Madame Berthilde

Madame Berthilde

Madame Berthilde

Am Anfang wusste ich nicht recht; als „Grande-Dame“ schien sie mir zu schüchtern. Sie wusste das nicht und bat mich um meinen Arm – ausgerechnet mich! Sie fühle sich so viel sicherer. Kann ja sein, dachte ich und war verunsichert.

 

Nicht lange. Ihr Unterarm schob sich längs- und innenseitig an meinen, ich dachte: „Hochzeitsfoto-Position“. Sie lächelte auch und von da ab dirigierte ihr Unterarm meine Berührungsängste und mich selber, entlang den vielen Fenstern, in Richtung Restaurant. Eigentlich wollte ich sie links überholen, nahm auch genügend Abstand, weil ich befürchtete meine Fahrtwind-Turbulenzen könnten sie aus dem Gleichgewicht bringen, ihrem Gehstock traute ich nicht – und ich wollte keinesfalls dabei sein, wenn sie hinfallen würde.

Also überraschte mich ihre Bitte aufs Höchste. Es war unsere zweite Begegnung. Zwei Tage vorher stellte ich mich vor, nachdem ich ihr geholfen hatte den Schlüssel ihrer Wohnungstüre ins Schloss zu stecken. Sie bedankte sich und bat, sie mit Berthilde anzusprechen, ausserdem seien ihre Augen gar nicht mehr gut; aber den Federer verpasse sie nie, der sei halt Klasse:

„Sie kennen ihn natürlich?“ „Nein, nicht so gut“ sagte ich und spürte ihre Enttäuschung, die ebenso gut Vorwurf sein konnte. „Sie waren bestimmt eine gute Tennisspielerin“. „Ja natürlich; aber doch nicht wie Federer, der ist ja auch Schweizer! Schwer wird es für ihn werden, das nächste Mal – glauben sie doch auch?“ Ich hatte keine Ahnung; aber ich glaubte auch – Madame Berthilde zu liebe.

Ihr dünner, fast schon dürrer Arm unter meinem Arm, schaltete mein Gehwerk sofort auf „Kriechgang“. Selber kannte ich diese, mir offenbar eigene Schaltposition noch gar nicht; aber Madame fand sie auf Anhieb. So wäre es gemächlicher, befand sie und wir könnten ruhiger über Federer sprechen:  „den Schweizer wissen Sie“. Sympathie, Freude und Anteilnahme für und mit Federer zu teilen, beziehungsweise für ihn entgegen zu nehmen, müsste herrlich sein – für einen Schweizer – nur: Ich musste lernen, wann er wo und gegen wen er anzutreten hatte. Freude über Erfolge; oder auch nicht – wenn sein Gegner ausnahmsweise besser war – verlangte sie mit ihr zu teilen und dann noch die Zwillinge! Madame Berthilde zuliebe studierte ich Federer-Geschichte. „Sie kennen ihn besser als ich“, sagte ich einmal. Dann schaute sie zu mir herüber, lächelte mich treuherzig an und sagte: „Ich liebe sie halt – la suisse!“ Was hätte ich da noch sagen können? Zweimal schon sei sie dort gewesen.  Den Federer habe es damals noch nicht gegeben: „aber Sie waren bestimmt schon ein «gentil garçon»“. Ich drückte ihren Arm und dachte: Hochzeitsfoto.