Gesundheit

Palliative Care / Palliative Pflege

Palliative Care / Palliative Pflege

Im Gegensatz zum begleiteten Suizid bietet sich dem todkranken Menschen in der Schweiz noch ein anderer Weg an. Nämlich der sorgsam begleitete Gang bis zum Tod, indem Schmerzen auf ein Minimum reduziert werden und die Würde ihm als Mensch gewahrt bleibt. - Eine Bestandesaufnahme.

Die WHO definiert Palliative Care wie folgt:
Lindern eines weit fortgeschrittenen, unheilbaren Leidens mit begrenzter Lebenserwartung durch ein multiprofessionelles Team - mit dem Ziel einer hohen Lebensqualität für den Patienten und seine Angehörigen und dies möglichst am Ort der Wahl des Patienten.

Krankheitsbeschwerden können so belastend sein, dass das Leben unerträglich wird. Mit Medikamenten, physikalischen Massnahmen und anderen Therapien können diese Beschwerden oft soweit gelindert werden, dass das Erleben nicht nur auf das Leiden beschränkt ist und somit wieder andere Gedanken und Tätigkeiten möglich sind. Damit kann die restliche Lebenszeit als wertvoll empfunden werden. Palliativmedizin beschränkt sich aber nicht auf die Behandlung der körperlichen Symptome, sondern nimmt auch die psychologischen, sozialen und spirituellen Probleme der Patienten und ihrer Angehörigen auf.
 

Situation in der Schweiz 2008
2008 wurde in der Schweiz eine nationale Bestandesaufnahme  zum Thema Palliativ Care / Palliative Pflege vorgenommen. Diese zeigt auf, dass die Meinung der Öffentlichkeit noch unklar ist. Die Diskussion über das Lebensende wird in der Schweiz momentan vornehmlich von der durch den Bundesrat ausgelösten Debatte um die Suizid-Beihilfe bestimmt. (Bemerkung: Bis vor kurzer Zeit gab’s diese Diskussion eigentlich kaum.  Erst seit die Sterbehilfe Organisation Dignitas in die Schlagzeilen geraten ist sah sich der Bundesrat zum Handeln veranlasst.)

Im Vergleich dazu ist die Palliative Care unspektakulär. Langsam gewinnt sie jedoch aus Gründen der soziodemografischen Entwicklung an Brisanz und Priorität.
Das Image von Palliativ Care ist als Marketing-Faktor eindeutig positiv besetzt. Sie wird als eine individuell angepasste Vorgehensweise zur Sicherstellung der Selbstbestimmung und der Würde des Menschen am Lebensende angesehen.
Wer die Suizid-Beihilfe kritisch beurteile, müsse auch Alternativen anbieten, meint kath.ch. Wer Sterbende begleite, wisse von vielen Fällen zu berichten, in denen einst Sterbewillige froh gewesen waren, dass man ihrem Wunsch nach einem raschen Ende nicht entsprochen habe – dank Palliativmedizin. So forderten auch die Kirchen immer wieder einen Ausbau der Palliativpflege.
 

Im internationalen Vergleich steht die Schweiz in Bezug auf die Angebote und Leistungen im Jahr 2008 noch schlecht da.
Das heisst, wir hinken in der Schweiz bis dato der europäischen Entwicklung hinterher.
Der ganzheitliche Ansatz von Palliative Care verlangt nämlich die Vernetzung von Spezialisten mit unterschiedlicher Wahrnehmung des Themas, schrieb die NZZ 2006. Es braucht eine sogenannte interdisziplinäre Kommunikation zwischen den verschiedensten Berufsgruppen.

Seither hat in unseren Spitälern allmählich ein Umdenken stattgefunden. Immer mehr öffnen sie sich für diese ganzheitliche Art der Pflege. Die Angebote sind jedoch aus finanziellen und politischen Gründen unterschiedlich ausgebaut.
Palliativmedizin benötigt wenig Technologie, dafür ist der personelle und zeitliche Aufwand umso grösser. Damit lasse sich aber weniger Geld verdienen als in andern Bereichen, heisst es. Ein weiteres Problem sei, dass in der Schweiz die Kantone dafür zuständig sind. Palliativmedizin lässt sich also nicht so einfach gesamtschweizerisch einführen. So kommt es, dass die Schweiz dem Ausland hinterher hinkt. Am weitesten fortgeschritten ist da die Westschweiz u.a. mit ihren 2002 eingerichteten Lehrstühlen für Palliativmedizin in Lausanne und Genf.

Im August 2008 ist die nationale Gesundheitsplattform „Dialog“ als Zusammenkunft der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK mit dem Bundesamt für Gesundheit BAG aktiv geworden: Unter der Leitung von – damals noch Bundesrat – Pascal Couchepin, wurde ein nationales Fördergremium für Palliative Care eingerichtet. Das Hauptziel der Nationalen Strategie Palliative Care ist folgendes:


Dieses Ziel wird in den Jahren 2010-2012 weiter verfolgt.
 

„Bund und Kantone verankern Palliative Care gemeinsam mit den wichtigsten Akteuren im Gesundheitswesen und in anderen Bereichen. Alle schwerkranken und sterbenden Menschen in der Schweiz erhalten damit ihrer Situation angepasste Palliative Care und ihre Lebensqualität wird verbessert.“

 

Warum soll Palliative Care in der Schweiz gefördert werden?
In der Schweiz werden immer mehr Menschen alt und älter, sehen sich mit einer oder gleichzeitig mehreren Krankheiten konfrontiert, leiden an unerträglichen Schmerzen und anderen Beschwerden sowie physischen und/oder seelischen Problemen. Diese können bis dato leider noch nicht genügend gelindert werden.

 

Einerseits weisen die Kirchen, dem Leiden einen besonderen Wert zu, andererseits wird die Freiheit des Einzelnen in Würde zu sterben, noch lange nicht überall beachtet.

Schwerkranke Menschen benötigen in zunehmendem Ausmass und oft über längere Zeit umfassende medizinische und pflegerische Betreuung, schreibt der Bund in seiner Zielsetzung. Gesundheitspolitische Modelle wie Palliative Care sind also notwendig und gefordert.

Ein Palliativzentrum mit Pioniercharakter entstand früh in St. Gallen. Dieses arbeitet gemäss der eigenen Homepage interdisziplinär und nach einem bio-psychosozialen Konzept. Die Rede ist von einem Paradigmenwechsel von der biomechanischen zur psychosozialen Medizin und Pflege. Das Team nutzt zugleich ärztliches, pflegerisches, psychologisches, körpertherapeutisches, sozialarbeiterisches und seelsorgerisches Wissen.

In einigen andern Spitälern wird auf den jeweiligen Stationen Palliativmedizin betrieben. Es gibt auch Netzwerke aus Spitex, Hausärzten, Kirchlichen Diensten, Hospizvereinen und Fachleuten, welche Palliativpflege zu Hause anbieten.

In Zürich kann man sich an die Fachstelle Palliative Care oder das nächste Spitex-Zentrum wenden. Die Kosten können über die Krankenkasse abgerechnet werden, eine Spitex-Verordnung des jeweiligen Hausarztes ist dafür notwendig.
Das Diakoniewerk Bethanien hat mit dem Pallivita Bethanien am Zürichberg einen Ort geschaffen, der Sterben in Würde und Ruhe ermöglicht.(Die Liste für weitere Adressen bleibt unvollständig.)
 

Aus der Geschichte der Palliative Care
Schon im Mittelalter waren in ganz Europa Hospize zu finden, wo Pilger, Arme, Kranke und Sterbende Leib- und Seelsorge bekamen.

1967 begann die Hospizbewegung und ein erstes modernes Hospiz: St. Christopher’s Hospice in London wurde gegründet. Dame Cicely Saunders, MD., ist als Gründerin genannt.

Darüber hinaus hat auch Elisabeth Kübler-Ross mit ihrem Buch „Interview mit Sterbenden“, viel zur Idee der Palliative Care beigetragen,

1970 wird in Genf die Ecole du Bon Secours eröffnet, initiiert von der Krankenschwester Rosette Poletti.

1975 kam die Affäre Hämmerli in Zürich an die Öffentlichkeit und damit das Thema Sterbehilfe.

1979 erste Umsetzung des Gedankens im Centre des Soins Continus in Collonge – Bellerive, GE

1988 eröffnet die Fondation Rive Neuve, ihr erstes eigenes Hospiz in der Schweiz.

Im selben Jahr wird die Schweizerische Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung (SGPMP) ins Leben gerufen. Es folgte die Gründung der Europäischen Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung (EAPC).

1990 definiert die Weltgesundheitsorganisation WHO Palliative Care.

Im selben Jahr ruft der Kanton Tessin ein Hauspflegeprogramm ins Leben.

1991 findet die Eröffnung der Palliativstation im Kantonsspital in St. Gallen statt.

2000 findet die Gründung von Palliative Care – Netzwerk Zürich statt. Und der Gedanke wird weiter getragen, neue Kantone schliessen sich an, der Tag der Kranken steht unter dem Motto „Wenn die Tage gezählt sind“, eine Fachzeitschrift wird gegründet usw.
 

Und so geht die Geschichte weiter und weiter und langsam kommt ein Umdenken zustande, das dem Wissen und Empfinden unserer Zeit mit neuen pflegerischen/therapeutischen  Möglichkeiten gerecht wird. Die Palliative Care Bewegung ist also ins Rollen gekommen und wird von immer mehr Menschen geschätzt und beansprucht. Wie viel schöner als in ein kaltes gekacheltes Badezimmer im Spital zum Sterben abgeschoben zu werden, ist es doch, die letzten Monate und Wochen zu Hause oder in einem dafür bestimmten „Lighthouse“ verbringen zu dürfen. Dass diese Möglichkeit jedem offen stehe ist das Ziel der Bestrebungen. Hoffen wir, dass unsere Politiker an der Sache dran bleiben und die Medien deren Bemühungen unterstützen.

Zum Schluss noch eine Bemerkung: Es sollte darauf verzichtet werden, die Palliativ Medizin gegen die Suizidhilfe auszuspielen. Beide Wege sind in der Schweiz gangbar. Es ist heute dem freien Willen jedes Einzelnen anheim gestellt wie er zu sterben wünscht, ob er nun die Sicht der Kirchen übernehmen oder von seinem freien Wille Gebrauch machen will.

Links zum Thema:

http://de.wikipedia.org/wiki/Palliativmedizin

http://www.palliativ-sg.ch/  *

*(Sollte der Link nicht funktionieren, bitte kopieren und im Adressfeld eingeben.)

Ihre Gedanken zum Thema können Sie mit andern im Gesundheitsforum teilen.

(Bild: rsu, geschützt)

 

Kommentare

Bild des Benutzers millie

Paliative Medizin im Kanton Luzern

Da ich seit einigen Jahren eine Patientenverfügung habe, möchte ich gerne wissen, wie weit die Paliative Medizin im Kanton Luzern schon fortgeschritten ist, und ob meine Verfügung auch anerkannt wird. Besten Dank für Ihre Antwort Margrith von Ah