Auch der Verwalter wusste das, nur sagte es dieser so: – und das mit der Bestimmtheit eines Vorgesetzten und den Worten eines aktiven Politikers – „Wissen Sie Jakob“, sagte er: „Erfolg basiert auf Führungskraft und delegieren können.“ Wer hätte da noch widersprochen? Nicht einmal der Herr Gutsbesitzer, den Jakob immer mehr als einer der Herren mit den „von“ und „zu“ vor ihren Namen betrachten musste. Von selbigen sagte Hitler einmal, sie seien seine Feinde. Nicht für Jakob! Nein, nein, der Herr war für ihn einfach ein Übermensch, meistens sehr höflich, distanziert zwar, aber korrekt. Niemals hätte er die Arbeit unterbrochen. Er schien ein Flair zu haben, nicht zu stören; tat es aber trotzdem – in der Freizeit, über Mittag, oder nach Feierabend.
Trotzdem entstand im Laufe der Zeit sogar eine gewisse Vertrautheit. Dafür bezeichnend: Jakob wurde mehr und mehr mit seinem Vornamen angesprochen und – unter Umgehung des Verwalters und Vorgesetzten – als Direktzugang zu der niederen Befehlsebene im operativen Bereich benutzt. Das respektlose: „Junger Mann“ erinnerte jedes Mal an den mindestens sechzig jährigen Altersunterschied. Mehr noch: es tönte als wäre der Unterschied das Dreifache und beinhalte den gesamten Unterschied von Erfahrung und Nichtwissen überhaupt. Immerhin gelang es Jakob öfters der Erfahrung aus seinem „Nichtwissen“ einen Zusatz anzuhängen. Etwa dann, wenn der Herr Gutsbesitzer befand, die Schweine würden einfach zu früh, zu leichtgewichtig verkauft. Früher hätten Schlachtschweine drei Zentner auf die Waage gebracht: und heute? Gestern habe ihm Angelo, der Schweinehirt, die Boxe mit den Schlachtreifen gezeigt: „Die sind doch noch gar nicht ausgemästet!“ Nur zu gut war hier die Angst und Hilflosigkeit, auch Misstrauen des Gutsbesitzers, sichtbar. „Erfolg-haben“ und „Delegieren-können!“ Da gehört auch Vertrauen dazu. Der alte Mann sah „sein Gut“ in fremden Händen. Weil sein Gut, sein Besitz „und seit meiner Pensions-Zeit“, wie er immer betonte – und die er sich erst kürzlich selber verordnet hatte – auch seine Aufgabe sei, ist es für ihn zur Pflicht geworden die Rolle der Oberaufsicht auszuüben. „Seit der Alte nichts Anderes mehr zu tun hat, ist hier der Teufel los“, hat Jakob vom Käser, der: „meiner Lebtags hier gekäst hat“, vernommen. „Vorher, ja früher, als der Alte nur an Festtagen auftauchte, da ist es immer gegangen, einmal besser, einmal schlechter, aber immer gegangen“.
Solchermassen mit Wissen ausgestattet wurde die Bekanntschaft mit dem „Alten“ interessant, fast Herausforderung. Hier konnte Jakob sehen, miterleben, wie es sich lebt als Krösus, als reicher Mann mit Macht und Geld. Der „Alte“ hatte erreicht, was der „Junge Mann“ erreichen wollte. So gesehen bekamen die weissen Haare, der immer fragende Mund mit den ausgesuchten Redensarten, Anerkennung und sogar Respekt. Hier fand Jakob ein lebendes Lexikon, da wollte er keine Seite überspringen. Gewisse Seiten trugen die Überschrift „Angst“. Dort sah man wie Angst zu Misstrauen und Misstrauen zu Verdacht, Verdacht zu Unruhe, Unruhe zu falschen Taten, diese schliesslich zu Reue und selbige, in Zeiten grosser Verlassenheit, dem „Jungen Mann,“ – als temporärer Vertrauter ernannt – im gemeinsamen Alleinsein, offenbart wurde.
Jakob war viel zu autoritäts- und gutgläubig, naiv sicher auch, um jemals zu widersprechen. Er versuchte nur klarzustellen, was nach seinem Wissensstand angemessen und richtig wäre. „Die Schweine“, versuchte er zu erklären, „früher ein Jahr lang gemästet, also doppelt so lange gefüttert, waren zu fett. Schliesslich gelangte ein Drittel des Schlachtkörpers in Abfall- und Nebenprodukte, weil das Schwein, einmal ausgewachsen, nur noch Fett ansetzt das heutzutage wertlos geworden ist. Der Anteil Erhaltungsfutter gegenüber Produktionsfutter nimmt bei dieser langen Mastzeit zu. Schlimmer noch: in der letzten Mastperiode wird nur noch „Abfall“ produziert: „Angelo“ will mit dem Schweinefutter Fleisch produzieren. Der Schweinestall ist kein Zoo!“ sagte er – und es wirkte! Von da ab mutierte der „Junge Mann“ definitiv zu „Jakob“, während der „Alte“ nur in seiner allernächsten Nähe als Herr mit Namen angesprochen wurde.
Dann kam jener Sommertag. Die anhaltende Schönwetterlage liess schon eine Trockenheit befürchten. Entlang der Hocheinfahrt, zur alten Klosterscheune, wo täglich mehrere Fuder Heu eingeführt wurden, reiften wilde Erdbeeren zu Hauf. Das Tagwerk endete mit geladenen Fudern und begann mit Abladen am anderen Morgen, währendem Jakob schon wieder Gras für einen neuen Heuertag mähte. Die Tage waren organisiert, Jakob hatte eben gut delegiert.
Da passierte es: Mario kam quer über Feld und Gemähtes zu ihm gerannt. Ein sicheres Zeichen für Ausserordentliches. Solches wurde noch hochpotenziert, weil die Meldung darüber in fremder Sprache erfolgte und nur Dieb und Diebstahl und natürlich das allen bekannte, verständliche: „Der Alte“ erkennen liess. Mario war untröstlich, Erste-Hilfe-Versuche vergebens. Enttäuscht, mit gesenktem Kopf trottete er wieder dem Klosterhof, der Hocheinfahrt mit den wilden Erdbeeren und den noch abzuladenden Heufudern zu. Jakob hatte nur lachend zu verstehen gegeben: er werde mit dem „Grande vecchio Seniore parlare“. „Misere mia“, klagte Mario. Aber es war halt Heuet und Heuwetter und nichts wichtiger. Heuernte beginnt mit mähen, Jakob war am Mähen! Auch die Mittagszeit musste sich diesem Diktat fügen. Heuen ist noch wichtiger als Essen, das Wichtigste – ausser dem „Alten“!
Da stand er, ungeduldig wartend seinem Adjutanten die Weisungen, betreffend Übergriffe auf sein Eigentum bekannt zu machen. Mit den Knechten brauche er nicht zu reden; „die versteht sowieso keiner!“ Er kann delegieren und seine Klage mit ausgesuchten Worten zur Anklage und schliesslich zum Urteil führen. Von Strafe wolle er diesmal noch absehen; aber betreffend Vollzug seines Urteils zähle er auf Jakob. Dieser getraute sich den Vorfall zu bagatellisieren, da wurde er sofort wieder zum „Jungen Mann“. Als solcher wäre es höchste Zeit, den Unterschied von „Mein und Dein“ zu kennen. Da wären nämlich die Attribute „wenig und viel“ überhaupt nicht am Platz.
Die „Knechtschaft“ wusste, dass Jakob ihr Verteidiger sein würde – er hatte doch der Versuchung auch nicht widerstehen können! Aber der „Alte“ war molto, molto rabiate. Und das wegen den wilden Erdbeeren bei der Hocheinfahrt. Selbige hole er immer selber; eine Handvoll jeden Tag – zum Dessert, schon der Duft in der Küche: Sommer und Natur pur!
Jakob, pflichtbewusst, musste das Urteil vollstrecken: „Ab sofort keine Erdbeeren mehr pflücken.“ Knechte dürfen eben nicht alles. Er hätte gerne eine Ausnahme gestattet. Im jungen Mann regte sich Wut und noch mehr. Darum sah er nicht hin, machte es selber auch und schämte sich erst hinterher: Urinieren auf wilde Beeren, weil man sie nicht pflücken darf, dabei noch ein, zwei Schritte vorwärts pissen: Pfui! Der Neid der Besitzlosen, oder die Wut der Schwachen.
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Nicht so ganz die feine Art, aber ...
Osez l’autre dans sa différence !
(Philippe Pozzo di Borgo)