Bild oben: Im Puzzle ist jeder einzelne Stein eigenständig und unverwechselbar
Pfarrer Ratti bat uns, das Puzzleteilchen genau zu beobachten. Keines sei gleich, jedes ein eigenständiges Teil, das sich aber erst in der Kombination mit anderen Puzzleteilchen zu einem Bild forme. Es spiele keine Rolle, was das einzelne Teilchen zeige: Es könne ein blosses Stück azurnen Himmel darstellen, oder aber einen Teil eines Astes oder gar den Kopf eines handelnden Menschen.

Bild: Schade, wenn ein Teilchen fehlt - das Puzzle ist dann nicht komplett
Mit einander verhängt sein
Worauf es ankomme, sei das Mit-einander-verhängt-Sein. Wer die vielen hundert oder tausend Puzzleteilchen auf einem Tisch ausschüttet und mit dem Zusammensetzen beginnt, tut gut daran, mit den Rändern zu beginnen. Erst wenn sich der Rahmen geschlossen hat, kann man daran gehen, den Inhalt aufzufüllen. Je mehr Teilchen in einer Ecke zusammenpassen, desto deutlicher wird, was das Bild einmal aussagen wird. Teilchen für Teilchen fügt sich zusammen. Vielleicht bleibt irgendwo ein Loch stehen. Dieses muss bis zum Schluss unbedingt gefüllt werden. Denn nichts schadet einem Puzzle so sehr wie das Fehlen eines einzigen Stückchens. Und da spielt wiederum keine Rolle, ob dieses Teil einen wesentlichen Bestandteil des Gesamtbildes wiedergibt oder ob es, wie das erwähnte Himmelsstückchen, belanglos ist.
Pfarrer Ratti zog aus seiner einleuchtenden Geschichte die Lehre, dass jeder von uns ein einmaliges Individuum ist. Dass jedes Teilchen aber trotz seiner Einzigartigkeit nur richtig leben kann, wenn es sich in das Ganze hinein fügt. Und dass wir dafür sorgen müssen, dass keiner fehlt, keines ausfällt.
Was hat das Puzzle mit Ostern zu tun?
Ostern ist der schönste Tag in einem Christenleben: „Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden!“
Am Karfreitag noch waren wir im Zweifel, in grosser Not allein. Und wie Petrus haben wir uns nicht getraut, zu Jesus zu stehen. Denn wir fühlten uns allein, einsam und verlassen. Verlassenheit ist keine Motivation zu einer mutigen Tat.
Aber an Ostern kehren die ersten Christen zurück aus ihren Verstecken. Nicht von einem Tag auf den andern, aber doch in der Zeit bis Pfingsten bildet sich die Gemeinschaft der Gläubigen. Vor Christi Kreuzigung war es einfach, Christ zu sein. Man entschied sich für Jesus, ohne Verantwortung zu tragen. Nach der Kreuzigung kam die Stunde der Bewährung. Und Petrus „der Fels“ bestand sie nicht. (Ist das nicht tröstlich, dass selbst Heilige versagen?) Nach Christi Auferstehung an Ostern fügen sich die individuellen Glieder der Gemeinde wie ein Puzzle zusammen. Und diese Gemeinschaft, welche jede Gewalt ablehnt, die sich von ihren Feinden kreuzigen, pfählen und verbrennen lässt ohne aufzuhören, Gott zu preisen – diese Gemeinschaft ist stark als ein gelebtes Puzzle.

Bild: Erst in der Gemeinschaft mit allen andern ergibt sich ein überzeugendes Bild
Da gibt es plötzlich keinen rechten Rand mehr oder einen linken. Da spielt oben und unten keine Rolle. Nur noch die Stärke des in sich gefügten Puzzles.
Ob man nun gläubig ist oder agnostisch, ob man sich als aktives Gemeindemitglied fühlt oder zufrieden ist mit einer passiven Rolle: Ostern lässt uns nicht kalt.
Ein Jahr seine Schäfchen begleitet
Pfarrer Ratti in Felsberg hat seine Konfirmanden ein Jahr lang begleitet. Im Konfirmationslager im Tessin hat er neue Seiten seiner Zöglinge kennen gelernt. In der Maggia hat er zwei seiner Konfirmanden getauft. Die rund 20 Jugendlichen hatten Mutproben zu bestehen, konnten sich untereinander und mit dem Pfarrer austauschen über ihre persönlichsten Probleme. Ein Konfirmand ist während des Unterrichtsjahres an einer schweren Krankheit gestorben. Für die Konfirmanden aber stand er bei der Feier in der Kirche von Felsberg dabei. Sie sind durch all das, was sie erlebt haben, eine verschworene Gesellschaft geworden. Wie die ersten Christen nach dem Passahfest, an welchem Jesus auferstanden ist.
Nun sind die Felsberger Jugendlichen in die Kirche der evangelisch-reformierten Gemeinschaft aufgenommen worden. An Karfreitag durften sie zusammen mit ihren Eltern erstmals das Abendmahl einnehmen.
Michael und seine Eltern haben mir nach der Feier bestätigt, dass die Konfirmanden Freundschaften geschlossen haben, die die Adoleszenz überdauern werden. Sie sind jetzt ein Puzzle. Auch das eine Teilchen mit dem leider so früh Verstorbenen ist in das Bild mit eingefügt und wird nie fehlen.