Eine Firma, die sich schon frühzeitig Gedanken über die demografische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Personalpolitik gemacht hat, ist ABB Schweiz. Haupterkenntnisse: Eine längerfristige Heraufsetzung des Pensionierungsalters wird unumgänglich sein. Und: Es liegt nicht zuletzt im Interesse jeder Firma, sich das Know-how und die Qualitäten älterer Arbeitnehmenden möglichst zunutze zu machen. Denn: Wissen und Erfahrung der Mitarbeitenden sind in der heutigen Wissensgesellschaft das wertvollste Kapital eines Unternehmens, und somit steigt auch die Bedeutung von älteren Mitarbeitenden als Wissensträger. Allerdings scheint sich diese Einsicht in der heutigen Arbeitswelt noch nicht überall durchzusetzen, der Jugendkult in einigen Branchen belegt dies deutlich.

Chancengleichheit
Oberstes Leitmotiv in der Personalpolitik der ABB ist die Chancengleichheit: Unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft sollen alle Mitarbeitenden die gleichen Chancen haben. Das ist schon eine ganz zentrale Voraussetzung, damit sich die Generation 50+ langfristig und erfolgreich ins Unternehmen einbinden lässt und somit die gleichen beruflichen Chancen hat wie ihre jüngeren Kolleginnen und Kollegen.
Wertschätzung
Ein wichtiger – eher weicher – Faktor ist die Wertschätzung. Gerade älteren Mitarbeitenden, die schon lange dabei sind, muss man diese Wertschätzung immer wieder zu erkennen geben: „Schön, dass Sie bei uns arbeiten und Ihre wertvollen Erfahrungen zur Verfügung stellen!“. Man muss wegkommen von der Mentalität: Solange man nichts sagt, ist die Arbeit in Ordnung. Und eben: Gerade weil in den vergangenen Jahren ältere Arbeitnehmende sehr häufig vorzeitig aufs Abstellgleis geschoben wurden, sind sie für solche Wertschätzungen besonders empfänglich: „Aha, ich werde noch gebraucht, man schätzt mich nicht trotz, sondern gerade wegen meines Alters.“
Kultur
Es ist ganz klar: Eine solche Kultur der Chancengleichheit für alle Arbeitnehmende und der Wertschätzung für ältere Arbeitnehmende diktiert man weder einfach von oben noch setzt man sie durch ein Papier mit einem Mausklick in Kraft. Diese besondere Kultur muss aufgebaut und gepflegt werden – über Jahre. Und diese Kultur muss ein wichtiges Thema bei Auswahl und Ausbildung von Vorgesetzten sein.
Arbeitsumfeld
Damit sich auch ältere Arbeitnehmende in einer Firma – konkret bei ABB – wohlfühlen, muss das Arbeitsfeld entsprechend gestaltet werden. Das ist zunächst die Arbeit – sie müsste im Alter leichter und weniger stressig, d. h. altersgerechter sein –, und das könnten auch eine reduzierte Arbeitszeit (z. B. 60 – 80 %) und flexiblere Arbeitszeiten sein. Wie wäre älteren Arbeitnehmenden schon geholfen, wenn sie den Staus auf den Strassen und den überfüllten Zügen durch späteren Arbeitsbeginn und früheren Feierabend ausweichen könnten! Mit solchen Massnahmen erreicht man ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben, also eine bessere Work-Life-Balance, und ausserdem, dass Arbeitnehmende generell gesünder bleiben und somit auch länger im Arbeitsprozess verbleiben, mit grossem Nutzen für beide Seiten und sogar für die gesamte Volkswirtschaft.
Weiterbildung
Sich arbeitsmarktfähig halten, das ist ein Punkt, der in unserer unheimlich schnelllebigen Zeit enorm wichtig ist. Das Wissen veraltet schnell, neues Wissen ist gefragt, und dazu dient die Weiterbildung. Hier steht der Vorgesetzte in der Pflicht, der im jährlichen Mitarbeitergespräch das Thema Weiterbildung anschneidet und die entsprechenden Möglichkeiten anbietet. Dazu gehört aber ebenso die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden, welche die erforderliche Weiterbildung einfordern und auch bereit sind, sich der Weiterbildung zu unterziehen, um im Betrieb mit den jüngeren Kolleginnen und Kollegen mithalten zu können. Allerdings muss auch die Weiterbildung entsprechend „altersgerecht“ gestaltet sein, ältere Arbeitnehmende schult man mit Vorteil nicht so wie Lehrlinge….
Und das liebe Geld?
Das sollte, um diesen Punkt in zwei Sätzen abzuhaken, weder ein Grund sein, um ältere Beschäftigte im Betrieb zu halten noch vorzeitig zu entlassen. Arbeitnehmende entlöhnt man nach ihrer Leistung, auch das gehört zur Chancengleichheit.
Standortbestimmung
Viel entscheidender ist etwas anderes, was die ABB anbietet: Mit 45 (und damit nach einigen Dienstjahren) kommt die grosse Standortbestimmung, bestehend aus einem dreitägigen Seminar. Da wird sorgfältig abgeklärt, wo der oder die Arbeitnehmende steht und wohin die weitere Reise gehen könnte. Das kann eine Weiterbeschäftigung in der bisherigen oder auch in einer neuen Funktion sein. Das kann auch, wenn die Kinder erwachsen sind und die persönliche Flexibilität wieder grösser geworden ist, einen Auslandaufenthalt beinhalten oder sogar, wenn die Perspektiven anderswo (z. B. auch in einer selbstständigen Tätigkeit) besser sind, ein Abschied von ABB sein.
ABB auch nach 65
ABB stellt keine kurzlebigen Konsumgüter, sondern langlebige Investitionsgüter her. Um den Service an diesen älteren Anlagen gewährleisten zu können, ist ABB auf das Know-how älterer Arbeitnehmenden angewiesen. Da kann es dann dazu kommen, dass Mitarbeitende zum Beispiel in einem befristeten Auftragsverhältnis für solche Servicearbeiten auch nach dem Erreichen des Pensionsalters weiterbeschäftigt werden. Ein Unternehmen, das pfleglich mit seinen Mitarbeitenden bis 65 umgeht, wird wohl keine Probleme haben, diese auch nach 65 bei der Stange zu halten.
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Warum gerade ABB?
ABB Schweiz ist sicher nicht die einzige Firma hierzulande, bei der Arbeitnehmende eine echte Chance haben, bis zum Pensionierungsalter, oder auch noch darüber hinaus, beschäftigt zu werden. Auf ABB aufmerksam gemacht wurde ich durch den Hinweis eines – jungen – Bankers, der wusste, dass ich schon seit Längerem an diesem Thema arbeite. Kommt noch dazu, dass ich in meiner früheren Funktion als Wirtschaftsredaktor einen sehr guten Einblick in die Firma und in ihre Unternehmenskultur hatte.
Hinweise auf andere Schweizer Firmen, bei denen ältere Arbeitnehmende ebenfalls gute Möglichkeiten haben, „altersgerecht“ und lange beschäftigt zu werden, sind jederzeit sehr willkommen und können auch zu Folgebeiträgen führen. Aber auch Gegenbeispiele, wo noch immer ein „veralteter“ Jugendkult herrscht und ältere Arbeitnehmende aufs Abstellgleis geschoben werden, können mir gemeldet werden. E-Mail genügt!
PHOTO: ABB