger Tagblatt

Bild des Benutzers isfahan

Rente

Es ist eine ungeheuerliche Arroganz mit der die Avenir Suisse erhöhtes Rentenalter fordert und selber nicht so handelt. Damit sind sie nicht allein. Es ist auch nicht erstaunlich, dass es unserer Wirtschaft immer schlechter geht, wenn niemand seinen Worten gemäss handelt, abgesehen davon, dass keine moralischen Werten mehr herrschen.... Mit kommt da spontan der kategorische Imperativ in den Sinn.....