Er findet das eine Riesenfrechheit.
Albert sieht das gemässigter, er ist mit Computern vertraut und beschliesst, sich dieses neue Check-in am nächsten Tag genauer anzusehen. Genügend Zeit hat er, denn er ist EAR. Was, Sie wissen nicht, was das ist? EAR heisst Entlassung aus Reorganisationsgründen. Dass Sie das nicht wissen, tz, tz, tz.
Und so steht er am nächsten Morgen in der Abfertigungshalle des Flughafens und beobachtet die Reisenden. Und da kommt auch schon das beste Anschauungsobjekt, eine fünfköpfige Familie.
Der Vater sucht vergeblich die Eingabetasten, und sein Sohn erklärt ihm, dass das mit Touch-Screen funktioniert.
„Datschwasfüreinscheiss“ fragt der Vater und die Mutter sagt, er solle doch nicht so wüst reden und den Jungen machen lassen, der verstünde was von Computern.
„Gar nichts versteht der“, meint die Schwester, „der kennt nur seine blöden Spiele“. Und dann erklärt sie dem Baby, das die Mutter auf dem Arm hat, dass sie seinen Nuggi nicht mehr aufheben wird, wenn es ihn wieder runter wirft. Und das Baby schmeisst ihn wieder runter, die grosse Schwester hebt ihn nicht mehr auf, da fängt die Kleine an zu schreien. Der Vater sagt genervt, dass er das nun wirklich nicht auch noch braucht. Sie kommen aber schliesslich doch noch weiter mit dem Self-Check-in bis zur Identifikation, wo sie sich nicht einigen können. Der Junge sagt, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, was der Vater nicht glaubt und da bricht der Computer ab.
Sie versuchen es erneut, kommen dieses Mal bis zu den Gepäckstücken, aber da können sie sich nicht einigen über die Anzahl.
„Die grüne Tasche brauche ich an Bord, da sind die Sachen für die Kleine drin“, sagt die Mutter.
„Die ist viel zu gross, die muss aufgegeben werden“, sagt der Vater. Die Mutter will nachgeben, da bricht der Computer erneut ab.
Nun kann Albert nicht mehr zusehen, und er bietet seine Hilfe an. Der Vater ist nicht begeistert, das kratzt an seiner Ehre, aber die Zeit wird langsam knapp und so wird die Hilfe akzeptiert. Albert erklärt energisch der Familie, dass sie sich schnellstens einigen müssen über die Anzahl der aufzugebenden Gepäckstücke, und der Vater akzeptiert schliesslich die grüne Tasche als Bordgepäck.
Es ist geschafft, Albert erhält viele Dankesworte und das Baby will ihm gleich noch seinen Nuggi ins Gesicht drücken, was er gerade noch verhindern kann.
„Findest du nicht, wir hätten dem Mann ein Trinkgeld geben sollen?“, flüstert die Mutter gut hörbar, während sie sich am Gepäckannahmeschalter in die Wartenden einreihen.
„Wie kannst du so etwas auch nur denken, hast du gesehen, wie der angezogen ist? Das ist doch kein Kofferträger, dem man ein Trinkgeld gibt“ lehnt der Vater ab.
Albert will gerade gehen, da wird er von einem Reisenden angehalten. „Bitte, Signore, können Sie mir helfen? Ich bin sehr knapp in der Zeit!“
Albert kann, dieses Mal ist das Einchecken ein Kinderspiel, der Mann hat bereits seine E-Ticket-Nummer in der Hand, er reist alleine und hat nur ein Gepäckstück zum Aufgeben. Er bedankt sich überschwänglich und drückt Albert eine Fünf-Euro-Note in die Hand. „Bitte, Signore, trinken Sie einen Grappa auf unser Wohl!“
„Hast du was mit dem Magen? Du trinkst doch sonst keinen Grappa“, fragen die Kollegen vom Stamm am Abend.
Schon am nächsten Morgen steht Albert wieder am Check-in-Apparat. Neben sich hat er ein Kässeli aufgestellt und ein Schild davor:
Sie dürfen mir Trinkgeld geben!
Er kann vielen Reisenden zu einem unbeschwerten Reiseantritt verhelfen und das ist ein schönes Gefühl für ihn. Und bis zum Abend ist das Kässeli gefüllt. Er zählt gerade seine Einnahme, da wird er brutal gestört von seinem Wecker. Er hat einen frühen Vorstellungstermin. Den wievielten? Er weiss es nicht mehr.
Schade, der geträumte Job hätte ihm gut gefallen.
Erstveröffentlichung im Nebelspalter
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