Das Thema "Zukunft des Tourismus 2030: Ist die Wirtschaft in der Bergregion ohne Schnee denkbar" ist aktuell und generell. Schlecht nachvollziehbar ist die Tatsache, dass Leiter von Touristikregionen kaum oder gar nicht von politischer Seite als Referenten angefragt werden. Der Dialog zwischen den Politikern in Bern und dem Tourismus könnte und müsste vertieft werden. Unter anderem liegt auch die volkswirtschaftlich herausragende Bedeutung der Tourismusbranche, auf deren Wettbewerbsfähigkeit die Bergregion angewiesen ist, in der politischen Verantwortung.
Feststellungen seitens gewichtiger Touristiker, wie "es darf nicht sein, dass Tourismusregionen in Nachbarländern einen gastfreundlicheren Ruf haben, als unsere Destinationen. Wir müssen die Besten sein", sind zu vermeiden mit politisch erlassenen günstigen Rahmenbedingungen. 50% der hiesigen Anbieter von touristischen Produkten genügten den heutigen Anforderungen nicht mehr, ist zu hören. Zwei Slogans weisen den Weg: Es gilt, zuerst zu dienen, bevor man verdienen kann. Und: Tue Gutes, und rede darüber. Wenn die Guten gut überleben, geht es auch den andern wieder besser.
Standortentwickler statt Direktor
Die aktuellen Umwelt- und Gesellschaftsbedingungen verlangen eine dynamische Anpassung der touristischen Angebote, vor allem im Winter. Das heisst, dass der Herr Direktor im Tourismus dem Standortentwickler im Tourismus Platz machen muss. Es gilt, laufend den Standort, oder wie es heute in der Branche heisst, die Destination, weiter zu entwickeln und den Herausforderungen zu folgen. Der oberste Verantwortliche einer Tourismusdestination muss sich diese Aufgabe zur Chefsache machen. Die Konzentration auf einen sanften, qualitativ hochwertigen Individualtourismus ist sicher nachhaltiger als die kurzsichtige Ausrichtung auf Massentourismus. In der Vermarktung des Angebotes sind sinnvolle Kooperationen notwendig, um Synergien zu nutzen. Nur so können eine stärkere Wahrnehmung auf den internationalen Tourismusmärkten erzielt und Doppelspurigkeiten eliminiert werden.
Die Schweiz muss sich, wie die Alpenländer allgemein, auf die bisherigen erfolgreichen Ski- und Snowboardzentren konzentrieren, mit massvoller Modernisierung und Kapazitätssteigerung der Transportanlagen. Das heisst konkret: Beschneiungsanlagen sind nur sinnvoll, das heisst unter Berücksichtigung mittel- und langfristiger Klimaprognosen, und sehr verantwortungsbewusst einzusetzen.
Keine neue Erschliessung von unberührten Landschaften für Ski- und Snowboardanlagen.
Grosszügige Kompensationen durch beispielweise Aufforstung an andern Orten.
Anreize und Ausstiegshilfen für Kleinskigebiete in kritischer Höhenlage.
Hier sind wiederum die politische Unterstützung durch geeignete Rahmenbedingungen und der intensive Dialog mit dem Tourismus dringend gefragt.
Tageszeitung am 3. Januar 2030: Wo bleibt der Schnee?
„Auch im neuen Jahr hat es nicht geschneit. So bleiben die Bergbahnen bis auf weiteres geschlossen. Es kam zu ersten Entlassungen bei den Bergbahnen und in den Skischulen. 50 Hotels mussten schweizweit aus wirtschaftlichen Gründen den Betrieb einstellen. Die AUDI FIS Ski World Cup Rennen in Adelboden wurden abgesagt. Ein gleich lautender Entscheid über das Lauberhorn-Skifest wird heute erwartet.“
Dieses Szenario basiert auf einer Studie, die im Auftrag der Destinationen Berner Oberland und der Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern im Jahr 2007 vom Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus der Universität Bern, unter Leitung von Professor Hansruedi Müller, veröffentlicht wurde. Im Berner Oberland beispielsweise ist heute jeder vierte Arbeitnehmer direkt oder indirekt in der Tourismusbranche beschäftigt. Reine Wintersportbetriebe müssen in 4 Monaten den Cashflow für das ganze Jahr erwirtschaften. Schneeabhängige Berufe sind Angestellte bei Skiliften und Bergbahnen, Schneesportlehrer und Tourenführer, Hotellerie- und Restaurationsmitarbeiter, Mitarbeiter in Sportgeschäften sowie im Handel und Gewerbe, Outdoorveranstalter, Tourismus- und Gemeindeangestellte und indirekt alle Bewohner von Wintertourismusorten.
Ein Nachteil vieler Destinationen ist, dass die touristisch erschlossenen Berge aufhören, wo sie beispielsweise im Engadin erst anfangen. Das zwingt zu einer Anzahl wichtiger Weichenstellungen im Tourismus, mit denen man dem geschilderten Szenario begegnen könnte. Es ist eigentlich unverständlich, dass eine ernsthafte Studie als schönes und interessantes Buch zur Kenntnis genommen wird, ohne dass irgendwo Konsequenzen aus den Ergebnissen zu sehen sind.
Die dem Szenario zu Grunde gelegten Annahmen – es würde hier zu weit führen, die Zahlen und Daten zu nennen – würden zu einer Abnahme schneesicherer Skigebiete allein im Berner Oberland bis zu 70% führen. Unter 2000 m.ü.M hätte der Wintertourismus keine Chance mehr, wirtschaftlich zu existieren.
Die Zukunft hat bereits begonnen
Neben vielen anderen gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Veränderungen hätte eine Klimaänderung einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des Tourismus, bestätigen praxisbezogene Fachleute die Thesen der erwähnten Studie. Touristiker sind gut beraten, die Konsequenzen zu erkennen und mit geeigneten Massnahmen eine zu grosse Wetterabhängigkeit zu vermeiden. Gefordert sind schneeunabhängige Angebote. Wie soll man beispielsweise dem Städter den Wintersport schmackhaft machen, wenn in Zürich der Einkaufsbummel im T-Shirt bei 15 Grad Wärme möglich ist, obwohl in den Bergen beste Skisportverhältnisse vorliegen. Die fehlende Winteratmosphäre in tiefen Lagen muss als neuer Aspekt in der Werbung erscheinen. Anstrengungen sind nötig, in Destinationen unter 2000 m.ü.M überall gepflegte Wanderwege, Alternativsport- und Wellnessanlagen für die heute bereits rund 40 % Nicht-Skifahrer unter den Gästen anzubieten. Erdgebundene Skilifte sind durch Sesselbahnen zu ersetzen und die Wanderwege mit diesen Bahnen zu vernetzen. Die Bergbahnunternehmen müssten zu Ganzjahresbetrieben umfunktioniert und parallel dazu auch das Sommer und Herbstangebot ausgebaut werden. Auf der Ebene der Destinationen und Betriebe ist Diversifizierung angesagt. Die bestehenden Angebote können noch differenziert und optimiert werden. Das Marketing mit Sommerfrische in den Bergen soll genutzt werden, und nicht vergessen darf man das wachsende Sicherheitsbedürfnis der Gäste. So zählt der zeitgemässe dynamische Standortentwickler eine Reihe von Massnahmen auf.
3 Faktoren gelten als Träger auch im Tourismus der Bergregionen, welche klimaunabhängig die Existenz der guten Destination sichern: „Gesundheit, Natur und Kultur".
Persönlicher Kommentar des Autors: Die Klimaveränderung akzeptieren
Kopenhagen, CO2-Zertifikate, Offroader-Initiative sind medienwirksame und für gewisse Unternehmen gewinnbringende Vorschläge, die Klimaveränderung zu bekämpfen. Wir wissen nicht, ob sie nützen, ob sie wirken. Wir wissen, dass die Erwärmung stattfindet. Solches fand in der Erdgeschichte wiederholt statt. Möglicherweise gründet die aktuell rasche Folge von Veränderungen, die sich in zunehmend heftigeren Wetterereignissen manifestieren, auf unseren zivilisatorischen Emissionen. Glaubwürdig bewiesen ist nur wenig. Noch streiten sich Wissenschaft und Politik im Grundsätzlichen. Noch verzichtet die Mehrheit nicht auf die angenehmen Errungenschaften der Zivilisation.
Der Klimawandel kümmert sich nicht darum.
Die oben zusammengefassten für Nachhaltigkeit sprechenden Vorschläge vom Adelbodner Tourismusleiter Roland Huber weisen den Weg, welcher dem Wandel in Umwelt und Gesellschaft begegnet und dem Tourismus in schneegewohnter Landschaft neue Impulse gibt und – wohl das Wichtigste – jetzt machbar ist. Sein Appell an die Politik, die Klimaveränderung gemeinsam mit den Touristikern zu akzeptieren und neue Wege zu gehen, ist realitätsnäher, als die Erderwärmung bekämpfen zu wollen. Die im Szenario aufgezeigten Trends der Veränderung sind Tatsachen. Auf diese so positiv als möglich zu reagieren, ist allemal wirksamer, als das Scheitern der Umweltkonferenz zu verurteilen.
Bilder: PHOTOPRESS/Adelboden
Frau Holles Rezept
Bernhard Schindler Redaktor Seniorweb alt. stv. Chefredaktor Zofinger Tagblatt