Bildung

Die Grenzen meiner Nachsicht

Die Grenzen meiner Nachsicht

„Im Allgemeinen versteht man unter Erziehung soziales Handeln, …die bestimmten, vorher fest gelegten Erziehungszielen entsprechen ... Die Ziele der Erziehung (sind) nach heutigem Verständnis individueller Kompetenzzuwachs, differenziertere Handlungsfähigkeit, letztlich Mündigkeit, Selbstbestimmtheit und Emanzipation.“

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Erziehung - wikipedia sei für diese Auskunft gedankt.

Leider fehlt in dem besagten Artikel der Hinweis auf Sigmund Freud und seinem Lehrsatz von den drei „unmöglichen Berufen“: Erziehen. Heilen. Regieren.

Geht man einmal davon aus, dass Freud mit dem Wort „unmöglich“ nicht etwa die dazu gehörenden Berufe abwerten wollte, so wäre die andere Möglichkeit, anzunehmen, dass Freud damit zum Ausdruck bringen wollte, dass die Anforderungen an diese Berufe so wahnsinnig hoch seien, dass man „unmöglich“ den Erwartungen gerecht werden könne. 

   „Eines wissen alle Eltern auf der Welt: wie die Kinder anderer Leute

   erzogen werden sollen“ (Alice Miller).

Es soll Wissenschaftler geben, die die Meinung vertreten, mit der Kindererziehung könne man nicht früh genug anfangen. Am besten schon gleich, nachdem die befruchtete Eizelle sich zu teilen begonnen hat. Eltern könnten so bereits im Mutterleib die Entwicklung ihres Kindes fördern.

Ein US-amerikanisches Unternehmen bietet Geräte zum Kauf an, die mit Hilfe spezieller Klänge, Lauten und Geräuschen ein so genanntes pränatales Lernen –angeblich- bewirken. Man könne damit die Sprach-, Musik- und Kreativitätsfähigkeit des Babys wesentlich erhöhen.  Aha!

Ich kenne nur Eltern, die zwar nicht dem Fötus, sondern erst ‚später’ ihrem Neugeborenen morgens Bach und abends Brahms vorspielen. Marie-Antoinette, kaum drei Jahre alt, besucht den Ballettunterricht; Leon hat zu seinem 4. Geburtstag einen Gutschein für einen „kostenfreien professionellen Golfunterricht“ geschenkt bekommen. Und zu Ann-Charlene, ebenfalls 4 Jahre alt,  „früh- und ausgesprochen hochbegabt“, kommt zweimal in der Woche eine Germanistikstudentin aus Japan.

  „Eltern sind primär für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich und haben das

  Recht auf Respektierung ihrer individuellen Lebensgestaltung.“

   (Konzept <Früherziehungsdienst> des Kantons Bern)

Nun gibt es auch Eltern, die ihre Kinder im Alter zwischen 0 bis 6 Jahren in den Gottesdienst einer Kirche mitnehmen. Sicher aus unterschiedlichen Gründen. Vielleicht  weil sie der Meinung sind, auch kleine Kinder haben ein Recht auf Religion, um für ihr weiteres Leben Wurzeln bilden und Orientierung finden können. Vielleicht auch, „weil religiöse Früherziehung für unsere Kinder wie ein roter Faden der Orientierungshilfe in einer immer komplexeren Welt ist“ (Leiterin eines ev. Kindergartens). Vielleicht auch warum auch immer …

  „ Man könnt’ erzogene Kinder gebären, wenn die Eltern erzogen wären.“ (Goethe)

Manche Eltern, die ihre kleinen Kinder mit in den Gottesdienst bringen, sollte man mit einem Reisigbündel stäupen. Dieses andauernde Gerutsche, Gewinsel, Gequengel und Gestöhne ihrer Kinder! Auf der Kirchenbank, auf Muttis Schoss, auf dem Fussboden, dann wieder zurück. Hin und her, rauf und runter. Und dazwischen immer wieder die eine Frage: „Wann gehen wir denn endlich?“ Ein „Psst“ der Mutti, ein kraftvolles Festhalten des Vaters, ein Zeigefinger vor dem Mund. Hin und her, rüber und hinüber. Etwa in dieser Reihenfolge. Hundertmal und noch mehr.  

Eine ältere Frau stupst dem Kind von hinten leicht auf die Schulter. Es dreht sich um: „Bääh! Bääh!“ Es streckt die Zunge raus. Es zeigt ihr den Mittelfinger. Einige Gottesdienstbesucher, die dies mit ansehen, schütteln den Kopf, andere lachen leise vor sich hin. Und alles wiederholt sich vielmals. Bis nach dem Postludium der Orgel sind Vater und Mutter damit beschäftigt, ihr Kind zu besänftigen.

Unmöglich, in Ruhe der Predigt zu folgen, zu meditieren, zu beten. Eine Pein nicht nur für die Erwachsenen, - sondern auch für das Kind.

 PS:

 Schon gut. Ich weiss ja: „Kinder müssen mit Erwachsenen sehr viel Nachsicht haben.“   (de Saint-Exupéry)

 

Kommentare

Bild des Benutzers tama

Das Geheimnis der Erziehung

Ich habe an einer kirchlichen Trauung folgende Empfehlung des Pfarrers an das frisch vermählte Ehepaar in Erinnerung: "Ihr könnt Eure Kinder erziehen wie Ihr wollt, sie machen es Euch doch nach". Das entspricht in etwa dem Spruch "wie die Alten sungen zwitschern auch die Jungen".

Tama

Bild des Benutzers Christine Kaiser

Da hilft kein Philosophieren und kein Freud. Vielleicht sollten wir, die Grosselterngeneration, uns selbst einmal fragen, wieso wir Kinder grossgezogen haben, die heute ihre eigenen Kinder nicht mehr erziehen. Dass kleine Kinder bei öffentlichen Anlässen nicht stören müssen, beweisen Musikerkinder, die von klein auf gewohnt sind, ruhig zu sitzen und den Mund zu halten, wenn öffentlich musiziert wird.
Bild des Benutzers Brigitte Poltera

Hüten oder erziehen? Das ist hier die Frage!

Lieber Dieter Schupp, hier vermixest die zwei Anliegen Kindererziehung und Kinderhütedienst. Bezüglich Kirchenbesuch liegt das Problem wohl eher beim zweiten. Die heute wohl wenigen Eltern, welche die Kirche regelmässig und dann noch zusammen mit ihren Kindern besuchen, habe wohl ein Hüteproblem, d.h. sie wollen ihre Kinder in dieser Zeit nicht einfach irgendwo einstellen, auch nicht im heute oft angebotenen offiziellen Kinderhütedienst (was ich verstehe). Da gibt es nur eines: Einer von beiden Elternteilen bleibt eben mit den Kindern zu Hause - mit Erziehung hat das meiner Meinung nach wenig zu tun. Ich habe allerdings beobachtet, dass bei uns die Taufgottesdienste eine Aufwertung erfahren haben: Da gibt es ein grosses Familien- und Freundeshappening mit Kindern und Erwachsenen (insbesondere wenn ein Elternteil aus Spanien oder Südamerika stammt)- das finde ich schön. Zu meiner Verwunderung waren meine Söhne und Töchter als Freunde der Familien auch schon an solche Tauffeste eingeladen. Und hier können meiner Meinung nach auch einzelne Kinder ein wenig quengeln, ohne dass das gross stört.