Gesellschaft

GrossmütterRevolution

GrossmütterRevolution

Die neuen Grossmütter, sogenannte Babyboomer (zwischen 1946 und 1964 geborene Frauen), stossen das alte Bild vom Grosi vom Sockel und wollen sich in ihrer Vielfalt einbringen auf der Bühne unserer Gesellschaft.

Zur Zukunftskonferenz ins Kiental reisten sechzig Frauen, die bereits einmal eine Rolle in der Öffentlichkeit gespielt haben: im Berufsleben, als rebellische 68erinnen, Politikerinnen, Feministinnen, Autorinnen, Mediatorinnen, Mitglieder von Frauenorganisationen, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen von gemeinnützigen Organisationen. Eine privilegierte Gruppe mit guter Ausbildung, die ihre Anliegen formulieren kann und die nicht unbedingt dem Durchschnitt der Grossmütter entspricht.

 

Warum im Kiental?

Das Kiental als Tagungsort scheint Zündstoff zu enthalten, hat doch Lenin hier seine Revolution geplant, und einige besorgte Menschen warnten die Migros, welche die Konferenz mit dem Kulturprozent sponsert, ein so wertvolles gesellschaftliches Gefüge wie das der Grossmütter, einfach umzustürzen.

 

Zeuseln erlaubt

Die Tagung beginnt harmlos, mit dem Austausch von Erfahrungen mit den Enkeln. Grossmuttersein ist ein ursprüngliches, archaisches Erlebnis für Frauen, die Teilnahme am Familienleben der Töchter und Söhne ein Geschenk. Die alten Frauen möchten ihre Enkel ins Leben begleiten, ihnen ihre Werte weitergeben, mit ihnen reisen, ihnen das Fremde zeigen. Und Grossmütter leben heute zeitgerecht, nutzen Computer und Skype: „Da wollte mir der Enkel doch über Skype ein Spielzeug durch den Bildschirm reichen“, erzählt eine. Und Yvonne sagt: „Grosskinder dürfen bei mir auch einmal etwas Gefährliches machen, ein Zündholz anzünden.“ Und beweist später, dass sie eben auch noch gerne zeuselt, indem sie der Gruppe am 14. Juni 2013 einen Grossmutterrevolutionstag vorschlägt.

 

Wo liegen die Trends?

Doch nach den Geschichten von den glänzenden Äuglein der Kinder stellen die Grossmütter ganz trocken fest, dass sie trotz grosser pädagogischer Erfahrung ihre Enkel nur in Ausnahmesituationen hüten wollen. Für die Kinder berufstätiger Mütter gebe es heute professionelle Betreuungsangebote. Sie, die heutigen Grossmütter, seien in der Schweiz wohl die erste Generation von Frauen, die selbstbewusst interessante Berufe ausüben und breitere Interessen pflegen könne. Diese Eigenständigkeit wollen sie sich bewahren und ihr Engagement für die Enkel selbst bestimmen. Neue Trends wünschen sie sich vor allem in vermehrter Anerkennung ihrer beruflichen und sozialen Kompetenzen und mit neuen Möglichkeiten, sie auch im Pensionsalter umzusetzen.

 

Weniger Enkel verteilen sich auf immer mehr Frauen

Die Chance, Grossmutter zu werden, werde kleiner, stellt Pasqualina Perrig-Chiello, Honorarprofessorin und Generationenforscherin an der Uni Bern, fest. Und belegt statistisch, dass 51 % der Grossmütter heute regelmässig ihre Enkel hüten, dafür 100 Mio Stunden aufwenden, was der Gesellschaft zwei Milliarden Franken pro Jahr einbringt. Zudem fehlen in der Schweiz 50'000 Krippenplätze. Die Grossmutter ist nach den Eltern die wichtigste Person der Welt, sie müsse vor allem da sein, erklären die Enkel in einer Umfrage von Perrig. Finanzielle Zuwendungen spielen kaum eine Rolle. Die Grossmutter sei eine strategische Akteurin auf der Bühne des sozialen und reproduktiven Geschehens, und es wäre wohl falsch, diese wichtigste Person abzuschaffen, so Perrig.

 

Ein Feuerwerk von Thesen und Wünschen

Aus Thesen und Wünschen steigt eine turbulente Diskussion: Werden die Enkel etwa immer noch aus innerem Zwang betreut? Sollten die zwei Milliarden Franken Wertschöpfung nicht zumindest teilweise zu jenen Grossmüttern zurückfliessen, die mit bescheidenen Renten leben und es sich nicht leisten können, mit ihren Enkeln kostspielige Ausflüge zu unternehmen? Wird der Wert des Menschen immer noch über seine Fruchtbarkeit definiert? Müsste man mehr Solidarität üben und darauf verzichten, Lebensentwürfe gegeneinander ausspielen? Und was ist mit den Patchwork-Familien, wo sich die Enkel ihre Lieblingsgrosseltern aussuchen dürfen?

 

Die prozessorientierte Grossgruppenmethode lässt nur wenige Minuten Redezeit pro Person zu, was zwar zu einer Fülle von Thesen führt, die aber teilweise auch wie Feuerwerk verglühen. Eine ganze Anzahl Zuhörerinnen bleibt ratlos zurück, mit dröhnenden Köpfen, in einem ehrwürdigen Saal mit schlechter Akustik – alt eben.

 

Welche Themen bleiben?

Am zweiten Tag werden Themen gesammelt, die weiterbearbeitet werden können. Ziel der Tagung ist es, regionale Netzwerke zu schaffen. Trotzdem grundsätzlich immer noch die Open Space Technologie gilt (d.h. die Lösung kommt aus der Gruppe), ist es hilfreich, dass einige ihre vorbereiteten Projekte aus den Taschen ziehen, die jetzt ausführlicher diskutiert werden können.

 

Eine Baslerin bringt zu ihren Wünschen, als Grosi "wild und weise" sein zu dürfen, gleich die Internetdomaine www.wildundweise.ch mit und legt sie dem Migros-Kulturpozent mit Vorschlägen aus der Region Nordwestschweiz als „Buschi“ in die Babyklappe. Weitere Gruppen diskutieren über Altersfragen wie Wohnen im Alter, politische Beteiligung, Finanzen, Sexualität. Eine Rocksängerin will mithelfen, neue Bilder der Grossmütter in der Kultur und in den Lehrmitteln zu schaffen. Andere planen, die Aussagen im Buch „Die Babyboomer“ von Höpflinger/Perrig zu hinterfragen. Eine Gruppe verordnet sich 10 Minuten Schweigezeit und spricht über die Wirkung dieses Schweigens. Und, um dem Egoismus die Spitze zu brechen, wird ein Vorschlag eingebracht, über den Verein Kwa Wazee Grossmütter in Afrika finanziell zu unterstützen.

 

Zukunftswerkstatt für engagierte Grossmütter

Mit der GrossmütterRevolution eröffnet das Migros-Kulturprozent eine Zukunftswerkstatt für engagierte Grossmütter und gibt ihnen eine Plattform, um eigene Ideen einzubringen und regionale Netzwerke aufzubauen. Die erste Tagung fand im Kiental statt.

An einigen Themen aus der Tagung im Kiental wird weitergearbeitet.
Weitere Besprechungen folgen am 8. und am 16. September 2010 im Limmathaus in Zürich.
Im nächsten Jahr wird eine zweite Tagung durchgeführt.
Neue Teilnehmerinnen sind willkommen.
Informationen finden sich auf www.grossmuetter.ch.