Gesellschaft

Der Anfang (Meine erste Schulstunde am Gymnasium Zürichberg)

Eine Erinnerung an die Schulzeit von Werner Sieg, 66, pensionierte Gymnasiallehrer. Ein Beispieltext zum Projekt Generationentreff "Meine Schulzeit".

Ich besuchte als Gymnasiast in den ersten zwei Jahren das Gymnasium Zürichberg, die Schule, die Elias Canetti in seiner Autobiografie ‚Die gerettete Zunge' beschrieben und in den höchsten Tönen gelobt hat. Es war damals eine reine Männer- und Knabenschule, selbst Lehrerinnen waren eine Rarität.

Ich erinnere mich an meine erste Stunde an dieser Schule im Frühjahr 1957, wie wenn es gestern gewesen wäre.

Die Räume sind hoch, dunkel, alt, verstaubt. Ich suche das Zimmer der Klasse 1e, in die ich eingeteilt wurde. Als ich den Raum endlich gefunden habe und eintrete, befinden sich darin bereits ca. 30 Knaben, die mich anstarren - aufgereiht in Doppelbänken. Nur in der vordersten Reihe in der Mitte ist ein Platz frei. Ich setze mich rasch. Neben mir sitzt ein Junge, den ich aus meiner Schule in Albisrieden kenne. Er ist blond, heisst Toni Heinemann. Er kam erst vor etwa einem halben Jahr aus der Innerschweiz zu uns. Seine Eltern sollen geschieden sein. Man munkelt, seine Mutter sei deshalb in die Stadt gekommen, er lebe jetzt allein mit ihr. Ich weiss aber nichts Genaues, es interessiert mich auch nicht. Ich bin froh, zufällig neben dem einzigen Jungen sitzen zu können, den ich ein wenig kenne.

Ein Lehrer, uralt und tatterig, betritt den Raum. Er schreibt seinen Namen an die Tafel und setzt sich hinter das leicht erhöhte Lehrerpult. Dann zieht er ein weisses Heft hervor und sagt: „Ihr seid die Klasse 1e. Wer nicht dazu gehört, soll gehen." Alles schweigt, niemand geht. Er schaut mich, der gerade vor ihm sitzt, an und befiehlt: „Steh' auf und sage deinen Namen!" Ich gehorche. „Werner Sieg." Er schaut lange in sein weisses Büchlein und verkündet dann:  „Du bist am falschen Ort, es gibt keinen mit deinem Namen in  der Klasse 1e. Geh' dorthin, wo du hingehörst!" Ich widerspreche zögernd, leise und kleinlaut, ziehe den Brief hervor, in dem meinen Eltern meine Zuteilung ins 1e mitgeteilt wurde. Aber der Lehrer scheint mich nicht mehr zu sehen und zu hören. Er lässt mich in der Bank stehen und wendet seinen Kopf zu meinem Nachbarn. „Wie heisst du?" Mein Kollege antwortet eingeschüchtert: „Toni". „Steh' auf, man steht hier auf und ich will deinen Nachnamen wissen, nicht den Vornamen." „Toni Heinemann". Der Lehrer sucht und sucht in seinem Büchlein. „Nein, auch einen Heinemann gibt es hier nicht. Ihr gehört beide nicht hierher."

Jetzt wird er ungeduldig, fragt weiter. „So, ich nehme jetzt eine andere Reihe dran." Und siehe - plötzlich findet er die Namen. Den Schüler Lutz gibt es im weissen Büchlein, die Namen Winkler, Wettstein, Thomas, von Albertini („mit ‚von' oder ohne ‚von'?"), Eschle, Heusser, Weiss, Bonin. Er kehrt zu uns zwei zurück. „Alle sind am richtigen Ort, nur ihr zwei nicht!" Ich sage: „Ich heisse ‚Sieg' mit ‚ie', nicht etwa ‚Sigg' mit ‚gg'." Er nimmt sich die Mühe, schaut noch einmal in sein Büchlein mit der Liste der Schüler. Und jetzt endlich findet er mich. „Ah ja, da bist du ja. Da steht ja Sieg, Werner. Sieg mit ‚ie'. Wieso hast du das nicht gleich gesagt?" Damit ist sein Interesse an mir erloschen.

Nun wendet er sich erneut meinem Nachbarn zu. „Wie heisst du? Heinemann, Toni Heinemann? Dich gibt es nicht in dieser Klasse. Du bist hier falsch. Geh' aus dem Zimmer!" Mein Banknachbar nimmt seine Mappe, will schon das Zimmer verlassen, zögert, bleibt vor dem Lehrerpult stehen, sieht zum Lehrer hin und wagt es dann wirklich, doch noch etwas zu sagen. „Äh, Entschuldigung!" Der kleine, schlanke Junge mit den ein wenig zu langen Haaren steht allein vor uns, eingeschüchtert, zerknirscht, ein Häufchen Elend. Er nimmt allen Mut zusammen und fragt: „Gibt es vielleicht in dieser Liste einen Toni Wippel? Einen Wippel, Toni?" Der Klassenlehrer blickt böse über sein Büchlein auf den Knaben und meint dann: „Ja, den gibt es an sich, aber der scheint heute zu fehlen. Er ist abwesend." Darauf sagt Toni: „Der bin ich. Meine Mutter heisst Wippel. Sie ist geschieden. Jetzt heisse ich eben auch wie sie, Wippel. Vorher hiess ich Heinemann. In der alten Schule hiess ich noch Heinemann." Der Lehrer schaut den Jungen lange an, von oben nach unten. Dann scheint er zu verstehen und bemerkt abschliessend, scharf: „Erzähl' hier keine Geschichten! Setz dich! Wir verlieren wegen dir nur Zeit. Einen, der nicht einmal seinen Namen weiss, einen solchen hatten wir an unserer Schule noch nie."

Danach schwindet meine Erinnerung. Ich weiss noch, dass von nun an jeder Lehrer, der neu in die Klasse kam, den Schüler Toni Wippel bereits zu kennen schien. Der Mathematiklehrer kam ins Zimmer und fragte barsch: „ Wer ist hier der Schüler, der nicht weiss, wie er heisst?" Als sich Toni zögernd meldete, meinte er trocken: „Also du, du bist der Heinemann."

Dass Toni an unserer Schule nicht bleiben konnte, versteht sich von selbst. Eines Tages, mitten in der Probezeit, verschwand er aus meinem Leben - aber nicht aus meinen Träumen.

Denn diese Erinnerung an ihn und an meine erste Schulstunde als Gymnasiast sucht mich in unregelmässigen Abständen als Alptraum heim.

Zum Projekt "Meine Schulzeit" - Generationen erinnern sich