Zum moralischen Anspruch demenzkranker Menschen. Eine Herausforderung für Pflege und Betreuung
Dr. theol. Heinz Rüegger MAE, im Institut Neumünster tätig, bezog sich in seinem Referat ebenfalls auf seine Vorredner. Zur Illustration der mehrmals erwähnten Angst vor Demenz erzählte er von Paul Baltes, einem der renommiertesten Gerontologen des 20. Jahrhunderts: Dieser hielt im hohen Alter immer wieder den gleichen Vortrag mit wechselnden Titeln: "Das hohe Alter - mehr Bürde als Würde." Heinz Rüegger erklärte: Indem sich Baltes ständig mit dieser Problematik auseinandersetzte und darüber sprach, musste er auch seine eigene Haltung immer wieder hinterfragen. Er beschäftigte sich nicht nur intellektuell, sondern auch emotional mit dem, was uns allen Angst macht, dem Verlust der Würde, und so konnte er lernen, mit dieser Bedrohung umzugehen, ohne den Kopf in den Sand zu stecken.
Zur Frage, ob ein Mensch je seine Würde verlieren könnte, sagte Rüegger: "Jeder Mensch in seiner Eigenheit ist normal, nur der Geklonte ist abnormal."
Heinz Rüegger formulierte sieben Thesen zu den moralischen Ansprüchen demenzkranker Menschen.
Sie finden sie hier in der Zusammenfassung.
Foto oben: Heinz Rüegger
Darüber spricht man nicht.
Über den Umgang mit Ekel in der Pflege und Betreuung
Michael Schmieder, Leiter des Pflegezentrums Sonnweid, Wetzikon, widmete sein Referat dem, was den Pflegenden und Betreuenden in der täglichen Arbeit begegnet: schwierigen Situationen, die Geduld, Toleranz und persönliche Belastbarkeit auf eine harte Probe stellen. Sein Vortrag ging buchstäblich unter die Haut und zeigte auf, dass nicht nur der Würde der Pflegebedürftigen, sondern
ebenso der Würde der Pflegenden selbst Beachtung zusteht.
Foto rechts: Michael Schmieder
Ausgehend von den fünf Sinnen erklärte er, wie empfindlich besonders der Geruchssinn und das Gehör auf unangenehme Sinneserfahrungen reagieren. Für diese, aber auch für Geschmacks- und Tastsinn gilt, dass wir nicht immer Distanz bewahren können. "Pflegende sind Menschen, keine Roboter", sagte Michael Schmieder, deshalb brauchen sie Unterstützung, das Gespräch und Beratung im Umgang mit Grenzsituationen.
Vertrauen und Offenheit im Team, Gespächsbereitschaft und die Bereitschaft, sich selbst vorurteilslos anzuschauen, sind die Voraussetzungen, dass die Pflegenden auch in extremen Situationen ihre Arbeit in Würde tun können. Das betonte Millie Braun, Stationsleiterin in der Sonnweid, in der abschliessenden Podiumsdiskussion. Sie erwähnte auch andere ethische Dilemmata, mit denen Pflegende konfrontiert werden, wenn z.B. Kranke die Pflege nicht zulassen wollen.

Foto oben: Podiumsdiskussion von links nach rechts: Michael Schmieder, Heinz Rüegger, Carsten Niebergall, Millie Braun, Richard Taylor.
Den Willen Demenzkranker erkennen und respektieren
Auch das Thema der Patientenverfügung kam zur Sprache, und deren Gültigkeit, wenn die Person inzwischen hilfsbedürftig geworden ist und andere Signale gibt als früher. Heinz Rüegger vertrat dazu die Meinung, dass man gemäss dem gegenwärtig mutmasslichen Willen der Person ("contemporary autonomy") entscheiden sollte.
Richard Taylor gab zu bedenken, dass man in der Situation, wo einem z.B. die Diagnose Demenz mitgeteilt wird, derart geschockt ist, dass man nicht einschätzen kann, was man wirklich will. Man respektiert den Betroffenen am besten, wenn man ihn in die Diskussion über eine Entscheidung einbezieht, ihn teilnehmen lässt. Mit solchen Gesprächen über den "living will" (den lebendigen Willen) hat man laut Richard Taylor in Amerika begonnen.
Michael Schmieder sieht die Aufgabe der Pflegenden in rechtlichem Sinne darin, die Würde der Menschen zu bewahren und zu beschützen. In unserer Zeit ist das nicht einfach, denn das Bewusstsein für Regeln und Normen ist weitherum verloren gegangen. Schmieder sagte, er sei dankbar für das lebendige Vorbild von Richard Taylor. Demenz ist ja mit den vorhandenen juristischen Mitteln nicht wirklich fassbar. Sie ist auch nicht vorstellbar, ausser man hat sie. Schmieder erinnerte an Walter Jens, dessen Überlegungen zum Thema Hilflosigkeit im Alter durch seine eigene Erkrankung vollkommen in Frage gestellt, wenn nicht wertlos geworden sind.
"Erkenne, wer du bist"
Heinz Rüegger wies darauf hin, dass wir aufgefordert sind, uns neu wahrzunehmen, gemäss dem alten griechischen Wort "Gnothi seautón" (Erkenne dich selbst), das über dem Orakel von Delphi zu lesen war. Auf seine Bedeutung hatte schon Helmut Bachmaier am Vormittag aufmerksam gemacht: "'Erkenne, wer Du bist' bedeutet zu erkennen, dass ich ein Mensch bin, nicht ein Gott, ein Mensch mit allen seinen Bedingtheiten."
"Wir haben verlernt, uns mit unseren Schwächen zu versöhnen;" sagte Heinz Rüegger, "wir verdrängen, dass es im Leben Qualitäten gibt, die ohne 'Styling' und Jugendkult bestehen können. Das macht unseren Umgang mit Demenz so schwierig."
Richard Taylor spürt seit seiner Erkrankung, dass er mit einer empfindlicheren Wahrnehmung von den Betroffenen sehr viel mehr lernen kann. Demenz gibt uns die Gelegenheit, zu Menschen auf eine Weise zu sprechen und ihnen zuzuhören, wie wir es bisher nicht getan haben.
Millie Braun beschloss die Diskussionsrunde mit einem Bild über die Begleitung von Demenzkranken: "Wir sind mit unseren demenzkranken Mitmenschen auf einer Reise, bei der wir Schönes sehen, aber auch Unangenehmes, das wir lieber nicht sehen wollen. Wir geraten auch oft an Grenzen, die die Reise behindern (Millie Braun meint vor allem Formulare, Organisatorisches usw.) und erschweren. Aber es ist und bleibt eine Reise, kein Kampf gegen Feinde."
Video-Sequenzen aus der Podiumsdiskussion finden Sie hier.
Das Bildungsinstitut ZfP der TERTIANUM AG veranstaltet regelmässige Fachtagungen, die kommende Fachtagung vom 10. Juni 2010 hat das Thema: "Bewegung als Lebenselixier für Menschen (mit Demenz)"
Der Bericht über die vorangegangenen Vorträge erschien am 12. Februar 2010.
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Alle Fotos: © Jürgen Georg