Leben

Der kleine Junge mit den Zündhölzern

Der kleine Junge mit den Zündhölzern

Heute Morgen las ich mit grosser Betroffenheit in unserer Tageszeitung von dem kleinen Jungen, der in Istanbul fast zu Tode geprügelt worden ist, weil er im falschen Revier Papiertaschentücher verkaufen wollte. Da wurde meine Erinnerung an einen  kleinen Jungen in Istanbul wieder wach.

Ich war auf einem Bazar in der Nähe der Galatabrücke.  Ein kleiner Junge, ich schätzte ihn auf fünf Jahre, verkaufte Streichhölzer, während er gleichzeitig sein klei­nes Schwesterchen hütete, das jünger war und auf unsicheren Beinchen herum­rannte. Als es auf die sehr stark befahrene Autostrasse zusteuerte, blieb mir fast das Herz stehen und ich lief ihm nach, um es zu seinem Bruder zurückzubringen. Ich wollte dem Jungen erklären, dass es gefährlich sei, wenn das kleine Kind auf die Strasse rennen würde, aber er verstand mich nicht, und das lag nicht an der Sprache. Er konnte meine Aufregung nicht verstehen. Für ihn war die Welt an diesem Morgen in Ordnung. Er hatte schon viel verkaufen können, denn es waren mehrere Ausflugs­busse angekommen und das kleine Schwesterchen? Das  rannte doch  immer auf dem Markt herum. Was wollte diese aufgeregte fremde Frau von ihm? Und da lief das Kleine auch schon wieder los und ich hinterher.  Das schien ihm sehr zu gefallen, es sah das wohl als Spiel, an dem die Kinder überall auf der Welt Freude haben, weglau­fen und wieder eingefangen werden. Das hatte ich natürlich nicht gewollt. Und nun drängte mein Mann zum Weitergehen, er befürchtete, ich könnte in Verdacht kommen, das Kind zu entführen. Hier konnte ich nichts ausrichten, nichts ändern, es war einfach so, wie es war. Wir kauften dem Jungen noch Zündhölzer ab und gingen.  

„Wieso reist du überhaupt in solche Länder?“, fragte mich eine Freundin später, als ich ihr diese Geschichte erzählte.

Ja, wieso hatte ich diese Reise gemacht? Wieso reist man überhaupt? Um fremde Länder und ihre Menschen kennen zu lernen. Natürlich sieht man manches, das ei­nem nicht gefällt, das man nicht verstehen kann, oder das nicht gefällt, weil man es nicht versteht. Aber überheblich sollten wir trotzdem nicht sein, auch bei uns gibt es manches, das nicht schön ist, das wir nicht gerne sehen. Und leider werden auch bei uns Kinder und Jugendliche niedergeschlagen - von Kindern und Jugendlichen.

 

Kommentare

Bild des Benutzers rita amalin surber

istanbul

Um ein land, eine gesellschaft zu verstehen , sagte mir einst ein junger algerischer journalist und lehrer, musst du in diesem leben oder du musst es besuchen, immer wieder. ich füge bei, die kultur muss dich so faszinieren, dass du alles zu lesen versuchst was es an literatur darüber gibt.
Bild des Benutzers Brigitte Poltera

um zu verstehen

Die Frage "Warum reist du eigentlich in solche Länder?" wird mir auch gestellt, von Bekannten und von meinen nächsten Familienangehörigen. Manchmal betrifft das Auffällige eine sozialen Lage, dann wieder die Ausübung und Abhängigkeit von Religionen. Mit den Bildern, die ich mitheimnehme, verstehe ich die politische Situation im Ferienland, die Nachrichten und die Zeitungsberichte, die ich später lese, viel besser. Es ist wohl richtig, hin und wieder über unsere Landesgrenzen hinaus zu blicken. Und dann noch bezüglich Kinder: Unsere Enkel schützen ihr Köpfe heute mit Helmen sobald sie einigermassen laufen können, und im Auto dürfen sie bis 12 Jahre nur noch mit adequaten Sicherheitsgurten mitgeführt werden - das verhindert aber nicht die Misshandlungen, welchen unsere Kinder in den Familien ausgesetzt sind, weil die Erwachsneen keine Nerven haben, die Kleinen so zu ertragen wie sie sind, Kinder - eben. Wer sich ohne Schuld fühlt, der werfe den ersten Stein ...