Arbeit

Längere Arbeit – spätere Rente  (4)

Längere Arbeit – spätere Rente (4)

Die Gesellschaft altert, die Altersvorsorge steht in Gefahr. Soll das Rentenalter erhöht werden? Nein, Priorität hat eine bessere Integration und ein längere Beschäftigung älterer Menschen im Arbeitsprozess.
 

Seniorweb ist  bereits in drei Artikeln auf diese Problematik eingegangen. Jetzt folgen Stellungnahmen diverser Schweizerischer Organisationen. Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) findet  es sehr verdienstvoll, dass sich Seniorweb auf diesem Gebiet engagiert, allerdings renne man bei ihm offene Türen ein. „ Wir haben uns bereits 1995, also vor 15 Jahren (!), gegen den damals grassierenden «Jugendlichkeitswahn» engagiert, zuerst in Interviews in den Medien. Daraus entstand bald unter dem internen Arbeitstitel «fifty plus» ein eigentliches Kerndossier mit verschiedenen Artikeln und Beiträgen im «Schweizer Arbeitgeber», aber auch in Fremdmedien. Dabei verwiesen wir vor allem auf die Stärken älterer Mitarbeitender und die Vorteile einer auch altersmässig durchmischten Belegschaft. Eine Medienkonferenz vor einigen Jahren und die 60-seitige Sonderpublikation «Altersstrategie» waren sehr wichtige Akzente von «fifty plus», schreibt Dr. Hans Reis, Informationschef beim SAV.

 

 

 

 

Empfehlungen des SAV für eine altersgerechte Beschäftigungspolitik

 

Ausgangslage

 

•  Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen seines Alters. 

 

•  Wissenschaft und Praxis im In- und Ausland bieten neue Erkenntnisse über den Einfluss des Älterwerdens auf den Menschen an, die man nutzen kann.

 

•  Die Menschen werden bei besserer Gesundheit zunehmend älter und sind länger leistungsfähig und aktiv. Anpassungen und Neuorientierungen in der Arbeitswelt und in der Alterspolitik sind deshalb unerlässlich.

 

•  Auf Grund der demografischen Entwicklung werden die Sozialwerke einer spürbar höheren Belastung ausgesetzt werden.

 

•  Mit einer Anhebung und Flexibilisierung des Rentenalters liessen sich auch die Finanzierungsprobleme der Sozialwerke entschärfen.

 

•  Falsche Anreize und verzerrende Effekte von Gesetzgebung und Sozialversicherungen sollten eliminiert werden.

 

•  Mit dem Älterwerden nehmen die Unterschiede zwischen den Personen zu. Generell ist deshalb Flexibilität bei Einzelpersonen, Unternehmen und Gesellschaft gefordert.

 

•  Die Erwerbstätigen wollen zunehmend nicht mehr automatisch mit 65 pensioniert werden, sondern flexibel und bedürfnisgerecht aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Daher ist eine individuelle, flexible und gestaffelte Altersarbeit zu ermöglichen.

 

•  In den Firmen sind bessere Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass auch ältere Arbeitnehmende gemäss ihren individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten in ihrer aktiven Tätigkeit gefördert werden.

 

•  Bei den Arbeitnehmenden ist eine höhere Bereitschaft gefordert, flexibel auf die Veränderungen der Arbeitswelt einzugehen und aktiv Chancen und Möglichkeiten einer altersgerechten Beschäftigung zu nutzen.

 

•  Menschen jeden Alters können und sollen eine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

 

•  Bezahlte und unbezahlte Arbeit von Älteren ist für die Gesellschaft nützlich und teilweise unverzichtbar. Sie wird jedoch durch einzelne Rahmenbedingungen und durch falsch gesetzte Anreize erschwert; diese gilt es auszuräumen.

 

Erwartungen an die Politik

 

•  Im Drei-Säulen-System der Altersvorsorge ist das AHV-Normrentenalter schrittweise der Lebenserwartung anzunähern und vom effektiven Rückzug aus dem Erwerbsleben zu entkoppeln.

 

•  Bei der AHV ist ab Alter 62 der Rentenvorbezug und ab Alter 60 der Teilrentenbezug zu ermöglichen, aber nicht zu fördern.

 

•  Bei der 1. und 2. Säule ist der Rentenaufschub entsprechend zu flexibilisieren.

 

•  Der Freibetrag der Altersrentner ist aufzuheben, bei gleichzeitiger Verbesserung der Altersrenten durch die weiteren Beitragszahlungen.

 

•  In der 2. Säule sind schrittweise altersneutrale Altersgutschriften (Beiträge) einzuführen.

 

•  Bei einem Übergang auf Altersteilzeit sollen bis zum Regelrentenalter die Beiträge in der 2. Säule auf der Basis des letzten vollen Versichertenlohns geleistet werden können.

 

•  Bei Weiterarbeit über das Regelrentenalter hinaus soll es im Rahmen der geltenden Reglemente möglich sein, zur Verbesserung der Altersvorsorge weiterhin Beiträge in die 2. Säule einzubezahlen.

 

•  In der 3. Säule soll es möglich sein, bei Fortsetzung der Erwerbslaufbahn auch über das Normrentenalter hinaus zu sparen.

 

•  Die Leistungen in der Arbeitslosenversicherung sollten für Teilrentner, die das Normrentenalter noch nicht erreicht haben, überprüft werden (Stellenvermittlung, arbeitsmarktliche Massnahmen usw.).

 

•  Die Taggeld- und Rentenleistungen in der Unfallversicherung sind für freiwillig Weiterarbeitende zu überprüfen (Anpassung der Risikoleistungen für freiwillig Weiterarbeitende, Wegfall der Rentenverpflichtung bei der Berufsunfallversicherung).

 

•  Die Befreiung der freiwillig Weiterbeschäftigten von der Nichtberufsunfallversicherung ist zu prüfen.

 

 

Empfehlungen an die Arbeitgeber

 

1.  Das reglementarische Ausscheiden aus dem Berufsleben mit Erreichen des AHV-Rentenalters soll ersetzt werden durch individuell vereinbarte flexible Lösungen bis zum endgültigen Altersrücktritt. Reglemente, Verträge, Gesamtarbeitsverträge und andere Grundlagen sollen entsprechend angepasst werden.

 

2.  Die Unternehmen sollen die Altersstruktur ihrer Belegschaft kennen und in die strategische Planung einbeziehen. Die Vorgesetzten und das Personalmanagement sollen für die Thematik der älteren Mitarbeitenden sensibilisiert und geschult werden.

 

3.  Die beruflichen Qualifikationen von älteren Mitarbeitenden sollen gezielt gefördert und erhalten werden. Die besonderen Stärken älterer Arbeitnehmender wie Zuverlässigkeit, Erfahrung, Vorbildwirkung, Teamfähigkeit usw. sollen erhalten und gezielt eingesetzt werden.

 

4.  Arbeitsplätze sollen so eingerichtet werden, dass sie den sich verändernden körperlichen Voraussetzungen der Arbeitnehmenden Rechnung tragen.

 

5.  Die Unternehmen sollen eine Kultur des Lernens schaffen und unterstützen. In einer Zeit, in der die Unternehmen den Arbeitsplatz nicht mehr in allen Situationen garantieren können, ist es wichtiger geworden, die beruflichen Fähigkeiten auch in einem anderen Unternehmen einsetzen zu können. Das bedingt Weiterbildung, die auch über den reinen Bedarf am Arbeitsplatz hinausgehen kann.

 

6.  Weiterbildung soll altersunabhängig erfolgen können. Das altersgerechte Lernen soll gefördert werden, d. h. das Lernen soll dem Alter und der Lebens- und Arbeitssituation angepasst werden.

 

7.  Die Einstellungspolitik soll konsequent altersneutral gestaltet werden. Erfahrung und ausserberufliche Qualifikationen sollen mitberücksichtigt werden. Altersdurchmischung soll zu einem wesentlichen Bestandteil der Personalpolitik werden.

 

8.  Die Anstellungsbedingungen sollen konsequent altersneutral ausgestaltet werden. Falsche Anreize und Hindernisse wie Dienstalterszulagen, höhere Sozialversicherungsprämien usw. sollen vermieden werden.

 

9.  Für ältere Mitarbeitende sollen neue Arbeitsmodelle erarbeitet werden wie:

- Flexibler Altersrücktritt

- Altersteilzeit

- Staffettenmodell (stufenweises Abgeben von Aufgaben)

- Laufbahnreflexion/Sabbatical

- Weiterbildung/Umschulung für eine Karriere danach

 

10. Die Sozialpartner sollen den Anliegen der älteren Arbeitnehmenden in den Gesamt-
  arbeitsverträgen Rechnung tragen. Es wird empfohlen, die Firmen aktiv über neue
  Erkenntnisse zu informieren und den Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

 

 

Soweit die die Empfehlungen und Grundsätze des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes.

 

Dr. Hans Reis, Informationschef SAVWir haben Dr. Hans Reis, dem Informationschef des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes,  noch drei konkrete Fragen gestellt:

 

Was meinen Sie generell zum Thema „Ältere Arbeitskräfte länger im Arbeitsprozess behalten"?

 

Die Forderung ist durchaus angebracht. Wir leben nicht nur länger, sondern wir sind heute auch länger gesund. Dazu einige Fakten: Von den 1880 geborenen Frauen erlebten knapp 5 % das 90. Lebensjahr, von den 1970 geborenen Frauen schätzt man, dass 10 mal mehr, nämlich 50 % der Frauen 90 Jahre oder älter werden. Ähnlich ist die Entwicklung bei den Männern, bei generell allerdings mit etwas tieferer Lebenserwartung. Zwischen 1981 und 2003 erhöhten sich zudem die behinderungsfreien Jahre der Frauen um 5 Jahre und die der Männer um 4 Jahre. Die Gründe für all das sind vielfältig und können hier nicht im Detail erörtert werden.

 

Auf der andern Seite ist die Pensionierungsgrenze „65" fast wie in Stein gemeisselt in unseren Köpfen verankert. Und man staune: Sie stammt aus der Zeit Bismarcks. Er hat diese gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland eingeführt, wobei damals in der Schweiz nur jeder 20. Einwohner überhaupt 65 Jahre alt wurde.

 

Was unternimmt Ihre Organisation, damit mehr ArbeitnehmerInnen in der Schweiz bis zum Rentenalter beschäftigt werden?

 

Eines vorweg: Die Schweiz verfügt im internationalen Vergleich über einen sehr hohen Beschäftigungsanteil bei den älteren Erwerbstätigen. Dennoch könnte er noch höher sein. Wir haben deshalb im Rahmen von „fifty plus" in zahlreichen Artikeln und Beiträgen und damit in der Öffentlichkeit die Vorteile der altersmässigen Durchmischung der Belegschaft kommuniziert. Dabei ging es auch darum, immer wieder auf die Stärken älterer Mitarbeitender hinzuweisen, etwa die grössere Loyalität und Zuverlässigkeit, die Erfahrung, das „gewusst wie", die grössere seelische Robustheit, das Mehr an Lebenserfahrung u.a.m.

 

Inwieweit ist es möglich, in Ihrer Organisation über die Pensionierungsgrenze hinaus beschäftigt zu bleiben?

 

Grundsätzlich ist es möglich. Von unserer 13-köpfigen Belegschaft haben das in den letzten drei Jahren 2 von total 4 Pensionierten auch gemacht. Eine dritte Person plante das ebenfalls, musste sich aus familiären Gründen dann aber anders entscheiden.

 

 

Schlussbemerkung

 

So gut und klar die Strategie des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes in dieser Thematik auch ist - letzten Endes sind es die grossen und die kleinen Firmen und natürlich auch die öffentliche Verwaltung, die entscheiden, wie sie mit älteren Arbeitnehmenden umgehen und ob sie deren Potential auch wirklich nutzen wollen. Aber ich gehe davon aus, dass gerade die Sozialpartner hier einen sehr wertvollen Beitrag leisten können, indem sie immer wieder "stupfen" und ihre Mitglieder auf die gesellschaftspolitischen Dimensionen dieser Thematik hinweisen. 

 

Links

 

Schweizerischer Arbeitgeberverband (SAV) 

SAV zum Thema Arbeit und Alter 

SAV- Broschüre Altersstrategie 

 

Längere Arbeit - spätere Rente? (1) 

Längere Arbeit - spätere Rente? (2) 

Längere Arbeit - spätere Rente (3) 

 

Bilder 

Schweizerischer Arbeitgeberverband 

http://www.aboutpixel.de/foto/gehoert-auf/ma%C3%A7ka/22468
 

Die Serie über Arbeitsmarkt und ältere Beschäftigte wird fortgesetzt.

Kommentare

Bild des Benutzers erizo

Altwerden ist eine grosse Gefahr

Die Altersvorsorge steht in Gefahr. Aufmerksam verfolge ich die Berichte von Roberto Binswanger. Vieles verstehe ich was hier geschrieben steht, auch die Versuche hier einige Lösungsbeispiele vor zustellen. Doch meine Frage ist hier wohl an der falschen Stelle: Warum überbieten sich Gewinnorientierte Versicherungen ständig mit Werbung für die Altersversorgung der Bürger? Es hat den Anschein das wie bei der Krankenversicherung hier noch kräftig verdient werden kann. Wer sich privat versichert, findet bei den Versicherungen sicher einen geeigneten Partner,das Feld wo die Versicherungen tätig sind ist sicher gross genug. Was zu bedenken gibt ist der Umstand das Profit orientierte Unternehmen bei den vom Staat vorgeschriebenen Versicherungen wie Krankenkasse und 2.Säule mit mischeln und Ihre Interessen mit den Politiker durch setzen. Der Satz:Die Altersvorsorge steht in Gefahr sollte umbenannt werden in : -Altwerden ist für den Normal-Bürger eine Gefahr-
Bild des Benutzers isfahan

Der Artikel von Dr. Hans Reis vom SAV ist zeigt sämtliche Aspekte dieses Themas auf qualifizierte, gründliche Weise auf. Nur bleibt leider die Frage, wieso niemand so handelt. Ich bin mit 60 von der öffentlichen Verwaltung auf Grund meines Alters entlassen worden, trotz sehr guten Qualifikationen. Und dass ich nun fast täglich in der Presse lesen muss, ich soll bis 67 arbeiten, macht die Sache auch nicht besser. Das wäre schon fast ein Zen Rätsel. Wie kann ein Mensch, der mit 60 entlassen wird, bis 67 arbeiten??? Im Strassenverkehr wird dafür gesorgt, dass die Regeln eingehalten werden. In der Wirtschaft macht jeder, was er will. Niemand sorgt dafür, dass das, was der SAV vorschlägt, auch eingehalten wird. Es geschieht sogar, das genaue Gegenteil. Der SAV praktiziert selber die eigenen Vorschläge, haben doch 4 von 13 Angestellten das Pensionsalter erreicht. Im Gegensatz zu Avenir Suisse, die be-hauptet, mit 15 Angestellten nicht representativ zu sein, bei denen kaum jemand über 40 ist. Dafür kreieren sie für Buchtitel Wörter wie \"Alterungs-blindheit\". Diese Wortschöpfung ist ein Gräuel und steht auch in keinem Wörterbuch. Man kann sich da echt fragen, was mit \"BLIND\" gemeint ist. Da wäre ein bisschen Altersweisheit dringend gefragt. Ja, und man muss sich bei diesem Ressourcenver-schleiss von Erfahrung, Altersweisheit, Wissen und Können nicht wundern, wenn es weiter bergabwärts geht.