Nach den uns überlieferten Dokumenten war Miguel de Cervantes der Reihe nach Jesuitenschüler, Theologiestudent, Duellant, Theaterfan, Kammerdiener, Flüchtling, Dichter, Verbannter, Soldat im spanischen Heer, Gefangener von Piraten, von Feinden nach Algerien verschleppt, Sklave, Ehemann mit 37, Beamter, wieder Flüchtling, Kaufmann, wieder Soldat, Steuereintreiber, Waffenhändler, wieder Strafgefangener, Lieferant der spanischen Kriegsflotte, wieder auf der Flucht, Bankrotteur, in Schuldhaft genommen, von seiner Kirche exkommuniziert, von seinem Verleger betrogen, am Ende ein armer, einsamer Mann, gestorben 1616 in Madrid.
Im Jahre 1605 schrieb Miguel de Cervantes im Alter von 58 Jahren einen Bestseller.
Für Spanien war das „Goldene Zeitalter“ gerade zu Ende gegangen. „Golden“ darum, weil das Land im 16./17. Jahrhundert unter der Führung der Habsburger sowohl politisch als auch kulturell auf der Höhe seiner Macht war.
Das spanische Könighaus lebte in üppigem Wohlstand und Luxus. Trotz der immensen Gold- und Silberlieferungen aus Südamerika verarmte mehr und mehr die Bevölkerung des Landes. Doch niemand in den Schlössern, hinter den vergoldeten Gittertoren, bemerkte, dass ringsum ein Millionenvolk nichts zu knappern und nichts zu beißen hatte.
Der Untergang der Weltmacht kam 1588. Spaniens König Philipp II. schickte eine gewaltige Invasionsflotte, die Armada, gegen England. Vorgeblich zum „Kreuzzug gegen die ketzerischen Protestanten“. Die wochenlange Schlacht endete mit einer völligen Vernichtung der spanischen Flotte.
Danach sah sich der König gezwungen, seinen Gläubigern den Staatsbankrott zu erklären, seine Untertanen mit erdrückenden Steuern so gewaltig zu belasten, dass deren Leben mehr und mehr verkümmerte. Kein Wunder, dass man selbst den Mut der Verzweiflung nicht mehr aufbringen konnte, und man sich sagte: Angesichts dieser Situation ist selbst Resignation noch zuviel Engagement!
Da veröffentlichte Miguel de Cervantes einen Roman, der europaweit Aufsehen erregte: Don Quijote bzw. <Don Quixote> in alter Schreibweise. Don Quijote ist ein Mann, der wie er ist. Einer, der in Positionen verschoben wurde, in denen er versagen musste. In Umstände hinein geraten, die ihn einfach überforderten; scheitern ließen.
Don Quijote ist wie so viele. Immer wieder werden Menschen auf einen Lebensweg geführt, von dem es dann unaufhaltsam nur noch bergab geht. Unaufhaltsam?
Nicht doch! Miguel de Cervantes schickt seinem Don Quijote in diese traurige Welt und lässt ihn kämpfen gegen die vielen Arten von Drangsal, Elend, Gewalt und Macht. Demütigungen, Misserfolgen, Niederlagen.
Ein wahnwitziger Kampf, wie es scheint, mit nichts als einem klapprigen Pferd, einem treuen Weggefährten und dem Selbstbewusstsein: Ich lasse mich nicht stumm und lahm machen von den bedrückenden Wirklichkeiten der Wirklichkeit.
Don Quijote kämpft gegen Windmühlen, attackiert staubumwölkte Hammelherden, besteht einen „blutigen“ Kampf gegen einige mit zig Litern Rotwein gefüllten Schläuchen.
Ein verrücktes Unternehmen: Den Kampf aufzunehmen gegen die Windmühlen der Realität.
Töricht! Unvernünftig! Absurd!
Seine Zeitgenossen, die sich bis dahin damit zufrieden gaben, ihr tägliches Leben zu verdauen, ließen sich jedoch offenbar vom Autor und seinem Helden anstecken.
Nicht liegen bleiben! Aufstehen! Mit einem Male gab es wieder Neues unter der Sonne.
Mag sein, man hielt Miguel de Cervantes für verrückt. Kämpfen? Schon recht, auch nötig, doch womit? Mit keckem Mut. Geballtem Trotz. Eigensinniger Fantasie. Unerschrockenem Widerstand. Beherztem Elan. An Widerreden der Zeitgenossen mangelte es schon damals nicht. Lachhaft! Aussichtslos! Unmöglich! Verrückt …!
Aber verrückte Zeiten brauchen verrückte Menschen, die sich von solchen Widerreden nicht irritieren lassen. Man sieht ja, wohin uns die so genannten normalen Menschen gebracht haben.
|
|
Twittern |
Alte Liebe