Gesundheit

Demenz und Wertekultur (Teil 1)

Demenz und Wertekultur (Teil 1)

"Demenz ist Leben in Beziehungen." Wo immer Menschen zusammenkommen, entstehen Beziehungen. Wie ein Mensch mit seinen Mitmenschen umgeht, zeigt, welche Werte er sich zu eigen gemacht hat, besonders gegenüber Personen, die nicht voll über ihr Potential verfügen, hilfsbedürftig, krank, alt sind.

Ethische Fragen im Hinblick auf den Umgang mit demenzkranken Menschen in unserer Gesellschaft standen im Mittelpunkt der ersten diesjährigen Tagung des Bildungsinstituts ZfP der TERTIANUM AG am 28. Januar 2010 in Zürich, zu der sich 350 Personen - Interessierte und Fachpersonen - eingefunden hatten. Carsten Niebergall, Leiter Fachbereich Alter des TERTIANUM-Bildungsinstituts ZfP, führte mit grosser Sachkenntnis und spürbarem Engagement durch den Tag.

Foto unten: Linda und Richard Taylor

img_029_lr_taylor.jpgEthische Fragen und Gedanken zur Betreuung von Demenz-Kranken

War es das Interesse an dem sympathischen, stets präsenten Autor von "Alzheimer und Ich", dass sich eine so grosse Zahl von Interessierten für diese Tagung angemeldet hatten? Dieses Buch hatte auch im deutschaprachigen Raum grosse Aufmerksamkeit gefunden. 

Richard Taylor, PhD., Psychologe aus Texas, sprach aus der Sicht eines Betroffenen mit den Symptomen der Demenz, vermutlich Typ Alzheimer, über seine Gefühle und Gedanken. Er berührte die Zuhörenden mit der ungeschminkten Beschreibung seines Zustandes, seiner Defizite - ohne die ständige Hilfe seiner Frau Linda kann er nicht mehr selbständig leben. Aber er beeindruckte auch mit seinem Elan, seinem Mut, seinen Aktivitäten und mit seiner einfachen, klaren Sprache.

Er hat sich das Ziel gesetzt, so lange es ihm möglich ist, denen als Sprachrohr zu dienen, die selbst nicht mehr in der Lage sind, sich ihrer Umgebung gegenüber ausreichend sprachlich mitzuteilen oder ihre Mitmenschen zu verstehen. Eindringlich erklärte er, dass ein Mensch seine Identität auch als Mensch mit Defiziten behält bis zum Tod: "Ich bin Richard. ... Wenn ich die Fähigkeit zu sprechen verliere, werde ich immer noch Richard sein. ... Es ist niemals nur die Hülle ..."

img_052_richard_taylor.jpgZwei Dinge lagen Richard Taylor (Foto rechts) besonders am Herzen:

Zum einen sollten sich alle, die mit Demenzkranken zu tun haben, stets bewusst sein, dass diese Menschen nur noch im Moment leben, dass sie eventuell Erinnerungen haben, diese aber nicht immer in Bezug zur Gegenwart setzen und verständlich ausdrücken können.

Zum zweiten gilt, wie Taylor erklärte, für den Umgang mit Demenzkranken die gleiche Forderung, die schon Immanuel Kant als Kategorischen Imperativ definiert hat: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."

Richard Taylor drückte es so aus: "Ich bin mir sicher, dass wir uns selbst und anderen zuflüstern müssen: 'Kümmert euch um Menschen mit Demenz.'"

Das Manuskript dieses Vortrags finden Sie hier.

 

 

"Ertrunken im Meer des Vergessens?"

Unter diesen Titel stellte Dr. theol. Verena Wetzstein, Studienleiterin der Katholischen Akademie Freiburg im Breisgau und Redakteurin der Zeitschrift für medizinische Ethik, ihren Eingangsvortrag. Sie verstand ihre Überlegungen als Beitrag zu der in unserer Gesellschaft dringend notwendigen Debatte über ethische Fragen im Umgang mit demenzkranken Menschen. Zu Hilfe nahm sie dazu ein kleines literarisches Werk: "Oskar und die Dame in Rosa" von Eric-Emmanuel Schmitt, aus dem sie verschiedenes zitierte:  " . . . und jetzt liege ich allein in meinem Bett. Kahl, klapprig und müde. Es ist nicht schön, alt zu werden." Verena Wetzstein berührte Themen, die auch von den nachfolgenden Referenten jeweils aus ihrem Blickwinkel beleuchtet wurden.

Foto unten: Verena Wetzstein

img_027_verena_wetzstein.jpgIn Zeitungen, Fernsehen und populären Veröffentlichungen wird Alzheimer-Demenz fast durchwegs als Schreckgespenst dargestellt. Schlagworte wie "Tod bei lebendigem Leib", "Abschied vom Ich" oder "Jahrhundertkrankheit" zeigen auf, wie stark das Phänomen Alzheimer heute dämonisiert ist. Politik und Gesundheitswesen hingegen haben all diese Fragen an die Medizin abgegeben - zu Unrecht, meinte Frau Wetzstein.

In der heutigen Gesellschaft gelten rationales Denken und Selbstbewusstsein als unabdingbare Voraussetzungen für das Individuum. Für Menschen mit Demenz bedeutet das häufig, dass sie zwar mit Blick auf ihre frühere Persönlichkeit noch Respekt erhalten, aber nicht mehr die volle Anerkennung als Person. Die Medizin konzentriert sich heutzutage auf Diagnostik und Suche nach ursachenbezogenen Therapiemöglichkeiten, das heisst, auf die beginnenden Phasen der Demenz - die fortgeschrittenen Phasen, wenn Orientierung und die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, weitgehend verloren sind, werden mehr oder weniger vernachlässigt.

Verena Wetzstein forderte ein neues, integratives Demenz-Konzept. Demenzkranke Menschen sollten mit allen ihren körperlichen und emotionalen Bedürfnissen ernst genommen werden, die Angehörigen sollten besser in die Betreuung eingebunden werden, und in der Gesellschaft sollte Solidarität auch im Umgang mit demenzkranken Menschen eingeübt werden.

Eine detaillierte Zusammenfassung des Vortrags finden Sie hier.

 

Menschenwürde bei Demenz

Prof. Dr. Helmut Bachmaier, Wissenschaftlicher Direktor der TERTIANUM-Gruppe, knüpfte in seinen Ausführungen gern an Taylors Eintreten für den Kategorischen Imperativ an. Gerade in der europäischen Geistesgeschichte nehmen Kant und sein Diskurs über Ethik einen hervorragenden Platz ein.

Die Würde des Menschen wurde schon Ende des 17. Jahrhunderts von Samuel von Pufendorf direkt aus der natürlichen Gleichheit aller Menschen abgeleitet. Noch früher, in der Renaissance hatte Pico della Mirandola mit "De dignitate humanis" (Über die Würde des Menschen, 1496 posthum veröffentlicht) einen Meilenstein gesetzt in der Definition, wie Menschenwürde zu verstehen ist.

img_096_helmut_bachmaier.jpgHelmut Bachmaier (Foto links) focht eloquent gegen die in der Öffentlichkeit diskutierte These, dass Würde mit Selbstachtung verbunden sei: "Die Würde," sagte er, "die mit der menschlichen Existenz gleichursprünglich und unveräusserlich gegeben ist und über den Tod hinaus wirkt, ist keineswegs etwas, das ein Mensch verlieren kann, schon gar nicht aus bloss empirischen Bedingungen. Selbst der Demente kann noch im Rahmen seiner Möglichkeiten handeln und etwas zum Ausdruck bringen." Weiter betonte er: "Zur Würde gehört, dass jeder in seiner Freiheit und in seinen Lebensentwürfen geachtet wird ... Würde und Achtung sind im Alter dann besonders hohe Güter, wenn Einschränkungen und Gebrechen dem Menschen die Selbstgestaltung seines Lebens kaum mehr möglich machen. Jeder Hilflose hat Anspruch auf Würde und Achtung." Respekt bedeutet nicht einfach "Akzeptanz", Respekt muss echte Anerkennung sein, denn nur diese garantiert dem anderen die Würde.

Die Broschüre "Menschenwürde bei Demenz" ist bei der TERTIANUM-Stiftung erschienen. Darin sind Prof. Bachmaiers 10 Thesen zur Menschenwürde bei Demenz abgedruckt.

Der Bericht über die weiteren Vorträge folgt am 17. Februar 2010.

Alle Fotos: © Jürgen Georg